Eine „Patientin“ kam noch vor 20 Jahren im Sprachgebrauch einiger Ärzte nicht vor.
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Eine „Patientin“ kam noch vor 20 Jahren im Sprachgebrauch einiger Ärzte nicht vor.

Gender

„Der schwangere Patient“: Endlich ändert sich unsere Sprache – Jetzt reden wir über Mut

  • Karin Dalka
    vonKarin Dalka
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Wer die Augen aufmacht, sieht: Die Welt ändert sich – und mit ihr die Sprache. Manche Debatte hat sich damit erledigt. Jetzt reden wir über Mut.

  • Gendern verändert die Sprache in der Gesellschaft.
  • Die FR bemüht sich, möglichst viel gendergerechte Sprache zu verwenden.
  • Viele Konservative wollen weiterhin nur männliche Formen benutzen.

Als wäre es gestern gewesen, hallen die Worte in mir nach. Dabei ist es fast 21 Jahre her. Zusammen mit 50 bis 60 anderen schwangeren Frauen und ihren Partnern sitze ich im Hörsaal eines Universitätsklinikums. Ein Anästhesist erläutert das Betäubungsverfahren PDA bei Geburten. Und spricht von Patienten – oder sogar von Patientengut. Ungelogen: In seinem Vortrag kommt nicht eine einzige Patientin vor. Zunächst bin ich irritiert: Ist der Mann in den falschen Hörsaal geraten, will er eigentlich über Prostata-Operationen reden? Dann steigt Ärger in mir hoch. Ich spüre den Impuls, „Augen auf“ zu rufen. Schüttele dann aber nur den Kopf, fassungslos. Wie mein Mann neben mir.

Sprache in der Gesellschaft: Gendern wird immer leichter

Keine Ahnung, ob dieser Arzt heute noch so redet. Ich kann es mir nicht vorstellen, unverbesserliche Optimistin, die ich bin. Was nicht heißt, dass er nun tatsächlich die Augen aufmacht und die Frauen wahrnimmt, die da vor ihm sitzen und vielleicht später im Kreißsaal dieser Klinik ein Kind zur Welt bringen werden. Der falsche Mann am falschen Platz. Nicht der Einzige im deutschen Gesundheitswesen. Aber das ist ein anderes Problem.

Bleiben wir beim Thema Sprache. Reden wir über die Frankfurter Rundschau. Fängt sie jetzt an zu gendern? Nein, sie fängt nicht damit an, die FR tut es bereits. Nicht immer, also ehrlicherweise nicht konsequent. Aber immer öfter.

Denn es wird immer leichter: Studierende, Auszubildende, Lehrende – es gibt viele Formen, das generische Maskulinum zu ersetzen. Neben Partizipialformen sind vor allem Doppelnennungen, geschlechtsneutrale Begriffe oder der Wechsel zwischen männlichen und weiblichen Formen das Mittel der Wahl. Die Sprache ist gerechter geworden, in der FR und in weiten Teilen der Gesellschaft. Im Privaten wie in Institutionen, Verbänden, Firmen, Behörden, in der Wissenschaft.

Gendergerechte Sprache: Viele Konservative verwenden ausschließlich männliche Formen weiterhin

Natürlich gibt es noch viele konservative Menschen, die ausschließlich männliche Formen benutzen – Frauen seien mitgemeint. Wer das nicht akzeptieren wolle, verstehe den Unterschied zwischen dem grammatischen und dem biologischen Geschlecht nicht, sagen sie. Nur zu: Diese Debatte dürfen sie gerne miteinander führen, die Damen und Herren, sie dürfen wissenschaftliche Studien über das Verhältnis von Sprache, Wahrnehmung und sozialen Zuschreibungen ignorieren, die nicht in ihr Weltbild passen. Ja, sie dürfen so tun, als stünde die Welt seit Jahrzehnten still. Aber bitte ohne mich. Ganz ehrlich: Dafür ist mir meine Zeit zu schade. Wenn ich „mitgemeint“ höre, kommt mir wieder der schwangere „Patient“ in den Sinn, der ich einmal war. Passé.

