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Corona und die Psyche

Arbeitslos in der Corona-Pandemie: Demütigungen, Schuldgefühle und Depressionen

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
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Arbeitslose leiden in der Coronakrise unter der Isolation im Lockdown und fehlenden Hilfsangeboten - und die Suche nach einem Job ist aufgrund der Pandemie noch aussichtsloser.

  • Fehlende Hilfsangebote, steigende Kosten: Die finanzielle Situation ist für Arbeitslose aufgrund der Coronakrise noch schwieriger geworden.
  • „Je weniger Ressourcen vorhanden sind, desto schlimmer trifft die Pandemie“, sagt Sozialpädagogin Martina Bodenmüller.
  • Arbeitslosigkeit ist oft der Todesstoß für das Selbstwertgefühl: Wer das Gefühl hat, nutzlos oder sogar eine Last zu sein, schlittert schnell in eine Depression.

Frankfurt - Macht Geld glücklich? Diese Frage mag und muss jede:r für sich selbst beantworten, belegen lässt es sich nicht. Zu wenig Geld aber macht unglücklich, da sind sich Forschung und Betroffene einig. Und in außergewöhnlichen Zeiten wie jetzt in einer Pandemie spüren Menschen, die von kleinen Renten, Grundsicherung oder von Hartz IV leben müssen, das besonders. Arbeitslosigkeit und Armut sind eng verwoben mit physischen und psychischen Leiden. Aktuell ist die finanzielle Situation für diese Menschen noch schwieriger geworden, die Aussicht auf einen Arbeitsplatz schwindet, dazu steigen Druck, Demütigung, Ängste und Einsamkeit.

Die akute Auswirkung der Pandemie auf Arme erlebt auch Daniel Schröder, Leiter der Frankfurter Archen, seit Monaten täglich. Er stellt fest, dass die Kinder und Jugendlichen in der Notbetreuung der Archen beim gemeinsamen Mittagessen ungewöhnlich große Portionen essen, sich oft mehrmals nachnehmen. „Für einige ist es die einzige richtige Mahlzeit am Tag“, berichtet Schröder. „Viele der Kinder und Jugendlichen hier sind vom Lockdown nicht nur frustriert, sie haben einfach Hunger.“ In ihren Familien reiche das Geld nicht aus, drei Mal täglich für alle eine sättigende Mahlzeit zu finanzieren. Deshalb nutzen viele von ihnen Hilfsangebote für Bedürftige – viele Hartz-IV-Empfänger:innen rechnen fest mit ihnen.

Anstehen für Lebensmittel, wie hier bei der Tafel in Blankenhain: kein gutes Gefühl.

Corona-Lockdown lässt Strom- und Heizkosten steigen

Regelmäßige Verpflegungsangebote der Tafel, Sozial-Cafés und der Schulmensa fallen jetzt allerdings größtenteils weg. Und das durch den Lockdown bedingte Zu-Hause-Bleiben lässt auch die Strom- und Heizkosten steigen – das ist gerade in diesem kalten Winter ein echter Kostenfaktor. Dazu kommen geschlossene Sozialkaufhäuser für Elektrogeräte oder Kinderkleidung, Tauschveranstaltungen fallen aus, Flohmärkte finden nur teilweise statt.

Bibliotheken haben geschlossen – dort können Empfängerinnen und Empfänger von Grundsicherung sonst günstig oder gratis einen Computer nutzen, Zeitung lesen, Bücher, Filme und Hörspiele ausleihen. Alles Dinge, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Hinzu kommt: „Für viele war das Hamstern am Anfang der Pandemie wirklich ein Problem“, sagt Martina Bodenmüller, Sozialpädagogin des gemeinnützigen Vereins „Arbeitslosen-Initiative Gießen“. „Die günstigen Lebensmittel waren als erste ausverkauft.“ Wie knapp es finanziell ist, zeigt sich oft bei alltäglichen Gegenständen. Haushaltsgummis oder Spülschwämme zum Beispiel kosten in Supermärkten oft das Dreifache, verglichen mit den Angeboten in den Ein-Euro-Läden – die momentan aber geschlossen sind. „Wenn man jeden Cent zweimal umdrehen muss, machen sich solche Beträge am Monatsende bemerkbar“, sagt Bodenmüller.

