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Die Pumas rollen – zumindest bei dieser Erprobung im Juni 2015 in der Lüneburger Heide. Sonst stehen sie meist nur rum.

Rüstung

Der Puma führt die Pannenparade an

  • Daniela Vates
    vonDaniela Vates
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An dem mangelhaften Fahrzeug zeigt sich exemplarisch, welche Probleme die Bundeswehr seit langem bei der Beschaffung von Gerät hat.

An manchen Stellen hat es der Puma schon ganz nach vorne geschafft. Auf die Titelseite der Bundeswehr-Broschüre „Waffensysteme und Großgeräte“ etwa, einer Papierparade von Kettenfahrzeugen, Kampfflugzeugen, U-Booten und olivgrünen Lkws auf 200 Seiten.

Auf der Website der Bundeswehr wird geschwärmt: „Den Puma zeichnen vor allem Beweglichkeit, Feuerkraft und der Schutz seiner Besatzung aus.“ Offiziere schwärmen von einem „Quantensprung“. Doch derzeit zeichnet den Puma vor allem etwas anderes aus: das Etikett „Problem-Panzer“.

Etwas mehr als 330 der Neukonstruktionen sind mittlerweile an die Bundeswehr ausgeliefert. Aber statt zu frohlocken, ist der oberste Soldat der Bundeswehr, Generalinspekteur Eberhard Zorn, grob geworden. Im Einsatzbereitschaftsbericht, den Zorn Anfang Juni vorlegte, wird der Puma als „Negativbeispiel“ für die Auslieferungsqualität der Industrie beschrieben. Er verlange „zum Ende des Jahres einen wahrnehmbaren Anstieg der materiellen Einsatzbereitschaft“, schreibt Zorn. Heeresinspekteur Alfons Mais beschwert sich ein paar Seiten weiter, beim Puma gebe es „unverändert eine unbefriedigende Einsatzbereitschaft“.

Mit anderen Worten: Der Puma steht herum, aber er fährt nicht. Oder zumindest nicht zuverlässig. Es ist kein gutes Zeugnis für ein Produkt, erst recht nicht, wenn von der Idee bis zur Auslieferung aller Modelle fast 20 Jahre vergangen sind. 2002 gab es den ersten Projektvertrag, damals war der inzwischen verstorbene SPD-Politiker Peter Struck Verteidigungsminister, und der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan hatte gerade begonnen. Der Schützenpanzer Marder galt als veraltet, das neue Projekt sollte genauer treffen und den Soldaten besseren Schutz bieten. Es bekam den Namen eines etwas größeren Raubtiers.

Drei Jahre später, zum 50. Geburtstag der Bundeswehr, freute sich der Lobbyverband „Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik“, die Entwicklungsleistungen seien erbracht, und die Rüstungsindustrie habe gezeigt, „dass absolute Spitzenprodukte auch in bisher ungewohnt kurzer Zeit erfolgreich durchgeführt werden können“. Bis der Haushaltsausschuss des Bundestags den Kauf der neuen Panzer absegnete, vergingen jedoch weitere vier Jahre. Die Marder, mittlerweile über 40 Jahre alt, fahren immer noch. Die Pumas noch nicht wirklich.

Es ist eine fast unendliche Geschichte. Und es ist auch eine, die nicht untypisch ist für Rüstungsprojekte der Bundeswehr. Da ist das Transportflugzeug A400M, ein Ungetüm, in das zwei Hubschrauber passen – oder auch ein Puma. Bei dem Flieger gab es Probleme bei der Entwicklung, Mehrkosten, technische Schwierigkeiten. Rund elf Jahre Verspätung verzeichnet das Ministerium.

Auch die Auslieferung des Transporthubschraubers NH90 verzögerte sich um Jahre. Der Helikopter war dann alles andere als alltagstauglich. Immer wieder gab es Probleme – unter anderem wird Rostansatz bemängelt. Die Fregatte F125 kam im vergangenen Sommer mit fünf Jahren Verzögerung. Der jüngste Rüstungsbericht bemängelt „nicht hergestellte Versorgungsreife, d. h. dauerhaft eingeschränkte logistische Betreibbarkeit“. Es fehlt wohl unter anderem an Munition. Jahrelange Verspätungen gab es auch beim Kampfflugzeug Eurofighter, bei dem zwischendurch schon mal auffiel, dass Bohrungen nicht richtig entgratet, also abgeschliffen wurden. Wenn der Rüstungsbericht nun vermerkt, einer der neuen Regierungsflieger, die wegen der häufigen Pannen bestellt wurden, verzögere sich wegen der Corona-Krise um zwei Monate, ist das dagegen geradezu superpünktlich.