Zurück in der Gegenwart stellt sich die Frage: Wenn die FR also längst gendert, worüber diskutieren wir dann noch? Am Ende reden wir über Mut. Denn die gebräuchlichen Paar- und Partizipialformen sind zwar manchmal umständlich, aber doch ziemlich unauffällig, sie regen (fast) niemanden mehr auf. Was auffällt und aufregt, sind Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich und andere Formen. Der eine macht es so, die andere so, zunehmend auch in der FR. Denn wir haben Interviewpartnerinnen und Gastbeitragsautoren, die es sich verbitten würden, wenn wir ihre Antworten und Texte ändern wollten. Fast jede dritte Zuschrift an unseren Leserbrief-Redakteur Bronski ist gendergerecht formuliert, mehr oder weniger auffällig, oft mit Genderstern; Tendenz steigend. Und vor allem die jüngeren FR-Kolleginnen und Kollegen, geprägt von den Standards an den Universitäten, sind es leid, sich in ihren Artikeln „herum zu mogeln“ um inklusive Zeichen. Diese umfassen auch diejenigen, die weder als Mann noch als Frau angesprochen werden wollen. Recht haben sie! Die Serie „Zukunft hat eine Stimme“ zum FR-Jubiläum täte sich schwer, glaubwürdig zu sein, spräche sie die Sprache der Vergangenheit. Deshalb hat sich dort quasi über Nacht der Doppelpunkt eingeschlichen – das ist neben dem Genderstern die Form, die sich aktuell immer stärker verbreitet.

Gerechtigkeit fängt bei der Chancengleichheit in Schulen an – und ist ohne Geschlechtergerechtigkeit nicht zu denken

Der Sprachwandel in der FR, für die das Thema Gerechtigkeit zentral ist, folgt einer inneren Logik. Denn Gerechtigkeit fängt bei der Chancengleichheit in Schulen an, hört bei der weltweiten Vermögensverteilung nicht auf – und ist ohne Geschlechtergerechtigkeit nicht zu denken. Gendern ist ein politisches Statement. Das Sternchen oder den Doppelpunkt kategorisch auszuschließen, wäre es auch. Nicht nur die falsche Botschaft, sondern auch verstörend inkonsequent für eine sprachsensible Redaktion. Die sich immer wieder darüber verständigt, wie sie redet und schreibt, um nicht in politische Sprachfallen zu tappen. Deshalb schwellen in FR-Artikeln keine „Flüchtlingsströme“ an und es „drohen“ keine Streiks, weil die Redaktion sie nicht bedrohlich findet.

Fast alle Zeitungen scheuen den Schritt, konsequent zu gendern, um einen Teil ihrer Leserschaft nicht zu verprellen. Verständlich, aber das Gegenteil von mutig. Der Hörfunk tut sich etwas leichter. Mehr und mehr verwenden die öffentlich-rechtlichen Radiosender das Gendergap, das ist diese kleine irritierende Pause zwischen dem Wortstamm und der Endung -innen. Das blieb lange unbemerkt, auch bei der TV-Moderatorin Anne Will, die seit Monaten so spricht.

„Genderwahn! Sprachzensur! Feministische Diktatur!“ Geht es auch eine Nummer kleiner?

Wenn es dann aber auffällt, kochen die Emotionen hoch. „Haben wir keine anderen Sorgen?“, heißt es dann. Doch haben wir, jede Menge, aber Geschlechtergerechtigkeit sollte nicht unsere geringste Sorge sein. „Genderwahn! Sprachzensur! Feministische Diktatur!“ Geht es auch eine Nummer kleiner? „Die Sprache wird verhunzt. Punkt. Ende der Debatte.“ Verhunzt? Es ist kein Zufall: Viele von denen, die mit Furor gegen das Gendern polemisieren, zeigen selbst wenig Bewusstsein für die ästhetischen Möglichkeiten von Sprache – leider. Sie formulieren weder elegant, noch spielerisch, sondern oft brachial: Sprache werde „vergewaltigt“. Bei diesem Thema eine evident unpassende Wortwahl. Nein, hier geht es nicht um die Liebe zur Sprache. Hier artikuliert sich oft hilflose Wut, dass die Welt nicht so bleibt, wie sie ist.

Nicht falsch verstehen: Das ist kein Pauschalurteil über alle, die sich am Gendern stören, weil es ihren Schreib- und Lesefluss stört. Auch mich nerven unzählige Sternchen, Unterstriche, Klammern oder was auch immer. Auch der von mir favorisierte Doppelpunkt ist so ein Stolperstein – allerdings einer, über den ich mittlerweile kaum noch stolpere. Weil sich mit dem Wandel des allgemeinen Sprachgebrauchs auch meine Gewohnheiten schneller geändert haben, als ich es mir vorstellen konnte. Zugleich bin ich überzeugt: Weniger ist mehr.

Übrigens: Dieser Text, konsequent gegendert, hätte fünf inklusive Doppelpunkte gehabt, bei insgesamt 1005 Wörtern. Darüber reden wir also. (Karin Dalka)

Sprache ist Haltung. Inklusives Reden und Schreiben sind eine Frage der Gerechtigkeit – dieser Meinung ist FR-Chefredakteur Thomas Kaspar. Kathrin Gunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion, erläutert im Interview, warum richtig Gendern wichtig ist.

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