Vom Hartz-IV-Satz für Pflegeprodukte müssen jetzt FFP2-Masken gekauft werden

„17 Euro monatlich sieht der Hartz-IV-Satz für Gesundheits- und Pflegeprodukte vor“, sagt Adolf Bauer, Vorsitzender des Sozialverbands Deutschland (SOVD). Sie müssen für Zahnpflege und -reinigung, Cremes, Deo, Seife, Schminke, Dusch- und Haarpflege reichen. „Durch Corona müssen davon seit fast einem Jahr zusätzliche Artikel wie FFP2-Masken und Desinfektionsmittel gekauft werden.“

Stimmen von Betroffenen

Mann, 49 Jahre, Gießen: Sein persischer Abschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt, deshalb arbeitete er viele Jahre in der Autopflege und in einer Eisdiele. Durch seine Krebserkrankung verlor er seine Arbeit, seit gut drei Jahren ist er arbeitslos.

„Bei mir fing die Arbeitslosigkeit damit an, dass ich 2003 Krebs bekommen habe. Zwischenzeitlich war er weg, 2010 ist er dann wieder schlimmer geworden – und kein Arbeitgeber stellt jemanden ein, der drei Monate da und dann sechs Monate weg ist. Später sind bei mir Panikattacken und Angststörungen dazugekommen, die durch die Pandemie schlimmer geworden sind. Ich habe die Hoffnung, noch mal einen Job zu finden, nicht aufgegeben, es gibt aber auch Tage, da bin ich enttäuscht und ganz unten. Ich denke oft, dass ich ein Problem für die Gesellschaft bin und habe Schuldgefühle, weil ich von Hartz IV lebe. Es ist schwierig, keinen normalen Alltag zu haben und sein Einkommen nicht selbst erarbeiten zu können. Ich möchte das, was ich mir leiste, selbst verdient haben. In drei Jahren habe ich 128 Bewerbungen geschrieben – auf 72 ist nicht mal eine Antwort gekommen. Und 2020 haben wirklich sehr wenige geantwortet. Wahrscheinlich wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage. Ich schaue jeden Tag nach Jobs. Wegen Corona verliere ich auch Geld beim Einkaufen, weil ich schnell raus will aus den geschlossenen Räumen. Weil ich es eilig habe, kann ich die Preise nicht genau vergleichen. Am Monatsende ist das Geld manchmal sehr knapp, manchmal ist es okay. Aber es ist kein Geld übrig, wenn die Kaffeemaschine, der Toaster oder der Kühlschrank kaputt gehen. Und die Angst für immer arbeitslos zu sein, ist durch Corona noch größer geworden. Viele haben ihre Arbeit verloren und meine Situation hat sich dadurch natürlich nicht verbessert. Mein Alltag ist oft langweilig und enttäuschend. Ich möchte nicht jammern, nur sagen, wie es ist – anderen geht es noch schlechter. Aber es ist tödlich, wenn die Tage vergehen, ohne etwas machen zu können, und sich das Gleiche immer wieder wiederholt. Deshalb ist es mir wichtig, nicht teilnahmslos zu sein und etwas zu tun. Bei der Arbeitsloseninitiative findet gerade vieles vom Programm wegen Corona nicht statt, das ist schade. Es gibt aber eine Streuobstwiese in der Nähe, also ein Angebot im Freien. Je nach Wetter gehen wir dort hin, Holz machen, Gras schneiden.“

Frau, 28 Jahre, Raum Gießen: Sie hat mit Depression zu kämpfen und deshalb den Einstieg in den Beruf nicht geschafft. Sie ist seit fast fünf Jahren arbeitslos.

