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Der veränderte Blick von der Wüste aus

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Von: Johannes Dieterich

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Jahrelang ziehen seine Entführer mit dem Südafrikaner McGown durch die Sahara, mehr als 150 Lager errichten sie in dieser Zeit. Imago Images
Jahrelang ziehen seine Entführer mit dem Südafrikaner McGown durch die Sahara, mehr als 150 Lager errichten sie in dieser Zeit. Imago Images © dpa

Mehr als sechs Jahre halten Dschihadisten Stephen McGown in der Sahara fest. Heute hält er Vorträge über sein Leben mit den Islamisten – und beschreibt deren Welt als überraschend friedlich

Als Stephen McGown vom Abzug der französischen Truppen aus Mali hört, denkt er zuerst an die Geiseln, die derzeit von islamistischen Extremisten in der Sahara gehalten werden: „Die werden jetzt vollends verzweifeln.“ Der 47-jährige Südafrikaner weiß aus eigener Erfahrung, was einen Gefangenen der Dschihadisten am Leben hält: Die Hoffnung, dass eines Tages Helikopter am Himmel über dem Wüstensand auftauchen, französische Elitesoldaten die Gotteskämpfer in ein Gefecht verwickeln und schließlich deren Geiseln wie Helden in einem Hollywoodfilm befreien. Auch wenn sich ein solches Drama in der Sahara höchstens jedes Schaltjahr mal abgespielt hat: Mit dem Abzug der Fremdenlegionäre geht nun auch diese Hoffnung verloren.

In den über sechs Jahren, die Stephen McGown als die am längsten festgehaltene Geisel „Al Kaidas im Maghreb“ (Aqim) in der Wüste verbrachte, hörte er immer mal wieder Motorengeräusche am Himmel. Doch jedes Mal scheuchten die Dschihadisten ihre Gefangenen unter die Büsche, und niemals machten die Piloten ein Lager der Entführer aus. Unterdessen wuchsen Stephens Gesichtshaare zu einem rötlichen Rauschebart heran, seine Arabischkenntnisse verbesserten sich von null auf „leidlich gut“ und in der Kenntnis des Korans stand er seinen Widersachern bald kaum noch nach. Aus dem Christen Stephen war Lot, der Muslim, geworden.

Als er im Jahr 2011 von seinem Dasein als Banker in London endgültig genug hatte, erfüllte sich Stephen einen Lebenstraum. Er machte sich mit dem Motorrad auf den Nachhauseweg in den Südzipfel Afrikas – und wurde ausgerechnet in der sagenumwobenen Wüstenstadt Timbuktu gemeinsam mit zwei anderen europäischen Abenteurern aus einer Herberge entführt. Den Deutschen Martin erschossen die Geiselnehmer noch vor Ort, weil er Widerstand leistete. Stephen wurde gemeinsam mit dem Schweden Johan und dem Holländer Sjaak in die Sahara verschleppt. „Ich wusste sofort, dass sich mein Leben von einem Moment auf den anderen für immer verändert hatte.“

Die Al-Kaida-Kämpfer kutschieren Stephen – zunächst noch mit seinen beiden europäischen Mitgefangenen – über sechs Jahre lang durch die endlosen Weiten der Sahara: Mehr als 150-mal müssen sie sich ein neues Lager errichten. Seine Entführer stellen sich als ausgezeichnete Kenner der Wüste heraus. Der Ex-Banker lernt von ihnen, wie man sich aus Zweigen einen Unterschlupf im Sand baut und wie man die Sterne als Landkarte nutzt. Schnell finden die Geiseln heraus, dass sie gut daran täten, zum Islam überzutreten: Einer nach dem anderen rezitiert das „Ash Shadoo“ – den Vers, der einen schmutzigen Ungläubigen zu einem wahren Menschen machen soll. Stephen nahm seine Konversion durchaus ernst: „Ich gab mir Mühe, in die Rolle Lots zu finden.“

