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Friedlich gegen ein Vierteljahrhundert der Diktatur: Oppositionelle in Belarus.

Belarus

Der Mut der Tausenden in Minsk

Die Opposition in Belarus lässt sich auch dieses Wochenende nicht den Mund verbieten.

Das Aufgebot an Polizisten und Soldaten auf dem Unabhängigkeitsplatz der belarussischen Hauptstadt war so massiv wie seit der Präsidentenwahl vor drei Wochen nicht mehr. An seinem 66. Geburtstag am Sonntag setzte Staatschef Alexander Lukaschenko mehrere Hundertschaften mit Spezialtechnik gegen friedliche Demonstranten ein. Massendemonstrationen mit Hunderttausenden wie an den beiden vergangenen Sonntagen, wollte er nicht mehr hinnehmen.

Hunderttausende wurden es dann auch nicht, aber immerhin doch Zehntausende waren schließlich auf den Beinen gegen den seit 1994 ununterbrochen herrschenden de facto Diktator Lukaschenko. Diese Mutigen in Minsk ließen sich auch von der Drohung des Kremlchefs Wladimir Putin nicht abschrecken, Lukaschenko im Notfall russische Truppen zur Hilfe zu schicken.

Zwar erreichten die Bürgerinnen und Bürger an diesem Sonntag nicht den mit Gittern abgesperrten zentralen Unabhängigkeitsplatz. Aber an vielen Stellen stellten sich Tausende Menschen den Uniformierten entgegen. „Uchodi!“ – „Hau ab!“ -, skandierten die Gruppen. Und: „Lukaschenko w Awtosak!“ – „Lukaschenko in den Gefangenentransporter!“

Putins Geduld ist am Ende

An diesem Wochenende wurde Putin erstmals Thema auf der Straße: Die Demonstrierenden forderten, er solle sich nicht in belarussische Belange einmischen; viele sind enttäuscht, dass der Russe sich auf Lukaschenkos Seite geschlagen hat. „Wir hatten auf eine neutrale Position Russlands gehofft“, sagte der frühere Kulturminister Pawel Latuschko und räumte ein, dass der „Druck“ dieser Hilfszusage eine psychologische Wirkung auf die Proteste habe. Putins Machtwort stärkt Lukaschenko, der sich nun sicher fühlen darf, mit beliebiger Härte gegen alle Opposition vorgehen zu können.

Als deutliche Illustration dieser „psychologischen“ Wende darf das Vorgehen der Uniformierten auf den Straßen Minsk dienen: Zig friedlich Demonstrierende wurden festgenommen. Putins drohende Hilfe zeige aber auch, „wie schwach Lukaschenko ist, wie sehr er sein Volk fürchtet“, sagte die Oppositionelle Maria Kolesnikowa. Andere Belarussen meinen, Putin habe nun gezeigt, wer der eigentliche Herr in Belarus ist.

Der Kreml hatte sich lange die Proteste gegen Lukaschenko kommentarlos angeschaut. Doch als sich der Eindruck verdichtete, fortan würden jeden Sonntag Hunderttausende protestieren, war wohl die Geduld am Ende. Moskau wollte wohl auch keine Bilder der Revolte wie einst aus der Ukraine, die im eigenen Land Nachahmer finden könnten. Putins Drohung, eines Kampfeinsatzes wird vielerorts als Signal an die Belarussen verstanden – und an den Westen, sich nicht einzumischen. (dpa)

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