„Schon in meiner Jugend hatte ich mit Depressionen zu kämpfen. Nach meinem Abi bin ich nach Berlin gezogen und habe dort Modejournalismus studiert. Nach meinem Abschluss ging es mir wieder nicht so gut und ich bin in die Drogenszene abgerutscht. Meine Kommilitoninnen haben Volontariate angefangen, das habe ich mir aber nicht zugetraut und erst mal eine Therapie gemacht. Ich habe dann Aushilfsjobs gemacht und bin zurück in die Heimat gezogen – in Richtung Mode gibt es hier nicht viel, deshalb werde ich eine Umschulung zu Grafikdesign machen. Zuletzt habe ich mich bei einem Supermarkt zur Warenverräumung beworben. Das fühlt sich natürlich auch scheiße an, studiert zu haben und dann Regale einzuräumen. Auch auf diese Bewerbung habe ich eine Absage bekommen, das kratzt schon ganz schön am Selbstwertgefühl. Finanziell ist es schwierig. Ich lebe mit meinem Freund zusammen, deshalb gelten wir als Bedarfsgemeinschaft und ich bekomme vom Jobcenter 300 Euro, das reicht nicht mal für meine Miete. Er verdient 1300 Euro und finanziert mich gerade mit. Auch das ist kein gutes Gefühl. Durch Corona mache ich mir noch mehr Sorgen. Wenn mehr Leute Jobs suchen, sind meine Chancen noch geringer, wenn die Arbeitgeber sehen, dass ich seit fast fünf Jahren arbeitslos bin. Gesucht werden zur Zeit nur Paketboten oder Lagerlogistiker, dazu bin ich körperlich nicht in der Lage. Mittlerweile denke ich mir immer öfter, dass ich mich gar nicht bewerben brauche – ich werde sowieso nicht genommen. Ich war schon zwei Mal stationär wegen meiner Depression in Behandlung. Gerade suche ich auch einen Therapeuten, die scheinen aber – auch durch Corona – sehr ausgebucht zu sein. Manchmal fühlt es sich schon sehr akut an, dann denke darüber nach, mich noch mal für einen längeren Zeitraum aufnehmen und behandeln zu lassen.“

Für einen finanziellen Zuschuss für besonders bedürftige Menschen hatten sich deshalb seit Beginn der Pandemie knapp vierzig Sozialverbände und Gewerkschaften ausgesprochen, darunter der SOVD, die Arbeiterwohlfahrt und die Diakonie, aber auch der Deutsche Kinderschutzbund und das Deutsche Kinderhilfswerk. Ende Januar ist vom Bund eine Einmalzahlung von 150 Euro beschlossen worden. Sie soll im März oder April ausgezahlt werden. „Ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Martina Bodenmüller. Auch beim SOVD hatte man sich mehr erhofft: „150 Euro reichen für ein Jahr Mehrbelastung nicht aus“, sagt Bauer. Die Forderung des SOVD liegt bei 100 Euro extra – monatlich.

Arbeitslos in der Coronakrise: Zusätzliche Demütigungen aufgrund von Neid

Wer sich schon mal bei Freundinnen und Freunden oder Verwandten Geld leihen musste oder beim Bezahlen an der Kasse die EC-Karte überraschend den ausstehenden Betrag nicht ausgleichen konnte, der weiß: Das sind Schammomente. Wer einen Ausflug nicht wahrnehmen konnte, weil dieser teurer war als der Kontostand hoch ist, ist froh um jede sich bietende Ausrede. Es ist unangenehm, sein Kind für eine Woche in die Parallelklasse zu geben, statt es an der Klassenfahrt teilnehmen zu lassen.

„Ich finde es schon bemerkenswert, dass 150 Euro quasi verschenkt werden und dann wird zum Teil auch noch gemeckert, es sei zu wenig“, lautet ein Kommentar unter einem Bericht über die Bewilligung der Einmalzahlung. „Ich kann verstehen, dass andere Ungerechtigkeit in dieser Bonuszahlung sehen“, sagt Adolf Bauer. Viele Soloselbstständige, Menschen in Kurzarbeit oder Inhaber kleiner Unternehmen kämen selbst zunehmend in Schwierigkeiten, auch weil sie teilweise monatelang auf Hilfsgelder warteten. „Der Neidfaktor spielt eine große Rolle.“ Dennoch seien die Grundsicherungsempfänger auf diese Zahlung dringend angewiesen und solche Zeilen für Betroffene eine zusätzliche Demütigung.

Arbeitslos in der Coronakrise: Schuldgefühle gegenüber Familie und Gesellschaft

Arbeitslose werden gesellschaftlich diskriminiert“, sagt auch Elmar Brähler, Professor für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie. „Es gibt immer noch diese alte Hetze gegen Arbeitslose, mit dem Vorwurf, Faulenzer oder für die Situation selbst verantwortlich zu sein.“ Stattdessen litten Betroffene angesichts ihrer Abhängigkeit häufig unter Schuldgefühlen gegenüber ihrer Familie, aber auch der Gesellschaft, die sie finanziell mittragen. „In unserer Gesellschaft ist die eigene Identität stärker als in anderen Kulturen an Arbeit gebunden“, sagt Brähler. Auch deshalb ist Arbeitslosigkeit oft der Todesstoß für das Selbstwertgefühl: Wer das Gefühl hat, nutzlos oder sogar eine Last zu sein, schlittere schnell in eine Depression.

