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In Cabo Delgado wurde viel zerstört, so auch der Hafen von Mocimboa.
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In Cabo Delgado wurde viel zerstört, so auch der Hafen von Mocimboa.

Mosambik

Der Nachbar aus Ruanda sorgt in Cabo Delgado für Ruhe

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Mosambiks Präsident Filipe Nyusi bittet seinen Kollegen Paul Kagame, die Nordost-Provinz von Aufständischen zu befreien. Der lässt sich nicht zweimal bitten.

Ein junger Mann kauert auf dem Boden eines Raums von der Größe eines kleinen Klassenzimmers – auf ihn ein halbes Dutzend Kameras und vierzig Augenpaare gerichtet. Sein linkes Bein ist mit einem zerfledderten Verband umwickelt, in den der 18-Jährige verlegen mit den Fingern bohrt. Von einem Soldaten aufgefordert trägt Jussuf Abdullah mit tonloser Stimme seine Geschichte vor: Wie er von den „Terroristen“ in seinem Fischerboot entführt worden sei, wie sie ihn zum Kampf gegen die Regierungsmacht gezwungen und nach einem Gefecht vor zehn Tagen verletzt zurückgelassen hätten. Seine Kalaschnikow habe blockiert, erzählt Jussuf: Wieder in Gang gebracht habe er sich versehentlich selbst in den Fuß geschossen. Die Geschichte klingt einstudiert und wenig überzeugend: Was aber ist von einem Kriegsgefangenen, der von seinen Häschern der Presse vorgeführt wird, auch anderes zu erwarten?

Draußen im Hof ist mediengerecht ein Arsenal an erbeuteten Waffen zur Schau gestellt: In der Mehrzahl alte Kalaschnikows, Macheten und Munition, auch drei Maschinengewehre sind dabei. „Nicht gerade beeindruckend“, räumt ein Offizier ein, den die Flagge an seiner Uniform als Ruander ausweist. Und dennoch hielten die Kämpfer der „Ahlu Sunnah wa Jama’a“ (ASWJ) damit ein ganzes Jahr lang Moçimboa da Praia besetzt. Das einst schmucke Hafenstädtchen in der nordmosambikanischen Provinz Cabo Delgado liegt heute in Trümmern: Fast alle der noch aus der portugiesischen Kolonialzeit stammenden Gebäude sind beschädigt, die Kirche zerstört, ausgebrannte Fahrzeugwracks säumen die Straßen. Als sie im August auf Moçimboa vorrückten, hätten die „Terroristen“ die Stadt kampflos geräumt, erzählt der ruandische Offizier und fügt auf die Frage, warum dies der mosambikanischen Armee zuvor nicht gelungen sei, hinzu: „Das müssen sie die selber fragen.“

Überraschungen sind in Cabo Delgado nicht ungewöhnlich

Überraschungen sind in Cabo Delgado nicht ungewöhnlich. Die Provinz galt als die ärmste des südostafrikanischen Armutsstaats – bis Anfang dieses Jahrhunderts in ihrem Boden Rubine und wenig später vor ihrer Küste eines der größten Erdgasvorkommen der Welt gefunden wurden. In der Nähe des rund 70 Kilometer nördlich von Moçimboa gelegenen Küstenstädtchens Palma entstand in den vergangenen Jahren eine gigantische Großbaustelle: Hinter einer Doppelreihe an Stacheldrahtzäunen ist ein Flugplatz für große Düsenmaschinen zu sehen, dahinter erstreckt sich eine Container-Siedlung mit Kantine, Krankenhaus, Klimaanlagen und Plasma-Bildschirmen. Vom Herzen des 20 Milliarden-Dollar-Projekts – der größten Gasverflüssigungsanlage Afrikas – ist noch nichts auszumachen: Seit „al Shabab“ (die Jungs, wie die muslimischen Kämpfer im Volksmund genannt werden) im März dieses Jahres Palma überfielen, hat der französische Mineralölkonzern Total die Arbeit ruhen lassen. Derzeit halten ein paar südafrikanische Manager die Bauruine über Wasser: Wann sie wieder mit Leben gefüllt wird, wissen auch sie nicht.