NH90 und A400M wurden zu Kürzeln, die im Ministerium, im Parlament und auch bei der Truppe spöttisches, allerdings auch hilflos wirkendes Grinsen auslösten – 52 Monate Verspätung im Durchschnitt listet der aktuelle Rüstungsbericht auf.

Das hat seinen Preis: 12,8 Milliarden Euro mehr als zu Projektbeginn müssen insgesamt veranschlagt werden, rechnet das Ministerium. Der größte Teil der Kostensteigerung – fast zwei Drittel – ist vorhersehbar und sogar vertraglich vereinbart, als Inflationsausgleich. Immerhin noch 19 Prozent Mehrkosten gehen auf später eingereichte Sonderwünsche der Bundeswehr zurück.

Rüstungsprojekte der Bundeswehr

Anfang Juli hat der Haushaltsausschuss des Bundestag fast eine Milliarde Euro für Rüstungsprojekte freigegeben. Rund 2000 Lenkraketen für die Raketenwerfer sowie das Luftverteidigungssystem Patriot sollen damit gekauft werden. Das Transportfahrzeug GTX Boxer wird mit Kameramonitoren modernisiert. Die Luftwaffe erhält drei kleinere zivile Flugzeuge, die etwa für Regierungsflüge genutzt werden können. Zudem wird das bisherige Brückenlegesystem Biber durch ein neues System ersetzt, mit dem Gewässer von bis zu 24 Meter Breite überwunden werden können.

Zu den größten Rüstungsprojekten der Bundeswehr gehört die Ausrüstung mit neuen Kampfflugzeugen. Die bestehenden Eurofighter sollen modernisiert, die Tornados nach und nach komplett ersetzt werden. Der Tornado-Ersatz ist in der Koalition umstritten, weil ein Teil der neuen Flotte die Fähigkeit zum Transport von Atomwaffen haben soll. Befürworter dieser Lösung halten dies für notwendig, um Deutschland zu ermöglichen, in der Nato über Nuklearwaffen mitreden zu können, die als Abschreckung gegenüber Russland gedacht sind. Die Gegenseite, darunter SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich, hält eine Reform der Nato-Strategie für nötig. Die Abstimmung wird voraussichtlich verschoben.

Auch ein weiteres Beschaffungsprojekt ist seit Jahren umstritten. Die Bundeswehr wünscht sich bewaffnete Drohnen. In Auslandseinsätzen könnten Soldaten damit besser geschützt werden. Grüne und Teile der SPD befürchten unter anderem, dass sich die Technik verselbstständigt. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat nach mehreren öffentlichen Diskussionsrunden, die im Koalitionsvertrag gefordert waren, ihr positives Votum bestätigt. Die SPD hat sich eine erneute Anhörung ausbedungen, scheint aber beizudrehen. vat

Über ein weiteres Fünftel der Mehrkosten aber, also über zwei Milliarden Euro, schweigt sich der Bericht aus. Der Ton, den das Ministerium gegenüber der Industrie anschlägt, hat sich seit einigen Jahren geändert. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) stellte alle Rüstungsprojekte auf den Prüfstand und räumte als erste Amtschefin erstmals offensiv Probleme ein, unter anderem in der Vertragsgestaltung. Beim A400M pochte sie auf Schadenersatz durch die Industrie.

Bei ihrer Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) setzt sich das fort. Sie verweigert die Abnahme von Maschinen, statt quasi auf dem Kasernenhof direkt mit der Reparatur zu beginnen. Im November verwies die Bundeswehr zwei lang erwartete A400M zurück an die Herstellerfirma Airbus – unter anderem wegen lockerer Schrauben an den Propellern. Wenig später mussten auch neue Transporthubschrauber des Modells CH90 am Boden bleiben.

Die Dokumentation, also die Bedienungsanleitung, sei unvollständig, bemängelte das Ministerium. Es ist auch der Versuch, den Ruf der Bundeswehr zu verbessern. Flugzeuge, die nicht fliegen, und Panzer, die nicht fahren, haben dazu beigetragen, dass die Truppe als Pannenveranstaltung wahrgenommen wird. Nun weist der Finger aus dem Ministerium auf die Rüstungsunternehmen.