„Manche Arbeitslose verheimlichen ihren Status auch vor Verwandten, Bekannten und Nachbarn“, weiß Martina Bodenmüller. „Sie stehen morgens früh auf und verlassen bis abends das Haus, damit niemand Verdacht schöpft, weil sie sich für ihren Status schämen.“ Dazu komme der reale Kampf bei der Suche nach einem Arbeitsplatz.

Arbeitslos in der Coronakrise: Der Situation fast machtlos ausgesetzt

„Die meisten machen sich seit Corona noch mehr Sorgen um ihre Zukunft“, sagt Bodenmüller. Befeuert werden diese von Berichten und Erzählungen von unverbindlichen Beschäftigungsverhältnissen, Kurzarbeit und Kündigungen, geschwächten Branchen und wankender Wirtschaft. „Für Menschen mit schlechten Arbeitsbedingungen gibt es Gewerkschaften, aber Arbeitslose haben keine Lobby.“ Bodenmüllers Erfahrung sei, dass die Allermeisten etwas tun wollten.

Sie könnten die Monotonie schlecht ertragen und hätten den Anspruch, ihr Einkommen selbst zu erwirtschaften – aber sie fänden einfach keinen Job. Sie sind dieser Situation fast machtlos ausgesetzt. Und je länger die Arbeitslosigkeit andauert, desto schwieriger gestaltet sich die Jobsuche. Eine erdrückende Ohnmacht. Hinzu kommt die durch die Pandemie verstärkte soziale Isolation, das Gefühl der Einsamkeit.

Arbeitslose haben in der Coronakrise noch weniger Möglichkeiten

„Je weniger Ressourcen vorhanden sind, desto schlimmer trifft die Pandemie“, sagt Bodenmüller. Mit einem Garten oder einem Balkon, einer großen Wohnung oder der Möglichkeit, sich ab und zu etwas zu gönnen, könnten viele die Pandemie gut überbrücken – sei nichts davon da, sei das Leiden besonders groß.

„Ich merke, wie unsere Kunden immer mehr vereinsamen, seit alle Angebote bei uns im Haus nicht mehr stattfinden“, sagt Bodenmüller. Das günstige Frühstücksangebot, aber auch die Selbsthilfe- und Beschäftigungsprojekte wie das Repair-Café für Textilien oder Fahrräder fallen seit fast einem Jahr aus. Das bedeutet nicht nur einen weiteren Kostenpunkt, sondern auch, dass die Arbeitslosen noch weniger Möglichkeiten haben, Menschen zu treffen und auf andere Gedanken zu kommen. „Weil die meisten technisch nicht gut ausgestattet sind, können sie die neuen Onlineangebote kaum wahrnehmen.“ Zwar könnten die Bewerbungshilfe und Beratungsangebote weiter in Anspruch genommen werden. Aber wer sonst nichts Konkretes hat, bleibt weiter zu Hause.

Arbeitslose zählen oft zur Corona-Risikogruppe

„Manche sagen mir: Ich bin seit neun Monaten nur zum Einkaufen draußen gewesen“, sagt Bauer. Dass läge auch daran, dass viele Betroffene vorerkrankt seien und zur Risikogruppe zählten. „Es ist statistisch erwiesen, dass das Risiko zu erkranken bei längerer Arbeitslosigkeit höher ist“, so Bauer.

Das bestätigt auch Elmar Brähler, der viele Jahre über die Wechselwirkungen zwischen Arbeitslosigkeit und Krankheiten – physischen und psychischen – geforscht hat. „Schon alleine die Befürchtung, den Arbeitsplatz zu verlieren, kann Angst und Depressionen begünstigen“, sagt er. Oft seien psychische Erkrankungen auch die Ursache für Arbeitslosigkeit und nicht die Konsequenz. Wenn Menschen dann arbeitslos werden, nehmen Angst, Depression und psychosomatische Beschwerden häufig zu. „Das wiederum kann – muss aber nicht – ein gestörtes Essverhalten, Suchtproblematik und andere Krankheiten hervorrufen.“

Auch eine Therapie helfe psychisch angeschlagenen Arbeitslosen nur bedingt, sagt Brähler. „Erst mal kann eine Therapie einer psychischen Krankheit entgegenwirken und für die betroffene Person selbst hilfreich sein.“ Wenn diese aber ende, sei die arbeitslose Person schnell wieder an dem Punkt, an dem sie davor gewesen sei. Das Konzept Therapie stoße an seine Grenze. „Insgesamt ist das ein strukturelles Problem.“ (Sophie Vorgrimler)

Rubriklistenbild: © Bodo Schackow/dpa

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