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Ida Todiscos Eltern auf Hochzeitsreise. Bild: privat
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Ida Todiscos Eltern auf Hochzeitsreise. Bild: privat

„Gastarbeiter“

Der Herr Tedesco

Ida Todisco erzählt von ihrem italienischen Vater

Teano. Goddelau.

Als mein Vater sich Ende der 50er mit zwei alten Koffern auf den Weg nach Deutschland machte, hatte er keine Ahnung, wohin es ihn verschlagen würde. Südhessen. Goddelau-Erfelden. Sektor Landwirtschaft. Das waren die groben Koordinaten, die sein Leben jetzt bestimmen sollten. Allesamt fremde Worte, fremde Orte für ihn. Ein Amtsarzt hatte ihn in seinem Heimatdorf Teano in der Nähe von Neapel untersucht und grünes Licht für das Anwerbeabkommen gegeben. Ihm Glück gewünscht. Es war die längste Reise seines bisherigen Lebens. Im Rückblick auch die größte, weil er nicht nur einige Monate zum Arbeiten bleiben würde, wie das Rotationsprinzip es vorsah, sondern ein Leben lang. Weil er meine Mutter kennenlernte, die beiden sich verliebten. In den folgenden Jahren machten meine fünf Geschwister und ich die Geschichte komplett. In Goddelau gehörten wir mit wenigen anderen zu den Gastarbeiterfamilien. Andere sagten das über uns. Differenzmarkierung zwischen denen, die vermeintlich schon immer da waren, hierher gehörten, und jenen, die Fremde waren. Noch heute begrüßen meine Brüder Mario und Gino uns mit den Worten: „Immer weiter, Gastarbeiter!“

Erntehelfer. Maurer. DB.

Mein Vater arbeitete bei Bauern. Er lernte viele hilfsbereite Menschen kennen, aber auch nicht wenige, die den Gastarbeitern misstrauisch begegneten. „Heute Nachmittag Tanz. Für Italiener kein Zutritt“ hing regelmäßig an einem Gasthaus im Ort aus. Dass meine Mutter einen „Spaghettifresser“ heiratete, führte weder bei ihren Bekannten noch ihrer Familie zu frenetischem Applaus. Für meine Eltern war das nicht einfach. Als Kinder spürten wir diese Atmosphäre, hatten aber noch keine Worte dafür. 1958 fand mein Vater eine Anstellung als Maurer. Dieses Handwerk hatte er neben 100 anderen Dingen in Teano von klein auf gelernt. Wenig Schulzeit, viel Arbeit – die Kurzformel für den ländlichen Süden Italiens damals. Ab 1963 arbeitete er bei der Deutschen Bundesbahn im Ausbesserungswerk. Ein Glücksfall, relativ gut bezahlt und ein verlässlicher Arbeitgeber. Mein Vater engagierte sich bei der Werksfeuerwehr, sang ab und an im Betriebschor schief mit. Unter den Eisenbahnern gab es einen guten Zusammenhalt, man teilte die Spezialitäten aus dem Odenwald genauso wie Provolone und Salsiccia.

Scopa. Arrival City.

Samstags trafen sich bei uns im Keller die italienischen Freunde meines Vaters zum Scopa, ein Mix aus Spieleabend, politischem Salon und konspirativem Treff. Nicht selten tauchten neue Gesichter aus den Heimatdörfern auf. Irgendwann saßen auch die Töchter meines Onkels Policarpo in der Küche, um hier Arbeit zu finden. Mein Vater versuchte dann, Wohnung und Arbeit zu beschaffen. Einige brachte er bei der DB unter, andere wohnten eine Zeit lang bei uns in der Garage oder im Keller. Uns Kindern gefiel dieses Wimmelbild. Heute bewundere ich diese Willkommenskultur. Goddelau war schon früh eine Art Arrival City mit italo-polnisch-jugoslawischen Netzwerken und viel Gründermut. Unsere Eltern haben uns davon einiges mitgegeben. Meine Geschwister und ich sind heute alle irgendwo sozialpolitisch aktiv. Konnten durch Bildung da ankommen, wo mein Vater und seine Kumpels gerne aktiver partizipiert hätten.

Selbstversorger. Lottospielen.

Meine Eltern schafften es, über eine Genossenschaft ein Haus zu bauen. Davor ziehe ich heute noch den Hut. Wer ein Haus baut, will bleiben. Unser Zuhause grenzte an offene Felder und Wiesen. Im Frühjahr und Herbst ging ich mit meinem Vater wilden Rucola für uns und Löwenzahn für die Hasen sammeln. Ich liebte diese grüne Schatzsuche. Auch das verband uns mit den anderen Gastarbeitern. Wir hielten Hühner, Enten und Hasen, es gab keinen Zentimeter, auf dem nicht Gemüse, Obst oder Weinreben angebaut wurden. Bei uns war oft mehr los als auf einer Jugendfreizeit. Nachbarskinder kamen gern zu uns, weil es einen Tick regelfreier zuging, wir rumtollen oder gegen das Garagentor ballern durften. Weil die frisch geschlüpften Küken warm durch unsere Hände wanderten, sich am Fischteich Schildkröten sonnten und es immer was zu essen gab. Wir selbst wurden von anderen Eltern oder Lehrern kritisch begutachtet, tendenziell als Problemfall oder Richtung Sonderschule eingeteilt. Auch dass wir sechs Kinder waren, war für einige „assi“. Unsere Eltern gaben uns hingegen das Gefühl, genau die Richtigen zu sein. Sie sagten Sachen wie: Wir brauchen kein Lotto zu spielen, wir haben schon sechs Richtige. Das zählte mehr.

Letzte Reise

Als mein Vater starb, kamen nicht nur seine Geschwister aus Italien, auch viele Weggefährten, Menschen, die ihn mochten, denen er mal auf dem Bau geholfen, die er bei der Bahn untergebracht, denen er das Auto geliehen hatte. Der gesamte Eisenbahnerchor kam in einem Bus angereist und sang am Grab. Beim Kondolieren nannten einige ihn Domenico, Mimmi oder Mimmo, andere Dominik oder Herr Tedesco. Ein jugoslawischer Bekannter fragte, ob er unseren alten Betonmischer zurückbringen solle. Meine Mutter und ich entschieden, dass er ihn behalten konnte. Er baute gerade an seiner Garage an.

Ida Todisco ist Pädagogin und Autorin, sie lebt in Offenbach. Zuletzt von ihr erschienen: „Offenbach. Liebe auf den zweiten Blick.“ www.ida-todisco.de

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