Palma selbst erwacht allmählich aus der Trauma-Starre. Vor der „Amarulla Lodge“, die im März von den Aufständischen zertrümmert wurde, zeigt Ibrahim Samalane, wo er zwölf enthauptete Opfer der „Jungs“ notdürftig begraben habe – aus der Erde ragt noch die Spitze eines Schuhs. In der Hauptstraße des Städtchens sind selbst beschädigte Geschäfte wieder geöffnet, in einem Busbahnhof haben sich Flüchtende niedergelassen. Sie könnten eigentlich in ihre Dörfer zurückkehren, meint der ruandische Armeesprecher Ronald Rwivanga, der die internationale Journalistengruppe drei Tage lang durchs Kriegsgebiet führt: Doch die meisten von ihnen seien noch skeptisch. Kein Wunder: Dass der Kampf gegen die „Terroristen“ so gut wie gewonnen sei, hatte Mosambiks Regierung der Bevölkerung schon seit Beginn der Aufstände vor fünf Jahren versprochen. In Wirklichkeit trat das Gegenteil ein: Die „Jungs“ brachten immer neue Gebiete unter ihre Kontrolle, mehr als 3000 Menschen kamen ums Leben, fast 800 000 wurden aus ihrer Heimat vertrieben.

Die kriegserfahrenen Kämpfer kamen aus dem einstigen Völkermordstaat

Erst als Anfang Juli rund 1000 ruandische Soldaten in der Unruheprovinz eintrafen, wendete sich das Blatt in Cabo Delgado. Die kriegserfahrenen Kämpfer aus dem einstigen Völkermordstaat kamen auf Bitte des mosambikanischen Präsidenten Filipe Nyusi ins Land: Der musste schließlich einsehen, dass seine Sicherheitskräfte der Herausforderung nicht gewachsen waren. Ruandas Präsident Paul Kagame ließ sich nicht zweimal bitten: Der umstrittene Autokrat sieht sich gerne in der Rolle des Retters Afrikas. In Cabo Delgado machten sich seine Soldaten sogleich auf die Jagd nach den „Terroristen“, drangen von Palma aus nach Süden sowie vom Zentrum der Provinz nach Osten auf die Rebellenhochburg Moçimboa vor. Dabei seien sie nur gelegentlich in Kämpfe verwickelt gewesen, berichtet Armeesprecher Rwivanga: Meist zogen sich die „Jungs“ offenbar kampflos in den Busch zurück. Seine Truppe habe bislang lediglich vier Todesopfer zu beklagen, fügt der Oberst hinzu: Dagegen habe der Feind mehr als 100 Kämpfer verloren. Die Zahl der „Jungs“ wird auf mindestens 3000 geschätzt.

Der Weg nach Mbau führt durch tiefen Sand, in dem die ruandischen Jeeps und tonnenschweren Panzerwagen immer wieder steckenbleiben. Dann springen die Soldaten eiligst ab, um den Konvoi zu sichern: Nicht weit von Mbau entfernt legte al Shabab vor zehn Tagen noch einen Hinterhalt. Das auf einem Hügel unter Bäumen gelegene Dorf hatte den Rebellen zuletzt als Hauptquartier gedient: Mittlerweile richteten die Ruander zwischen den zerstörten Häusern und Hütten ihren Befehlsstand ein. Hier in Mbau habe sowohl der spirituelle wie der militärische Führer der Extremisten gelebt, berichtet ein ruandischer Major: Sie hätten sich nur vermummt gezeigt, damit die Dorfbewohner ihr Gesicht nicht sahen. Tatsächlich ist von Scheich Abu Yassir Hassan und Bonomade Machude Omar überraschend wenig bekannt: Der Scheich soll aus dem Nachbarland Tansania stammen – und Kommandeur Omar Musterschüler eines Gymnasiums in Moçimboa gewesen sein.

„Resource Curse“ – der Fluch der Bodenschätze

Besser belegt sind die Gründe für ihren Aufstand: Ihr gemeinsamer Feind ist die Regierungselite in der 2000 Kilometer entfernten Hauptstadt Maputo, die sich der vergessenen Provinz erst dann widmete, als dort Edelsteine und Erdgas gefunden wurden. Wo bislang nur der Heroin-Schmuggel und illegaler Holzhandel blühte, tauchten plötzlich Politiker und Generäle in Trauben auf: Sie beschlagnahmten Land, flochten korrupte Seilschaften und sandten Sicherheitskräfte aus anderen Teilen des Landes zur Niederschlagung der aufkommenden Proteste in die Provinz. Das Phänomen hat aus anderen afrikanischen Staaten schon einen Namen: „Resource Curse“ – der Fluch der Bodenschätze.

