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Der Krieg setzt sich fest

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Von: Peter Rutkowski

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Wenn die Katastrophe
Wenn die Katastrophe © dpa

Der Endkampf um Mariupol läuft, über Kiew und Lwiw gehen Raketen nieder. Und der Ruf nach Waffen aus dem Westen wird immer drängender.

Wenn man den spärlichen Nachrichten von russischer wie ukrainischer Seite aus der Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer trauen darf, dann findet zur Stunde dort ein so groteskes wie grausames und tödliches Schauspiel statt, wie es das in den vergangenen 54 Kriegstagen in Europa nicht gegeben hat – und seit 79 Jahren nicht mehr, seit den Tagen des umkämpften Stalingrad.

Alle Nachrichten aus Mariupol erinnern an die grauenerregende Schlacht 1942/43: Die letzten Verteidiger haben sich in einem weitläufigen Industriekomplex verschanzt. Zahllose Zivilpersonen, die nicht mehr aus der belagerten Metropole herauskommen konnten, sollen mit ihnen zusammen ausharren. In der Stadt scheint kaum ein Haus noch bewohnbar. Immer noch schießt Artillerie in sie hinein... Nur diesmal sind Russen die Aggressoren und nicht die Verteidiger.

Ein am Ostersonntag vom russischen Verteidigungsministerium gestelltes Ultimatum lehnten die letzten ukrainischen Kräfte in Mariupol ebenso rundheraus ab wie ihre Regierung in Kiew: Niemals würde man sich ergeben. Das russische Angebot war, die Waffen niederzulegen und dafür in der Gefangenschaft ordentlich behandelt zu werden. Nach den Gräueltaten rund um Kiew glaubt niemand mehr solchen Worten.

Der ukrainische Generalstab berichtete am Sonntagabend von russischen Raketen- und Bombenangriffen auf die Stadt mit früher mehr als 400 000 Menschen an Bevölkerung. Dabei sollen auch Überschallbomber vom Typ Tu-22M3 zum Einsatz gekommen sein. Besonders in der Nähe des Hafens sowie des Stahlwerks Asowstal gebe es russische Angriffsversuche. Regierungschef Denys Schmyhal versicherte dem US-Sender ABC, die Stadt sei nicht gefallen. Schon bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe kann das aber geschehen sein. Moskau hat den Verteidigern mit ihrer „Vernichtung“ gedroht.

Am Wochenende sollen es nicht ganz 3000 Menschen noch aus der Umklammerung heraus geschafft haben. Die vielleicht noch 100 000 verbliebenen werden nun die wohl letzten Kämpfe direkt miterleben.

Dieses Schicksal teilt praktisch das gesamte ukrainische Volk zu jeder Stunde mit den Leuten in Mariupol. Vor der befürchteten Großoffensive in der Ostukraine hat Russland am Montag auch wieder im Westen des Landes angegriffen. Bei fünf Raketenangriffen auf die Stadt Lwiw, in der sich viele Flüchtlinge aufhalten, wurden nach Angaben von Gouverneur Maxym Kosyzky vier militärische Ziele und eine Autowerkstatt angegriffen. Mindestens sieben Menschen seien getötet und elf weitere verletzt worden, darunter auch ein Kind. Auch auf der Hauptstadt Kiew gingen wieder Raketen nieder. In der Nacht zum Sonntag hatte die russische Armee nach eigenen Angaben zudem eine Munitionsfabrik im nahe Kiew gelegenen Browary zerstört. Es handelte sich um die dritte Attacke auf Waffenfabriken in der ukrainischen Hauptstadtregion seit Freitag.

Bei Angriffen in der nahe der russischen Grenze gelegenen Millionenstadt Charkiw wurden nach Angaben von Rettungskräften am Sonntag mindestens fünf Menschen getötet.

Der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, forderte erneut die Lieferung schwerer Waffen aus Deutschland an die Ukraine. „Wir brauchen die schweren Waffen aus Deutschland sofort“, sagte er am Montag der „Bild“-Zeitung. „Jede Verzögerung kostet Menschenleben. Das sollte jedem klar sein. Ich kann diese Debatte nicht verstehen.“

Zu Details äußerte sich Klitschko nicht. In einem Interview der Sender RTL und ntv sagte er: „Ich bin kein Waffenexperte, aber wir brauchen Panzer und Flugzeuge.“ mit afp

Milizionäre der „Volksrepublik“ Donezk patrouillieren in Mariupol. Alexei Alexandrov/dpa
Milizionäre der „Volksrepublik“ Donezk patrouillieren in Mariupol. Alexei Alexandrov/dpa © dpa

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