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Mohammed Habisa vor der Kulisse des Eviatar-Postens auf dem Dschabal Sabih. Sein Land dort ist für ihn unerreichbar.
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Mohammed Habisa vor der Kulisse des Eviatar-Postens auf dem Dschabal Sabih. Sein Land dort ist für ihn unerreichbar.

Reportage

Israel: In der Westbank entwickelt sich das nächste Nahost-Schlachtfeld

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Israelische Siedler bestehen auf ihr Recht, im Westjordanland zu bauen. Das führt zu neuen Konflikten.

Nablus - Mit seiner Olivenernte dürfte es dieses Jahr nichts werden. Die Ölbäume im Westjordanland tragen zwar gut. Aber auf seinen Hain kann Mohammed Mustafa Habisa nur noch aus der Ferne einen Blick werfen. Er liegt weit oben am Hang vis-à-vis, direkt an der etwa 800 Meter hohen Bergkuppel des Dschabal Sabih, der im Hügelland südlich von Nablus aufragt. Von dessen Plateau heben sich ein paar flache Gebäude zwischen je zwei Wachtürmen und blau-weißen Nationalfahnen ab. Wenn man genau hinschaut, ist auch die dünne Silhouette eines riesigen Davidsterns erkennbar. „Direkt darunter ist mein Land“, sagt Habisa und deutet, die Augen in der prallen Mittagssonne halb zugekniffen, hinüber.

Nahost-Konflikt: Israelische Siedler besetzen Hügel im Westjordanland

Zuletzt war Habisa, ein rüstiger Mann mit Schnauzer und weißem Haar, am 24. April dort, um bei einem Picknick mit Familie und Freunden seinen 68. Geburtstag zu feiern. „Es war eines meiner schönsten Feste“, schwärmt er. Ungefähr eine Woche später riss eine radikale Siedler-Gruppe sich den Hügel unter den Nagel, um dort den Außenposten „Eviatar“ zu errichten. Ihre Art Antwort auf den Mord an dem Jeschiwa-Studenten Jehuda Guetta, der Anfang Mai bei einem Schusswaffenangriff an einer nahegelegenen Kreuzung sein Leben verloren hatte. Der längst gefasste und verurteilte Attentäter, ein Palästinenser mit US-Pass, stammte nicht mal von hier, sondern lebte unweit von Ramallah.

Eviatar ist nun eine Geisterkolonie und wird von der Armee bewacht. Habisa darf aber weiterhin keinen Fuß mehr auf sein vom Großvater geerbtes Land setzen. Wie ihm geht es 50 anderen Familien aus Beita und zwei Nachbardörfern, die ihre Parzellen auf dem Dschabal Sabih nicht mehr bestellen dürfen. Wegen der vom Militär okkupierten Siedlung auf dem Gipfel ist der gesamte Berg für sie gesperrt. Schon dagegen zu protestieren, birgt Gefahr für Leib und Leben.

Nahost-Konflikt: Tote und Verletzte bei Demo gegen israelische Siedler im Westjordanland

Habisa krempelt sein linkes Hosenbein hoch, um einen Bluterguss überm Knie zu zeigen – schmerzhaftes Andenken an eine Tränengaspatrone, die ihn während einer Demo im Mai traf. Andere hat es schlimmer erwischt nach dem muslimischen Freitagsgebet, zu dem sich allwöchentlich an die 2000 Menschen auf einer staubigen Anhöhe am Dorfrand versammeln. Dort trennt sie ein tiefer Taleinschnitt vom Dschabal Sabih, geschätzt ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt ist das Militär. Aus dieser Distanz können ihm palästinensische Steinwürfe eigentlich nichts anhaben. Trotzdem endeten die Zusammenstöße immer wieder fatal. Beita, eine Gemeinde von 12 000 Seelen, zählt nach Auskunft des Vizebürgermeisters Mussa Hamayel sieben Tote, 105 meist junge Männer, die nach Beinschüssen an Krücken gehen, sowie 3700 Leichtverletzte jeden Alters.

Einer der Getöteten hatte nicht mal an den Protesten teilgenommen. Der 41 Jahre alte Klempner Schadi Schurafi wollte an einem Juliabend in Gemeindeauftrag bloß eine Wasserleitung inspizieren, als er, so Hamayel, „von Kugeln durchsiebt wurde“. Allem Anschein von einem Soldaten. Jetzt prangt Schurafis Abbild auf einem der „Schahid“-Poster, die an fast jeder Straßenecke in Beita hängen. Darunter sind auch zwei Teenager. Der eine, Mohammed Abu Said, noch keine 17, gehörte zu den Klassenbesten in der Highschool, berichtet sein Vater. „Er war unser erstes Kind. Der Stolz der Familie. Seit seinem Tod leben wir alle wie in einem Grab.“

Zur Freitagsdemo an jenem verhängnisvollen 11. Juni sei sein Sohn eigentlich nur gegangen, um bei der Essensausgabe zu helfen, sagt der Vater. Doch dann eskalierte die Lage. Steine flogen, vermutlich auch Brandsätze und Feuerkracher. Mohammed schloss sich anderen Jugendlichen in der vorderen Protestreihe an. Er habe die Arme zum Siegeszeichen hochgereckt, als ein schweres Geschoss ihm Herz und Lunge zerriss, hätten seine Freunde ihnen später erzählt, sagt Mutter Hanna. „Aber war das ein Grund, ihn zu erschießen?“

Mohammed Abu Saids Vater Hamayel fühlt sich „wie im Grab“.

