Indiens Infektionszahlen steigen weiter rapide an.
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Indiens Infektionszahlen steigen weiter rapide an.

Sonderfall in Asien

Experten: Lockdown für rasant steigende Corona-Fallzahlen in Indien verantwortlich

  • vonAgnes Tandler
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Während die Nachbarländer die Corona-Pandemie unter Kontrolle haben, steigen Indiens Infektionszahlen weiter rapide an.

  • In Indien steigen die Coronavirus-Fälle rapide an.
  • Die Regierung des südasiatischen Landes verhängte im März einen extrem strikten Lockdown.
  • Experten vermuten, das strikte Vorgehen der Regierung ist für die Verschärfung der Lage verantwortlich.

Neu-Delhi – „Ich bin ein wenig besorgt wegen Corona, aber ich habe keine andere Option“, sagt Guarav Chautala. Der 25-Jährige, der in der Innenstadt der indischen Hauptstadt Neu-Delhi lebt, fährt mit der Metro zur Arbeit in der Nähe vom Flughafen. Fast 170 Tage waren die Metrolinien in Indien geschlossen, um die Verbreitung des Virus zu stoppen.

Corona in Indien: Fallzahlen des Virus steigen rasant

Aber die Fälle steigen rasant, während Indiens Regierung die Restriktionen weiter lockert. Am Freitag meldete Indien 96.551 Neuinfektionen an einem Tag – einen neuen Höchstwert. Mit über 4,5 Millionen Fällen ist das Land inzwischen das nach den USA am schlimmsten betroffene weltweit. Indiens Hauptstadt ist einer der vielen Hotspots.

Indiens Regierung betont gerne, dass die Zahl der Corona-Toten in Indien relativ niedrig ist. Bislang sind 76.271 Inder an den Folgen von Covid-19 gestorben. Die Sterblichkeitsrate liegt damit bei nur 1,7 Prozent, verglichen mit etwa 3 Prozent in die USA und über 12 Prozent in Italien.

Spiegelt kaum die Realität wieder: Corona-Sterbestatistik in Indien nicht zuverlässig

Doch inwieweit diese Zahlen die Realität widerspiegeln, ist fraglich. Indiens Sterbestatistik ist schon außerhalb von Pandemie-Zeiten wenig zuverlässig. Nur etwa 85 Prozent aller Todesfälle werden überhaupt registriert. Dazu kommt noch, dass die meisten Inder zu Hause sterben und nicht in einem Krankenhaus. Nur bei etwa 22 Prozent der registrierten Todesfälle wird auch eine offizielle Todesursache bescheinigt. „In Delhi wird bei nur 63 Prozent der Toten ein Totenschein ausgestellt“, sagte der Mediziner Hemant Shewade vor kurzem der Zeitung „The Hindu“: „Und das ist die Hauptstadt.“ Auf dem Lande sehe die Situation noch schlechter aus, so Shewade.

Antikörper-Studien zeigen, dass Covid-19 in Indien offenbar weit verbreitet ist. Nach Schätzungen der obersten medizinischen Behörde „Indian Council of Medical Research“ (ICMR) hatte Indien im Mai bereits 6,4 Millionen Corona-Fälle. Eine Untersuchung legt den Schluss nahe, dass damals 0,73 Prozent der erwachsenen Bevölkerung die Viruserkrankung durchgemacht hatte.

Besonders betroffen sind Indiens Armensiedlungen: So hatten in den Slums der Finanzmetropole Mumbai 57 Prozent der Untersuchten Antikörper gegen das Virus.

Indiens Nachbarländer haben die Coronavirus-Pandemie weit besser unter Kontrolle

Indiens ist ein echter Außenseiter in der Region: Nachbarländer wie Sri Lanka, Nepal, Bangladesch oder Pakistan haben die Pandemie weit besser unter Kontrolle. Verglichen mit Bangladesch hat Indien 1,6 Mal mehr Fälle und verglichen mit dem Erzrivalen Pakistan 2,3 Mal so viele bezogen auf die Infektionen pro eine Million Einwohner. Am größten ist der Unterschied im Vergleich zu Sri Lanka – hier verzeichnet Indien 21,5 Mal mehr Fälle.

Besonders erstaunlich ist der Vergleich mit Pakistan, der ärmere Nachbar, mit einer ähnlichen Bevölkerungsstruktur und ähnlichen Problemen wie Armut, Slums, schlechter medizinischer Versorgung und nur wenigen Ärzten und Kliniken in ländlichen Gebieten.

Indien verhängte extrem strikten Corona-Lockdown

Anders als Indien hatte Pakistan nie einen Lockdown verkündet. Während Indien im März überraschend einen extrem strikten Lockdown verhängte, ohne sich besonders um das Schicksal von Millionen Armen zu kümmern, hatte Pakistan eine gegenteilige Haltung eingenommen. Premierminister Khan hatte erklärte, ein kompletter Lockdown sei in einem Land nicht möglich, in dem ein Viertel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebten.

In Indien machten sich Ende März Millionen Wanderarbeiter, die sich ohne Arbeit und Essen fanden, in ihre Heimatdörfer auf – oftmals zu Fuß, weil es weder Bus- noch Bahnverkehr mehr gab.

Menschen mit Mundschutz warten vor einem staatlichen Krankenhaus in Jammu, um untersucht zu werden.

Experten vermuten, Lockdown in Indien könnte für steigende Corona-Fallzahlen verantwortlich sein

„Ohne Arbeit blieb Indiens Arbeitern nichts anderes übrig, als zurück in ihre Dörfer zu laufen“, erklärt der pakistanische Ökonom Anjum Atlaf dem Magazin „The Scroll“. „Aber in Pakistan war der Lockdown so lasch, dass Arbeiter immer noch Arbeit finden konnten. Die Massenwanderung zurück in die Dörfer blieb aus.“

Der indische Wirtschaftswissenschaftler Kaushik Basu vertritt eine ähnliche Theorie: Indiens harscher Lockdown sei der Grund gewesen, dass das Virus sich so rasch verbreiten konnte, so Basu. „Wenn Hunderte Menschen auf engen Raum zusammen sind und einer den anderen ansteckt und diese Menschen dann Hunderte Kilometer reisen; das hat die Pandemie schlimmer gemacht als sie hätte sein müssen“, schrieb er. (Von Agnes Tandler)

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