Mussiny Ignacio ging damals in Moçimboa zur Schule, in dasselbe Gymnasium, das Musterschüler Omar besuchte. Einer seiner Freunde, der „nette“ Mustafa, schloss sich al Shabab an und ist inzwischen tot. Die Nachricht von den Erdgasfunden habe unter den Jugendlichen der Provinz wie ein Blitz eingeschlagen, erinnert sich Mussiny: Plötzlich hätte sich ihr trister beruflicher Horizont aufgehellt. Nach seinem Englisch-Studium in der Hauptstadt Maputo wollte Mussiny in Palma eine Sprachschule eröffnen, damit die Dorfbewohner ihre Chance auf einen Job bei den ausländischen Mineralölkonzernen mit Englisch-Kenntnissen verbessern könnten. Stattdessen musste der heute 28-Jährige nach Pemba, in die Hauptstadt Cabo Delgados, fliehen: Dort schlägt er sich jetzt als Gelegenheitsdolmetscher durch.

„ Kein Land der Welt kann mit internationalem Terror alleine fertig werden“

Dass sich die Enttäuschung der „Jungs“ in immer brutaleren Aktionen niederschlug, hängt in den Augen Mussinys nicht zuletzt mit dem zunehmend harten Durchgreifen der Sicherheitskräfte zusammen. Die Eskalation kam der Regierung in Maputo offensichtlich gelegen: Sie konnte die Aufständischen als blutrünstige Extremisten beschreiben, die von ausländischen Terrororganisationen geleitet würden und für Gespräche nicht in Frage kämen.

Damit war auch die Verantwortung Maputos für den Aufstand minimiert: Kein Land der Welt könne mit internationalem Terror alleine fertig werden, pflegt Präsident Nyusi zu sagen. Auf die Frage, auf viele Ausländer sie während ihres Feldzugs gestoßen seien, antwortet Oberst Rwivanga: „Einen Somalier“. Pemba hat sich heute herausgeputzt. In der von Flüchtenden überquellenden Provinzhauptstadt wird hoher Besuch erwartet: Ruandas Präsident ist überraschend eingeflogen, um mit seinem mosambikanischen Kollegen den Sieg über den Terror zu feiern. In den Straßen der Hafenstadt wehen Fähnchen, die Luxushotels an der Strandpromenade sind ausgebucht, im „Maritime Club“ stehen zwei Kompanien ruandischer und mosambikanischer Soldaten stramm. „Das war nur der Anfang unserer Mission“, sagt der schlaksige Kagame, der seinen kugelförmigen Amtskollegen Nyusi um Längen überragt, beim Appell: „Wir sind hier, um Cabo Delgado auch beim Wiederaufbau zu helfen.“

Bei der Show rollen frisch geputzte Panzerwagen

Ein Satz, den der ehrgeizige afrikanische Doyen womöglich noch einmal bereuen wird. Eintausend disziplinierte Soldaten mögen ausreichen, dreitausend altertümlich bewaffnete „Jungs“ in den Busch zu treiben – einen scheiternden Staat werden sie jedoch nicht retten können. Noch nie wurde der Fluch der Bodenschätze, die Herrschaft einer korrupten Regierung und der ihr geltende „Terror“ mit einer militärischen Intervention besiegt: Ob der Schauplatz Libyen, Mali, der Irak oder Afghanistan war.

Trotzdem hat der mosambikanische Gastgeber zur Feier des Tages eine militärische Show in Pembas Stadion organisiert. Dort rollen frisch geputzte Panzerwagen, donnern Düsenjäger im Überflug, ein Elitesoldat seilt sich gemeinsam mit einem Schäferhund von einem Helikopter ab. Präsident Nyusi nimmt die paradoxe Parade mit geschwellter Brust und militärischen Gruß ab: Sein geknickter Stolz ist wiederhergestellt.

Der Gefangene Jussuf Abdullah wird der Presse präsentiert.
Sieht sich als Retter Afrikas: Ruandas Staatschef Paul Kagame.
Die Kämpfe haben viele Menschen in die Flucht getrieben.
FR-Grafik.

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