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Eine Drohnen-Leitstelle im Niger.
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Eine Drohnen-Leitstelle im Niger.

Waffentechnologie

Der unmoralische Imperativ

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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Kampfdrohnen sind militärisch nutzlos. Sie machen Kriege chaotischer und brutaler. Und sie sind nur ein kleiner Schritt zu noch viel zweifelhafteren Formen der Kriegsführung.

Ende Januar schickte das Defense Innovation Advisory Board des US-Verteidigungsministeriums einen Bericht an den Kongress. Kernaussage: Die Vereinigten Staaten unterlägen einem „moralischen Imperativ“, den Kriegseinsatz künstlicher Intelligenz wenigstens zu erforschen, wenn nicht gleich zu implementieren, um Menschenleben besser zu schützen, Planungen verlässlicher, Kampfhandlungen genauer und damit schlussendlich den Krieg humaner zu machen.

Diese gedankliche Kapriole verdient es, ausbuchstabiert zu werden: Künstlich erschaffene operative Systeme verändern militärische Konfrontationen dahingehend, dass diese weniger bis gar keine „Kollateralschäden“ (tote Unbeteiligte) verursachen. Das wäre ein extremer Paradigmenwechsel, sind doch „Kollateralschäden“ seit jeher Bestandteil – und manchmal auch Absicht – von Kriegshandlungen. Noch kürzer gefasst: Kampfroboter töten nur die, die nach dieser Ideologie es auch verdient haben.

Der Widersinn dieser Überzeugung ist offensichtlich. Sinnig wird sie höchstens, wenn man Menschenleben qualitativ differenziert. Also: eigene Leben unersetzlich, fremde Leben überflüssig. So etwas lässt sich nur ernsthaft behaupten, wenn ein Gegner tatsächlich die Leben seiner eigenen Bevölkerung oder Schutzbefohlenen bedenkenlos zu opfern bereit ist. Zugegeben, in der Mehrheit der Konflikte der USA war und ist das exakt so: die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, die Chinesen und Nordkoreaner im Koreakrieg, die Iraker nach 2003 sowie Al-Kaida seit 1988 und „Islamischer Staat“ seit 2014. In dem Augenblick aber, in dem ein Gegner der USA auf den gleichen „moralischen Imperativ“ des Schutzes seiner Leben pocht, zerfällt das zynische Konstrukt.

In aktuellen Erörterungen militärischer Konfrontation versucht jeder und jede sich von diesem philosophischen Minenfeld fernzuhalten. So rekrutieren sich jene beratenden Pentagon-Modernisierer:innen aus der US-Technologie-Elite – militärische Erfahrung Fehlanzeige –, im Kongress sitzen Politiker:innen und im Pentagon Offiziere mit bestenfalls Fronterfahrung von vor 20 Jahren. Und das ist noch eine relativ gute Personallage.

In der „Fähigkeitslücke“

W ährend also in den USA der Kampfeinsatz von Drohnen militärischer Alltag geworden ist, streiten sich in Deutschland diverse Interessengruppen um die Bewaffnung von Aufklärungsdrohnen vom Typ Heron II. Es geht um fünf unbemannte Flugzeuge, geleast von Israel. Die friedenspolitische Stoßrichtung ist so bekannt wie unrealistisch: keine Waffen, keine Armeen, keine Kriege. Die SPD macht in der Debatte ein mögliches Wahlkampfthema aus. Wie sie verfahren würde, wenn sie das Verteidigungsressort in der Bundesregierung innehätte? Die militärische Abwägung spielt sich naturgemäß unter den höheren Rängen der Bundeswehr ab. Generalinspekteur Eberhard Zorn verdeutlichte gegenüber der ARD-“Tagesschau“ Anfang dieses Jahres: „In Berg-Karabach wurden bewaffnete Drohnen als Angriffswaffen eingesetzt. (…) Wir brauchen defensive Systeme, die unsere Truppen gegen solche Angriffe schützen.“ Die so deutlich gewordene „Fähigkeitslücke müssen wir schnell schließen“.

V on „Fähigkeitslücke“ da zu sprechen ist gewagt, vergleicht der oberste deutsche Soldat doch Äpfel mit Birnen. Die Bundeswehr hat noch nie einen konventionellen Krieg geführt, ihre Erfahrung reicht von UN-Friedensmissionen bis zu asymmetrischem Antiterrorkampf. Der angesprochene 2020er Waffengang im südlichen Kaukasus war im Unterschied dazu geradezu klassisch konventionell.

„Kamerad Computer“

Die über Berg-Karabach von der aserbaidschanischen Armee eingesetzten Drohnen übernahmen die Aufgaben, die seit den 40er Jahren von Kampfflieger:innen bewältigt wurden: den Vormarsch eigener Verbände decken, die Bodentruppen gefährdende gegnerische Stellungen ausschalten und Nachschub der Gegner stören. Der Vorteil der Drohnen war ihre längere Verweildauer über dem Kampfgebiet.

Neu war allein die psychologische Wirkung der Drohnen: Die armenischen Soldaten und die Milizionäre von Karabach hatten so etwas noch nicht erlebt – und sie reagierten exakt so wie in der gesamten Kriegsgeschichte der Welt alle Krieger:innen immer reagierten, wenn sie auf dank neuer Technik ihnen überlegene Gegner trafen: Sie nahmen die Beine in die Hand. Beim nächsten Waffengang wird auch Armenien Drohnen starten lassen.

