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Jahrelanger Kampf: Frauen der Waorani demonstrieren 2014 gegen Ölförderung in ihrer Region.

Ecuador

„Der politische Wille fehlt“

30 Jahre nach Aufstand: Viele Forderungen der Indigenen in Ecuador weiterhin unerfüllt

Rund 50 Männer und Frauen – einige in farbenfroher Tracht mit Hüten und bestickten Blusen – haben sich über die Internetplattform Zoom eingeloggt. „Alli chishi, mashikuna“, „Guten Tag, Mitstreiter“, grüßt Ariruma Kowii auf Kichwa und fährt dann auf Spanisch fort. Der Dichter und Universitätsprofessor leitet einen Workshop mit zwei indigenen Hochlandgemeinden in Ecuador, die wegen der Diskriminierung ihre Muttersprache Kichwa verloren haben. Sie tauschen sich aus über Traditionen, die Selbstverwaltung ihrer Gemeinden und die Stärkung ihrer kulturellen Identität.

Der indianische Schriftsteller wirbt für das Kichwa, denn Sprache sei wesentlich für die Identität der Indigenen. In Ecuador sieht der 59-Jährige ihre Rechte bis heute missachtet – trotz der Verfassung von 2008, die als fortschrittlich gilt. Das Grundgesetz definiert das südamerikanische Land als Staat mehrerer Nationen, garantiert das sogenannte indianische Prinzip des guten Lebens (Sumak Kawsay) und erkennt die Territorien der Ureinwohner an. Zwei der 14 indigenen Sprachen wurden offiziell Landessprachen: Kichwa und Shuar.

Corona tief im Regenwald

Nach Ansicht vieler Ureinwohner bestehen diese Rechte aber nur auf dem Papier. Behördengänge sind nur mit Spanischkenntnissen möglich. „Der politische Wille zur Umsetzung fehlt“, kritisiert Kowii. Er sieht nicht nur die Regierung in der Pflicht, sondern auch die Führung des Dachverbands der indigenen Völker und Nationen (Conaie). Sie habe es zum Beispiel versäumt, sich dafür einzusetzen, dass alle 14 indigenen Nationen im Parlament vertreten sind.

Laut dem Zensus von 2010, bei dem sich die Ecuadorianer selbst einer Ethnie zuordnen mussten, machen die Ureinwohner in dem südamerikanischen Land rund sieben Prozent der Bevölkerung von etwa 16 Millionen aus. Der Dachverband Conaie geht jedoch von bis zu 30 Prozent aus.

Mit Nostalgie erinnert sich der Dichter Kowii an die Aufbruchstimmung, die 1990 herrschte. Die Ureinwohner gingen zu Hunderttausenden auf die Straßen, protestierten gegen die Ausbeutung in den Haciendas der Großgrundbesitzer, forderten eigenes Land, Zugang zu Wasser, das Recht auf eine mehrsprachige Bildung und einen plurinationalen Staat, der ihren Ethnien politische Rechte und Autonomie zugesteht. Erstmals wurden die Indigenen als politische Akteure ernst genommen.

1995 wurde die Partei Pachakutik (übersetzt „Zeitenwende“) gegründet, die sich etabliert hat und für die Präsidentenwahl im Februar einen Kandidaten aufstellen will. Nach anfänglicher Nähe zu Präsident Rafael Correa (2007–2017) kam es unter anderem wegen eines Bergbaugesetzes und der Erdölförderung im Yasuní-Nationalpark zum Bruch.

Die Bewegung galt als stark geschwächt – bis Oktober 2019. Der Dachverband Conaie machte gegen die Streichung der Kraftstoffsubventionen mobil und rief zum Generalstreik. Auch andere Gruppen beteiligten sich an Massendemonstrationen, die teils in Gewalt ausarteten. Präsident Lenín Moreno schickte das Militär auf die Straßen, lenkte später aber ein.

„In der Gesellschaft hatte sich so viel aufgestaut, das sich im Oktober entladen hat“, analysiert Kowii. Von einem neuen Selbstbewusstsein der Indigenen-Bewegung ist die Rede. Die Forderung nach einer Agrarreform wird in der Corona-Krise wieder zentral. Vor allem die Amazonasgemeinden fühlen sich vom Staat im Stich gelassen. Dort gibt es nach Conaie-Angaben weder ausreichend Schutzausrüstung noch genug Medikamente.

Mittlerweile ist das Coronavirus tief in den Regenwald eingedrungen. Der Rat der dortigen Indigenen (Confeniae) hat schon fast 2000 Infizierte und mehr als 30 Tote gezählt. Offizielle Zahlen, wie viele Ureinwohner sich infiziert haben, gibt es nicht. Im ganzen Land ist die Zahl der Fälle auf mehr als 87 000 gestiegen. Rund 5800 Menschen starben.

Der indigene Historiker Floresmilo Simbaña beklagt, die alten Strukturen der Ungleichheit und Ausbeutung bestünden 30 Jahre nach dem Aufstand weiter, auch wenn sich die Lebensbedingungen geändert hätten. Das Bild vom Indigenen auf dem Land, der nur in der Landwirtschaft tätig ist, sei überholt. Einige Gemeinden lebten heute vom Handel, andere betrieben Genossenschaftsbanken. Und viele Ureinwohner hätten einen Beruf erlernt. Regine Reibling, epd

Viele Indigene leben am Rand der Gesellschaft und versuchen ihre eigene Kultur zu bewahren. 1994 haben die UN den 9. August zum Internationalen Tag der Indigenen Völker bestimmt. Die UN schätzen die Zahl der Indigenen auf rund 480 Millionen Menschen in 90 Ländern, die sich in rund 5000 unterschiedliche Kulturen aufteilen. Sie seien dreimal häufiger von extremer Armut bedroht – und wegen oft prekärer Lebensverhältnisse besonders anfällig für Infektionskrankheiten. „Covid-19 ist eine neue Bedrohung für die Gesundheit und das Überleben der indigenen Völker“, heißt es in einer UN-Erklärung. 2007 verabschiedete die UN-Vollversammlung eine Erklärung über die Rechte der indigenen Völker. Darin wird ihre Gleichstellung mit allen anderen Völkern bekräftigt. Die völkerrechtlich bindende Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation über die Rechte der indigenen Völker von 1989 wurde erst von 23 Staaten ratifiziert. (epd)

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