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Junge Frauen demonstrieren in Rangun in Hochzeitskleidern.
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Junge Frauen demonstrieren in Rangun in Hochzeitskleidern.

Myanmar

„Der Rest der Welt wird es gesehen haben“

  • vonFelix Lill
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Die meist jungen Demonstrierenden in Myanmar arbeiten dezentral und vernetzen sich effizient.

Sie haben auf eine junge Frau geschossen! Und sie hatte gar nichts getan. Sie stand nur am Rand!“ Thomas berichtet mit hektischer Stimme, als er den vergangenen Tag in seinem Land rekapituliert. Wahrscheinlich, sagt der 23-Jährige, der aus Sicherheit nur seinen englischen Namen nennt, sei die in der Hauptstadt Naypyidaw niedergeschossene Frau das erste Todesopfer der Proteste.

Seit einer guten Woche befindet sich das südostasiatische Land Myanmar im Ausnahmezustand. In der Nacht auf den 1. Februar ließ das Militär die im November wiedergewählte Staatsrätin Aung San Suu Kyi und weitere führende Politiker festnehmen. Der Vorwurf: Bei der Wahl im November, die die von Aung San Suu Kyi angeführte Partei NLD (Nationale Liga für Demokratie) haushoch gewonnen hatte, habe es sich um Betrug gehandelt.

Obwohl das Militär bis heute keine konkreten Belege für diese Behauptung vorgelegt hat, hat es mittlerweile die Macht an sich gerissen. Zunächst soll für ein Jahr der Ausnahmezustand gelten – offiziell, damit die Ordnung wiederhergestellt werde.

Es ist ein Vorgehen, das nicht nur international, sondern auch im 54-Millionen-Land selbst bei einer großen Mehrheit auf Widerwillen stößt. Seit Tagen wird in den größeren Städten protestiert, einem Versammlungsverbot zum Trotz. „Wir alle haben Angst. Aber wir lassen uns von denen trotzdem nicht einschüchtern“, sagt Thomas. „Wir wollen Demokratie.“

An diesem Abend sitzt er zu Hause in Rangun, der größten Stadt des Landes. Tags zuvor war er dort auf der Straße und protestierte. Heute sitzt er am Laptop und verbreitet über Twitter und andere soziale Medien Nachrichten. Koordiniert sei das Ganze bis jetzt nicht. Aber viele der Protestierenden wüssten, was sie zu tun haben: Ihren Unmut äußern, auf jede Weise, die möglich sei.

Erst ein Jahrzehnt hatte die lang ersehnte Demokratie im Land auf dem Buckel, 2012 wurde dann die langjährige Demokratieaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ins Amt der Staatsrätin gewählt. Dabei hatte das Militär auch unter dieser relativ progressiven Verfassung weiterhin große Macht. Es kontrolliert die Ministerien für Verteidigung, Grenzangelegenheiten und Inneres. Somit hörten die Beamt:innen, Polizist:innen und Soldat:innen auch über die letzten Jahre nicht etwa auf Anweisungen der demokratisch gewählten Staatsrätin, sondern ultimativ aufs Kommando des Obersten Befehlshabers Min Aung Hlaing, der jetzt auch offiziell an der Macht ist.

Allerdings werfen die jüngsten Entwicklungen Fragen auf – wie viele Menschen stehen wirklich hinter Min Aung Hlaing? Diverse Staatsdiener:innen haben in den letzten Tagen die Arbeit geschwänzt. „Sogar Polizisten haben sich uns schon angeschlossen“, sagt Jack, ein 26-jähriger Demonstrant aus Rangun, der wie Thomas seinen burmesischen Namen lieber nicht nennen will. Jack spricht fließend Englisch, sitzt tagelang am Computer und liked, retweetet und postet Informationen. „Die Menschen müssen doch darüber informiert sein, was hier gerade passiert! Im Staatsfernsehen wird behauptet, alles sei friedlich. Hier ist aber nichts mehr friedlich. Es wird geschossen!“

Es ist ein großer Unterschied zu Protesten früherer Jahrzehnte im Land, die zwar politisch ähnlich motiviert waren, aber ohne soziale Medien auskommen mussten. Im Myanmar von heute weiß die Bevölkerung über wichtige Ereignisse Bescheid, sogar in Minutenschnelle. Damit wiederum haben die meist jungen Demonstrierenden Myanmars entscheidende Gemeinsamkeiten mit den Demokratiebewegungen anderer Länder der Region. Auch in Hongkong, Thailand und auf den Philippinen sind über die vergangenen Monate Menschen in großen Zahlen auf die Straßen gegangen, um sich gegen autoritäre Regime einzusetzen. Immer wieder sind die Proteste dezentral organisiert, wirken mitunter unorganisiert, profitieren aber von der Vernetztheit ihrer Akteur:innen.

„Mit den Aktivisten aus Hongkong habe ich noch nie etwas direkt zu tun gehabt“, sagt der 18-jährige Leon Win. „Das gilt für die meisten von uns, glaube ich.“ Mit der Bewegung dort, in Thailand und auf den Philippinen sei man trotzdem verbunden. „Über Twitter und Facebook haben wir uns angesehen, wie die es machen.“ Man strecke friedlich die Finger in die Luft, halte die Köpfe hin. Wenn Militär und Polizei die Nerven verlieren, kann es böse enden. „Aber“, sagt Leon Win: „Dann wird es der Rest der Welt gesehen haben.“

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