Zum Beispiel nach Düsseldorf, zu Rheinmetall, und nach München, zu Krauss-Maffei. Die beiden Konzerne produzieren zusammen den Puma. Bei dem wurden aus ursprünglich genehmigten 3,1 Milliarden Euro für 450 Panzer nun rund sechs Milliarden Euro für 350 Panzer. Aus Spargründen hatte die Bundeswehr ihre Bestellung vor ein paar Jahren reduziert. Rheinmetall sieht den Grund für den Kostenanstieg nicht bei sich: „Es sind Faktoren hinzugekommen, die der Ursprungspreis nicht abgebildet hat“, sagt Konzernsprecher Oliver Hoffmann dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Den vereinbarten Ausgleich der Inflationsrate, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, Extrawünsche nennt er. Und ein Weiteres: Die nötigen Ersatzteile seien nicht eingepreist gewesen.

Die Kosten würden vom Ministerium von vorneherein zu niedrig angesetzt, kritisieren von jeher Linkspartei und Grüne. „Es gibt kaum Rüstungsprojekte, bei denen es keine Schwierigkeiten gibt“, sagt ein ehemaliges Regierungsmitglied. Es sieht eine geteilte Verantwortung für die Probleme: Detailverliebte Ingenieure in den Firmen stießen auf Militärs, die sich immer noch ein bisschen mehr vorstellen könnten. Die „Goldrandlösung“, so heißt das in der Bundeswehr.

„Über die Frage, ob der NH90 mit einer Außen- oder einer Innenwinde versehen wird, hat es fast einen Gelehrtenstreit gegeben“, spottet der Mann. Dazu komme aber noch etwas anderes: Die Bundeswehr sei für die Industrie ein bequemer Partner, sagt das Ex-Regierungsmitglied. „Sie ist ein geduldiger Auftraggeber.“ Die Unternehmen setzten sie gerne als Puffer ein, für auftragsärmere Zeiten. „Andere Produkte werden vorrangig ausgeliefert“, beschwert sich ein Ministeriumsmitarbeiter. Der Puma sei zwar großartig, aber eben auch teuer. „Ein hochleistungsfähiges Vorzeigeprojekt“, versichert Rheinmetall-Mann Hoffmann. „Wir registrieren Stolz bei den Soldaten, die ihn nutzen, und großes Interesse auch bei Streitkräften unserer Partnerländer.“

Es ist durchaus vorstellbar, dass 1088 PS technisches Interesse wecken. Aber außer an die Bundeswehr ist der Puma bislang nicht verkauft worden. Die Niederlande waren interessiert, haben sich aber gegen ihn entschieden. Es klingt eher nach einer Spezialanfertigung als nach einem Serienprodukt.

Bei dem ist mittlerweile einiges geändert worden. Mängellisten mit zum Teil über 1000 Posten sind abgearbeitet worden. Irgendwann fiel auf, dass der Puma dann zu schwer war für den Transport im A400M. Er kann nun auseinandergebaut und in zwei Chargen geflogen werden. In Einsätzen muss an den Basispanzer dann erst mal der Spezialschutz wieder angeschraubt werden.

Wegen einer neuen Arbeitstättenverordnung, die den Schutz Schwangerer verbesserte und nicht nur für Büros, sondern auch für Panzer gilt, mussten Kohlenmonoxid- und –dioxid-Sensoren eingebaut werden. Schwarz-Weiß-Monitore wurden durch Flachbildschirme ersetzt, die während der langen Panzerentwicklungsphase zum Standard geworden waren. Und weil der Innenraum des Pumas niedriger ist als der des Marder, gibt es eine Größenbeschränkung für Panzergrenadiere auf 1,84 Meter.

Demnächst steht eine Entscheidung an. Darüber, ob die Bundeswehr 210 weitere Puma kaufen soll, das sogenannte zweite Los. Dies stehe „weiter unter Vorbehalt“, hat Generalinspekteur Zorn sehr forsch verkündet. Die 40 Puma, die die Bundeswehr im Jahr 2023 für die Schnelle Eingreiftruppe der Nato (VJTF) zur Verfügung stellen möchte, müssten die Einsatzprüfung bestehen. Diese Entscheidung steht in den nächsten Wochen an.

Für die übrigen Puma müsse sich die Einsatzbereitschaft „signifikant“ erhöhen, fordert Zorn. Schriftlich ist nun von Ministerium und Industrie festgehalten, dass die Bereitschaftsquote bis Ende des Jahres von 30 auf 50 Prozent gesteigert werden solle. Bei der Hälfte der Puma soll dann also nur noch ein leerer Tank das Losfahren verhindern.

Das Transportfahrzeug GTX Boxer wird modernisiert.
Der Eurofighter gehört zu den größten Projekten der Bundeswehr.
Das Brückenlegesystem Biber soll ersetzt werden.

Daniela Vates

Schluss mit dem Viechzeug: Was besser ins Arsenal der Bundeswehr passt als der Puma. Eine Glosse.

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