Auf ihm lasten die Hoffnungen der SPD: Noch Juso-Chef Kevin Kühnert am Dienstag (Mitte).
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Auf ihm lasten die Hoffnungen der SPD: Noch Juso-Chef Kevin Kühnert am Dienstag (Mitte).

Wechsel

Der nächste Schritt

  • Andreas Niesmann
    vonAndreas Niesmann
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Kevin Kühnert verlässt die Jusos und drängt in den Bundestag - gegen prominente Konkurrenz.

Bei den Jusos, der Nachwuchsorganisation der SPD, gilt: Nach drei Jahren an der Spitze ist Schluss. Daran haben sich nahezu alle Vorsitzenden der vergangenen 20 Jahre gehalten, Niels Annen, Björn Böhning, Franziska Drohsel und Sascha Vogt gaben den Job nach jeweils drei Jahren auf. Nur Johanna Uekermann amtierte vier Jahre – weil der Führungswechsel sonst mit dem Bundestagswahlkampf 2017 kollidiert hätte.

So gesehen ist das, was Kevin Kühnert am Montagabend angekündigt hat, eine ganz gewöhnliche Sache. Nach drei Jahren im Amt zieht sich der Juso-Chef vom Vorsitz zurück. Doch Kühnert ist kein alltäglicher Politiker, er ist vor allen Dingen ein gänzlich ungewöhnlicher Juso-Chef.

Der Mann aus Berlin ist der einflussreichste und wirkmächtigste Chef einer politischen Jugendorganisation seit Andrea Nahles. Mit Selbstbewusstsein, Eloquenz, Intellekt, Machtinstinkt und Fleiß hat es der 31-Jährige so schnell wie kaum einer vor ihm in die erste Reihe der Politik geschafft.

Nur wenige Monate nach Amtsübernahme Ende 2017 wäre die Neuauflage der großen Koalition um ein Haar an Kühnerts No-Groko-Kampagne gescheitert. Auch danach hielt er die Spitzengenossen in Atem, egal, ob diese Martin Schulz, Olaf Scholz oder Andrea Nahles hießen.

Als die glücklose SPD-Chefin im Frühjahr 2019 die Brocken hinwarf, wirkte Kühnert kurzzeitig wie ihr Nachfolger. „Kommt jetzt Kevin?“, fragte das Magazin „Der Spiegel“. Er kam dann nicht – und irgendwie doch. Zwar trat Kühnert nicht selbst in das Rennen ein, aber er unterstützte die Kandidatur des letztlich erfolgreichen Duos Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans mit aller Macht. Ohne ihn und die Jusos wären die SPD-Vorsitzenden heute andere.

Kühnert polarisiert – nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der SPD. Einige sehen in ihm die Rettung, andere den Untergang. Als Kühnert in einem „Zeit“-Interview im Europawahlkampf über eine andere Wirtschaftsordnung und die Kollektivierung von Großunternehmen nachdachte, bescherte ihm das bundesweite Empörung und eine wochenlange Sozialismus-Debatte.

Kühnert musste lernen, dass seine Worte mehr Gewicht haben und anders gehört werden als die seiner Vorgänger. Und dass eine Debatte, die über Überschriften und teils falsch wiedergegebene Schlagworte hinausgeht, in den dauerempörten sozialen Medien nur schwer zu führen und noch viel schwerer zu gewinnen ist.

Seinen Aufstieg hat das nicht verhindert. Der Marsch durch die Institutionen, mit dem Rudi Dutschke Ende der 1960er Jahre die Gesellschaft verändern wollte, ist für Kühnert bislang ein Eilmarsch. Beim SPD-Parteitag Ende 2019 kandidierte er gegen den Willen des Establishments für einen Vizeposten und zuckte auch dann nicht zurück, als der mächtige Arbeitsminister Hubertus Heil seinen Hut in den Ring warf. Kühnert hätte es auf eine Kraftprobe ankommen lassen, die Parteitagsregie verhinderte sie am Ende durch die Schaffung eines weiteren Postens im Präsidium.

Auch bei der Bundestagskandidatur, die er nun anstrebt, zuckt Kühnert nicht vor großen Namen zurück. Noch wird ein Wahlkreis für den scheidenden Berliner Bürgermeister Michael Müller gesucht, der seine Karriere gerne im Bundestag ausklingen lassen würden. Seinen eigenen Heimatkreis, Tempelhof-Schöneberg, wird Müller nun nicht mehr bekommen.

Hier will Kühnert kandieren, wie er im gleichen Atemzug mit der Rücktrittsankündigung verriet. Die Genossen in dem Kreisverband sollen dem Vernehmen nach geschlossen hinter ihm stehen. Kreischef Lars Rauchfuß sagte, er rechnet fest mit einer Nominierung bei der Wahlkreiskonferenz im November. Ob Kühnert sich damit zufriedengibt? Er könnte auch die Spitzenkandidatur des Berliner Landesverbandes anstreben. Dazu hüllt er sich bislang in Schweigen, viele seiner Genossen allerdings rechnen fest damit. Für Müller, das scheint immer klarer zu werden, wird der Weg in den Bundestag alles andere als ein Spaziergang.

Für Kühnert hingegen ist es nur der nächste Schritt auf der Karriereleiter. Wie viele noch folgen, weiß keiner. Aber mit dem Mann ist zu rechnen.

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