Nahost-Konflikt: Israels Generalstabschef will Schusswaffengebrauch im Westjordanland reduzieren

Den Verdacht, dass einige Soldaten den Finger allzu schnell am Abzug haben, teilt offenbar auch Israels Generalstabschef Aviv Kochavi. Er hat im August an höhere Offiziere appelliert, den Gebrauch von Schusswaffen zu reduzieren, nachdem binnen drei Monaten mehr als 40 palästinensische Männer, teils unbeteiligte Zivilisten, im Westjordanland zu Tode kamen. Eine Serie, die bei den Westbank-Unruhen während des elftägigen Gazakriegs ihren blutigen Höhepunkt erreichte.

Ihren Anfang nahm sie mit dem auch nach israelischem Recht widerrechtlich hochgezogenen Siedlungsposten Eviatar. In einigen der Todesfälle, darunter die beiden genannten, ermittelt inzwischen die Kriminalabteilung der Militärpolizei. Mit Verweis auf die noch laufende Untersuchung mochten die Streitkräfte sich auf Anfrage nicht näher dazu äußern. In ihrer Stellungnahme heißt es aber auch, dass beim Vorgehen gegen Krawalle im Notfall scharfe Waffen gemäß der Einsatzregeln zulässig seien.

Die Wohncontainer auf dem Dschabal Sabih und die dazu in Windeseile hochgezogenen festen Häuser stehen derweil leer. Die Armee hat im Juli auf Geheiß der Regierung die etwa 200 dort campierenden Israelis nur hinauskomplimentiert. Die Gefolgschaft der radikalen Siedler-Bewegung Nahala fügte sich, nachdem die Regierung garantiert hatte, ihre Bauten einstweilen unangetastet zu lassen, um wenn möglich dort zu einem späteren Zeitpunkt eine Religionsschule zu errichten.

Westjordanland: Fragile israelische Regierung scheut harte Konfrontation mit Siedlern

Verteidigungsminister Benny Gantz hatte zwar ursprünglich dafür plädiert, besser gleich den gesamten Posten zu demolieren. Aber eine harte Konfrontation mit der Siedler-Lobby hätte die fragile Acht-Parteien-Koalition unter dem Nationalrechten Naftali Bennett sprengen können. So landete der Fall beim Obersten Gericht in Jerusalem, das befand, vor einer Entscheidung erstmal abzuwarten, was ein Gutachten von Cogat, der Militärverwaltung, über die Eigentumsverhältnisse in dem fraglichen Areal ergebe. Das kann dauern.

„Den Israelis geht es um Zeitgewinn“, ist man denn auch im Rathaus von Beita überzeugt. „Sie suchen ein juristisches Schlupfloch, mit dem sich ihre Siedlung auf unserem Berg nachträglich rechtfertigen lässt“, meint Vizebürgermeister Hamayel. Unter den Leuten in Beita und den beiden anderen Dörfern geht die Sorge um, dass Israel das Gebiet als Staatsland deklariert und am Ende die Rückkehr der Radikalen nach Eviatar erlaubt. Dabei handele es sich doch um nachweislich private Ländereien.

Habisa, der Olivenfarmer, zieht zwei Dokumente hervor, das jüngste ausgestellt von der Cogat-Behörde am 15. Juni dieses Jahres. Es ist keine Besitzurkunde, aber eine aktuelle Steuerbescheinigung für das seit 1938 im Namen seines Großvaters registrierte Grundstück – sieben Dunam, knapp 5000 Quadratmeter. Er sehe noch vor sich, wie seine Eltern es im Schweiße ihres Angesichts beackert hätten, erzählt er. Tränen stehen ihm dabei in den Augen. „Wenn ich ihre Gräber besuche, schäme ich mich.“ Weil er dann die elterliche Frage spüre, was aus dem Land geworden ist.

Nahost-Konflikt: Israelischer Siedler kümmern sich nicht um Grundbücher

Was in Grundbüchern steht, kümmert die Siedlerorganisation Nahala indes wenig. Sie hält sich an die Losung ihrer 76-jährigen Vordenkerin Daniella Weiss, wonach „die Bibel uns sagt, dass das unser Land ist“. Ihr wird nachgesagt, mit glühendem Eifer das Ziel zu verfolgen, möglichst viele Hügel in „Judäa und Samaria“ – sprich: im gesamten Westjordanland – mit jüdischen Außenposten zu krönen.

Allein in der jüngeren Vergangenheit sind nach Zählungen durch die israelische Friedensorganisation Peace Now etwa 40 neue Posten entstanden. Die Gesamtzahl wird auf mehr als 100 geschätzt. Der Siedlungsbau in besetztem Gebiet verstößt zwar allgemein gegen internationales Recht. Aber die in Nacht- und Nebelaktionen meist ein paar hundert Meter von einer „Muttersiedlung“ errichteten Vorposten sind, so Peace Now, gezielt darauf angelegt, jegliche Zwei-Staaten-Lösung zu torpedieren.

Eviatar ist insofern nur ein Beispiel. Allerdings eines, das eine dörfliche Intifada ausgelöst hat. Und die scheint vor allem die junge palästinensische Generation weit über Beita hinaus anzutreiben. Dabei wollte die Bennett-Regierung doch eigentlich den Nahostkonflikt ignorieren. (Inge Günther)

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