Bald verbrachte Lot viel mehr Zeit im Gespräch mit seinen Häschern als mit seinen Mithäftlingen, die vom Zorn über ihr Schicksal regelrecht aufgefressen worden seien: „Sie wurden bitter und einsam.“ Dagegen hatte sich Stephen vorgenommen, wenn überhaupt, dann nicht als psychisches Wrack nach Hause zu kommen: „Ich suchte aus meiner Lage das Beste zu machen.“

Als sein Arabisch gut genug ist, debattiert er mit seinen Widersachern über Gott, die Welt und woher die Dschihadisten eigentlich das Recht hernahmen, ihn seiner Freiheit zu berauben. Denn dass sie ihn entführten, hat er den vermeintlich frommen Gottesmänner niemals verziehen: „Sie hielten uns fest. Sie drohten uns unzählige Male mit dem Tod. Und sie ließen mich selbst dann nicht gehen, als meine Mutter im Sterben lag.“ Allerdings lernte Lot auch eine Welt und eine Sicht der Dinge kennen, von der Stephen keine Ahnung hatte. Zum Beispiel, dass der Islam „friedlich wie keine andere Religion“ sein könne, zumindest innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Die fünf regelmäßigen Gebete am Tag, die das gesamte Leben auf Gott ausrichteten; das Gemeinschaftsgefühl unter Muslimen, das keinen ausgeschlossen lasse; das Alkoholverbot, das die Köpfe kühl halte; und die Trennung von Frauen und Männern, mit der einer der hartnäckigsten Konflikte der Menschheit vermieden werde.

Noch etwas anderes fiel Lot auf: Wie tief viele Muslime zumindest in diesem Teil der Welt den Westen hassen. Vor allem die Europäer, die sich seit den Zeiten des Kolonialismus mit ihren überlegenen Waffen zu Herren auch über die muslimische Welt aufschwangen – und nun bestimmen wollten, wie jeder zu leben habe. „Und wenn der Koran die Demokratie nun als Sünde betrachtet?“

Noch deutlicher werde die westliche Überheblichkeit in den Medien, die über jeden einzelnen US-Bürger berichteten, der durch die Hand eines Muslims zu Schaden komme. Doch wenn eine US-Drohne fälschlicherweise ein muslimisches Dorf mit Dutzenden an Einwohnern plattmache, krähe kein Hahn danach. „Von der Wüste aus betrachtet, sieht die Welt sehr anders aus“, sagt Stephen.

Der Häftlings-Veteran teilt seine Entführer in drei Gruppen ein: das Fußvolk – junge Männer aus der Sahara, die sich ohne große religiöse oder politische Motivation als schlecht bezahlte Schießgesellen über Wasser hielten. Dann das „Mittel-Management“: ideologisch geschulte Dschihadisten, die ihren Heiligen Krieg gegen die ungläubigen Eindringlinge in ihre Welt im Paradies vergütet bekommen. Und schließlich das „Senior Management“: ein international gespanntes Netzwerk von Profi-Rebellen, deren Ziel die Befreiung der arabischen Welt vom dekadenten westlichen Einfluss und schließlich der Sieg des Islam über den Globus ist. „So steht es ausdrücklich im Koran“, sagt Stephen. „Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass sich ein strenggläubiger Muslim mit weniger zufrieden gibt.“

Weil Lot neben seinem südafrikanischen auch einen britischen Pass hat, war er unter den Geiseln zunächst der Underdog: Denn die Briten stehen als einstige Kolonialisten neben Franzosen und US-Amerikanern ganz oben auf der Hassliste der Dschihadisten. Erst als den Entführer klar wurde, dass sich eher Pretoria als London – vor allem aber eine südafrikanische muslimische Hilfsorganisation namens „Gift of the Givers“ – um Stephens Freilassung bemühten, änderte sich die Einstellung der Extremisten, noch verstärkt von Lots Interesse an ihrem Leben.

Trotzdem kommt der Südafrikaner als letzte der drei Geiseln erst im Jahr 2017 frei. Ob jemand Lösegeld bezahlt hat, weiß Stephen noch heute nicht, hält es aber für unwahrscheinlich. „Würde die ANC-Regierung für einen weißen Südafrikaner zahlen?“ Bei seiner Rückkehr nach Hause interessiert den damaligen Präsidenten Jacob Zuma vor allem eines: Wie er es mehr als sechs Jahre lang ohne weibliche Begleitung ausgehalten habe.