Im Übrigen zeigt sich an dem kurzen Krieg im Kaukasus die Entwicklung, die Konflikte schon immer genommen haben: Zuerst ging man mit Fäusten aufeinander los, dann mit Steinen, dann warf man die Steine, dann wurden sie geschleudert, aus scharf geschliffenen Steinen wurden Schwerter, aus denen wieder Lanzen, auf die Steinschleuder folgte der Bogen, auf den dann der Langbogen, danach die Arkebuse, der Vorderlader, der Hinterlader, das Repetiergewehr, das Maschinengewehr ... Kriegführung war immer schon davon geprägt, die direkte chaotische und ergo unkontrollierbare Konfrontation mittels Distanzwaffen mehr unter die Kontrolle der voneinander distanzierten Heerführer zu bringen. Der Horror der Maschinengewehre wurde im Ersten Weltkrieg von Kampffliegern abgelöst, die wieder von Bombern. Der Völkerbund debattierte in der Zwischenkriegszeit, Bombardements aus der Luft als Kriegsverbrechen zu ahnden. Auf bemannte Flugzeuge und Helikopter folgten unbemannte Fluggeräte.

Diese eigentlich nachvollziehbare Entwicklungslinie gerät aber wie jede irgendwann an ihre natürliche Grenze: Bevor man über diese hinweg weiterdenkt, scheinen andere Ideen viel attraktiver. Der Einzug von Drohnen in die Arsenale markiert die digitale oder auch Informationsrevolution.

Informationstechnologie wird seit Mitte der 60er Jahre immer mehr in den US-Streitkräften verwendet (und die allermeisten Armeen der Welt orientieren sich an den USA); war sie zuerst nur für Strategie und Propaganda im Einsatz, so fand sie dank immer kleinerer, aber leistungsfähigerer Rechnerprozessoren nach und nach Verwendung bis hinunter auf die Ebene taktischer Gefechtseinheiten zu Boden, zu Wasser wie auch zu Luft. Menschliche Reaktionsschnelligkeit aber hat ihre Grenzen.

Irgendwann dauern selbst die Sekundenbruchteile, die Kampfpilotinnen bleiben, zu lange, und ein Infanterieoffizier muss zu viele Informationen aus zu unterschiedlichen Perspektiven gleichzeitig verarbeiten, um Verluste seiner Truppe zu vermeiden und deren Aufgabe zu erfüllen. Dann muss „Kamerad Computer“ mitdenken und -entscheiden. Und die halb autonomen Funktionen einer Drohne übernehmen Teile des Entscheidungsprozesses. Das ist aber nur die erste Etappe der laufenden militärischen Entwicklung. Die nächste – geht es nach Militär und Rüstungsindustrie – wäre das selbstfahrende Auto. Gedacht wird so ein Vehikel als multisensorischer, mehrrädriger Roboter, in dem Soldat:innen quasi nur noch Gepäck sind.

Der Hintergrund dessen ist recht simpel: Aufrechter Gang ist für die Robotik-Chips immer noch zu komplex. Verkauft wird das Roboauto auch mit dem Argument größerer Kontrolle als durch Menschen. Dass die Komplexität einer belebten Stadt ausgeblendet wird, ist so menschlich nachvollziehbar wie militärisch lebensgefährlich. Städte sind die idealen Schlachtfelder des asymmetrischen Krieges. Alle Technologie einer konventionellen Armee ist in dem chaotischen Kampf von einer Hausecke zur nächsten Etage völlig wertlos.

Außerhalb der „kill box“

Der britische Doyen der Strategieforschung, Lawrence Freedman, weist in seinem Buch „The Future of War“ auf die eigentlich vielerorts erkannte Fehlentwicklung des Höher-Weiter-Teurer-Komplizierter hin: Das am höchsten technologisierte Militär wird immer noch am simpelsten Widerstand scheitern. Nach jeder Drohnenattacke können via Smartphone weltweit Racheakte organisiert werden. Insofern ist die jüngste Mahnung der Pentagon-Vordenker:innen unter niemand Geringerem als Ex-Google-Chef Eric Schmidt nur logisch: Wurde nach den 9/11-Attacken mit dem „Krieg gegen Terror“ der (post-)koloniale Antiaufstandskampf zum Hightech-Waffengang weiterentwickelt, so kommt danach ein globaler digitaler Krieg aus dem Netz in die Realität und retour.

Die Islamforscherin Audrey Borowski von der London School of Economics verdeutlicht, dass eigentlich schon seit 2001 Kriegführung nicht mehr an Lokalität oder Zeit gebunden ist, sondern „unbeeindruckt von Grenzen und territorialer Integrität“. Nach Borowski ergibt sich durch die operative Definition des Schlachtfeldes auf ein dreidimensionales – einem einzelnen Menschen entsprechendes – Zielfeld namens „kill box“ das Paradox eines grenzenlosen Krieges.

Aber selbst wenn das kontrolliert werden könnte, so hat sich eigentlich schon unter US-Präsident Barack Obama die Erkenntnis durchgesetzt, dass Drohnen kurzzeitige taktische Ergebnisse bringen, aber mittel- und langfristig neue Unberechenbarkeit schaffen, da an die Stelle jedes so Getöteten schnell ein anderer treten kann. Und – auch das weiß man aus dem klassischen Anti-Guerilla-Kampf – es kommt in der Regel ein fanatischerer Führer nach. Die Drohnen eskalieren den Konflikt, den sie durch angeblich „humaneres“ einzelnes Töten beenden helfen sollen.

Und so muss am Ende doch der einzelne Mensch entscheiden. Seien es Drohnenpilot:innen, die vielleicht alleine wissen, dass im letzten Augenblick noch ein fröhliches Kind in die „kill box“ hineinlief, seien es die Infanterist:innen, die das alte und neue Elend der Zivilbevölkerungen mitansehen müssen. Nur die Netzkrieger:innen und die Drohnen werden unbeeindruckt bleiben.

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