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Putin

Afghanistan: Russland freut sich über die Taliban, doch fürchtet die Geflüchteten

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Nach dem Nato-Rückzug aus Afghanistan will die russische Regierung US-Truppen aus ganz Mittelasien herausdrängen. Zugleich fürchtet Putins Regierung die Islamisten.

Moskau – Die westlichen Partner schlügen hartnäckig vor, Flüchtende aus Afghanistan in den zentralasiatischen Staaten unterzubringen, bis sie ein Visum der USA oder anderer Länder bekämen, beschwerte sich Russlands Präsident Wladimir Putin am Sonntag. „Das heißt, in diese Staaten, zu unseren nächsten Nachbarn, kann man Leute ohne Visum schicken, aber bei sich möchten sie sie ohne Visum nicht aufnehmen.“ Das sei beleidigend und bedrohe dazu die russische Sicherheit. „Wir wollen nicht, dass in Russland als Flüchtlinge getarnte Partisanen auftauchen.“

Russland verfolgt die Machtübernahme der Taliban in Kabul und das humanitäre Chaos beim hastigen Abzug der Nato mit einer Mischung aus Besorgnis und Schadenfreude. Einerseits sieht Moskau in dem Sieg der Taliban eine Möglichkeit, die USA ganz aus Mittelasien herauszudrängen. Andererseits fürchtet der Kreml, islamistische Kämpfer könnten auch in die ehemaligen Sowjetrepubliken Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan einsickern.

In Kabul werden nun auch Fahnen der Taliban verkauft.

Russland und Afghanistan: Offiziell betrachtet Moskau die Taliban als Terroristen

Offiziell sind die Taliban in Russland als „terroristische Vereinigung“ verboten. Kein Wunder, sie unterstützten im zweiten Tschetschenienkrieg die Separatisten und erklärten Russland 2000 sogar den Heiligen Krieg. Der islamistische Terrorismus galt Russland wie den USA als gemeinsamer Feind.

Nachdem George Bush 2001 seinen afghanischen Feldzug startete, erlaubte Putin den US-Truppen gegen den Widerstand seiner Militärs sogar, Nachschubbasen in Kirgisien und Usbekistan einzurichten. Aber längst ist das Verhältnis Russlands zu den USA abgekühlt, seit 2018 führt Moskau offizielle Verhandlungen mit den Taliban. Der US-Fernsehsender CNN bezichtigte die Russen sogar, sie würden den Guerilleros Waffen liefern.

Russisches Staatsfernsehen spricht plötzlich von „progressivem Radikalismus“ in Afghanistan

Und jetzt bezeichnen Moderatoren des russischen Staatsfernsehens die Taliban-Bewegung als „progressiven Radikalismus“. Außenminister Sergej Lawrow sprach von „positiven Prozessen auf den Straßen Kabuls“. Die Taliban sorgten im Großen und Ganzen effektiv für Ordnung, suchten außerdem Kontakt zu innenpolitischen Widersachern, auch zu ihren letzten militärischen Gegnern im tadschikisch besiedelten Norden des Landes.

Zwar erklärte sein Stellvertreter Oleg Syromolotow, man werde sich nicht beeilen, die Taliban aus der staatlichen Liste internationaler Terrororganisationen zu streichen. Und auch Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sprach von einem möglichen Bürgerkrieg in Afghanistan, in den sich Russland nicht einmischen würde. Aber bereits am Freitag hatte Präsident Putin die Herstellung „gutnachbarlicher Beziehungen“ zum neuen Afghanistan als neue Aufgabe ausgegeben.

Geostrategische Planspiele des Kreml: Afghanistan im Konflikt zwischen Russland und USA

Wie das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf hohe Beamte der USA und Russlands berichtete, soll Putin Biden bei ihrem Gipfeltreffen im Juni aufgefordert haben, auf jegliches Engagement in den zentralasiatischen Ländern zu verzichten. Und viele russische Medien glauben, der Kreml betrachte die dramatische Blamage Amerikas in Afghanistan als Gelegenheit für weitere geostrategische Geländegewinne.

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Nach Ansicht des oppositionellen Historikers Andrej Subow will Russland dazu mit den Taliban ins Geschäft kommen. „Man hofft, sie kaufen zu können“, sagte er dem Sender TV Doschd. Aber die Taliban bräuchten angesichts großzügiger Geldgeber aus der arabischen Welt weder russisches noch chinesisches Geld.

„Die klettern auf alles Mögliche“: Putin fürchtet Flüchtende aus Afghanistan

Und trotz der offiziellen Vorschusslorbeeren für die neue talibische Friedfertigkeit herrschen auch in Moskau Zweifel, dass die Sieger konsequent Front gegen traditionelle terroristische Sinnesgenossen wie den „Islamischen Staat“, aber vor allem AlKaida machen. Zwar schreibt der Mittelasienexperte Arkadi Dubnow, die Taliban hätten sich in den 27 Jahren ihres Bestehens an keinem einzigen Terroranschlag außerhalb Afghanistans beteiligt. Aber das Regierungsblatt „Rossijskaja Gaseta“ warnt vor Drogen, Waffen, illegaler Migration und Kriminellen, die durch Tadschikistan nach Russland eingeschleppt werden.

„Das Nullsummenspiel zwischen Russland und den USA funktioniert in Afghanistan nicht“, sagt der kremlnahe Politologe Alexej Muchin der Frankfurter Rundschau. „Es ist ungewiss, ob und wie unsere Unternehmen, die Russische Eisenbahn, Gasprom oder Lukoil, weiter dort arbeiten können. Und es besteht die Gefahr, dass sich auch der ,Islamische Staat‘ oder andere Terrorgruppen, die die Taliban aus Afghanistan herausdrängen, Richtung Norden orientieren werden.“

Selbst Putin redet von Tausenden Kilometern kaum bewachter Grenze zu den mittelasiatischen Ländern. Und von möglicherweise Hunderttausenden, wenn nicht Millionen Flüchtenden aus Afghanistan. „Die klettern auf alles Mögliche, auf Autos oder auf Esel, und fahren durch die Steppe.“ (Stefan Scholl)

Rubriklistenbild: © Hoshang Hashimi/AFP

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