Das Heimkommen fällt Stephen viel schwerer, als er sich das vorgestellt hatte. Seine Mutter ist tot, seine Frau nimmt „Berge an Antidepressiva“ zu sich, seine Freunde gehen demselben Leben wie vor zehn Jahren nach: Geld verdienen, ein möglichst schickes Auto kaufen, am Wochenende neben der Freundin im Bikini am Pool liegen und Gespräche über die Karriere, über finanzielle Sorgen und über die Eifersucht führen. Aus Lot ist wieder Stephen geworden: Der Rauschebart ist abgeschnitten, die fünf täglichen Gebete zu Allah haben sich längst wieder zu höchstens einem an irgendeinen Allmächtigen reduziert, seit Jahren versucht Stephen, mit seiner Frau ein Kind zu kriegen, er trinkt wieder Bier. Und trotzdem ist nichts, wie es mal war.

Denkt Stephen jetzt nochmals über den Abzug der französischen Truppen aus Mali nach, kommen ihm andere Gedanken. „Was taten die Franzosen eigentlich dort? Und wer hat sie dorthin geschickt?“ Es seien „eigennützige politische Motive“ gewesen, die Paris dort hätten intervenieren lassen, und die „Arroganz der westlichen Überlegenheit“ habe sie dort jahrelang festgehalten, obwohl sie schon bald hätten einsehen müssen, dass sie „ihre Niederlage dort höchstens hinauszögern“ könnten. Seine Geiselnehmer hätten das von Anfang an gewusst: „Wir müssen nur ein paar Jahre durchhalten, dann ziehen die schon von selbst wieder ab“, hätten sie immer wieder gesagt. „Und jetzt triumphieren sie natürlich.“ Womöglich werde Mali bald ein islamischer Staat, in der die Scharia herrsche und Ehebrecher gesteinigt würden: „Na und? Wenn das die Malier so wollen.“ Und wenn sie es nicht wollen? Dann müssten sie halt selbst für Abhilfe sorgen.

Und dann lässt Stephen noch ein paar Sätze folgen, die in westlichen Ohren wie Wahnsinn klingen müssen. Er könne sich durchaus vorstellen, in einer von Islamisten geführten Welt zu leben, meint er: „Ich glaube sogar, dass sie wesentlich friedlicher als die unsere sein würde.“ Leidet er am Stockholm-Syndrom? „Wenn man es so sehen will … Ich betrachte es eher als eine ausgewogene Sicht unserer Welt.“

In den Banker-Beruf wollte und konnte der Spätheimkehrer nicht mehr zurück. Er verdient seinen Lebensunterhalt inzwischen mit Auftritten, bei denen er von seinen Erfahrungen in der Wüste spricht. Sein Auftragsbuch ist zum Bersten gefüllt: Den „Motivationssprecher“ zu einem Interview zu kriegen, ist wie eine Libelle mit der Hand fangen zu wollen. Längst führen ihn seine Auftritte auch nach Europa. „Ich bin ein ganz normaler Kerl, aber mit einer sehr unnormalen Erfahrung“, erklärt er sich seinen Erfolg.

Inzwischen hält Stephen seine Vorträge frei: Fast jedes Mal werde er dabei an irgendeiner Stelle dermaßen von Gefühlen überwältigt, dass er in Tränen ausbreche. Dasselbe passiert offenbar auch auf der Gegenseite. Oft kämen Zuhörer nach der Veranstaltung nach vorne, um ihn weinend zu umarmen. Allerdings gibt es auch andere Fälle: Wenn ihm ein Zuhörer nach seinem Vortrag anruft, um ihm vorzuwerfen, „unseren Gott“ verraten zu haben. Er versuche dann, so ruhig wie möglich zu bleiben, sagt Stephen: „Auch das habe ich in der Wüste gelernt.“

Stephen McGown wenige Tage nach seiner Freilassung 2017 in Johannesburg. Gulshan Khan/afp
Stephen McGown wenige Tage nach seiner Freilassung 2017 in Johannesburg. Gulshan Khan/afp © afp

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