1. Startseite
  2. Politik

Der Rückzug, der ein Sieg ist

Erstellt:

Von: Peter Rutkowski

Kommentare

Ukrainische Armee gibt den Kampf um Sjwejerodonezk auf

Das Siegesgeheul wird unüberhörbar sein. Russische Ultranationalisten, Sprecherinnen und Sprecher des Kreml oder seiner Ministerien, der undiplomatische Chefdiplomat Sergej Lawrow, die vielen Propagandakanäle Russlands, sie alle werden sich überschlagen vor Freude ob des „grandiosen Sieges“ über die ukrainischen „Nazis“ in den von diesen „okkupierten“ Teilen der „Volksrepublik Luhansk“ ... im Klartext: ob des begonnen Rückzugs ukrainischer Armeeeinheiten aus Sjewjerodonezk. Und um das gleich ganz deutlich zu machen: Siege sehen anders aus. Niederlagen ebenso.

Die ukrainischen Verteidiger der strategisch eigentlich bedeutungslosen Stadt in der Oblast Luhansk entgehen einer Niederlage durch ihren Rückzug. Sie entgehen ganz offensichtlich auch der Einkesselung durch russische Truppen, die sich südlich von Lyssytschansk nach Nordwesten vorarbeiten und dabei am Freitag den Ort Topolivka einnahmen. Sie sind damit in unmittelbarer Nähe zur Landstraße T-13-02, anscheinend der Hauptnachschublinie für Lyssytschansk. Die Verteidiger, die den russischen Vorstößen dort weichen, sichern damit die Südflanke des Rückzugsweges ihrer Kameraden aus Sjewjerodonezk. Wie gesagt: Ein Rückzug ist keine Niederlage. Spätestens seit dem Rückzug der Alliierten 1940 aus Dünkirchen nach Großbritannien weiß man: Ein Rückzug kann auch ein Sieg sein.

Kein Sieg für die ukrainische Seite ist es, dass sie nur mit viel Glück die in den Kellern des Chemiekombinats Azot ausharrenden knapp 600 Zivilpersonen bei dem Rückzug wird retten können. Wie viele Tausend der von den Russen überrollten Stadtbevölkerung zurückbleiben, wie viele tot sind oder vermisst bleiben werden – niemand wird das je feststellen.

Was die rückwärtigen Stellen der russischen Invasionsarmee bis hin zum Kreml erst noch herausfinden werden – die Frontoffiziere und ihre Einheiten wissen das längst –, ist, dass die „Befreiung“ von Sjewjerodonezk sie teuer zu stehen kommt. Das stupide Anrennen gegen die ukrainischen Stellungen in der Stadt hat einige Einheiten so dezimiert, dass diese nicht mehr fronttauglich sind. Mittelfristig heißt das: Der russische Vormarsch wird an manchen Stellen noch langsamer und kostspieliger für Mensch und Material werden als bisher. An anderen Stellen wird er gar nicht mehr stattfinden. Vielleicht werden bald Russen sich zurückziehen.

Für die Ukraine stellt sich die Frage, wohin sich ihre Truppen aus dem Donbass zurückziehen. Am sinnvollsten ist derzeit eine Linie entlang der Fernstraße M-03, respektive von Slowjansk über Kramatorsk bis Bachmut. Diese auf Anhöhen gelegenen großen Städte kann man viel leichter verteidigen. Oder von dort aus Offensiven starten.

Auch interessant

Kommentare