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Als Präsident Yower Museveni ins Amt kam, war sein Herausforderer, der 38-jährige Robert Kyagulanyi, zwei Jahre alt.
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Als Präsident Yower Museveni ins Amt kam, war sein Herausforderer, der 38-jährige Robert Kyagulanyi, zwei Jahre alt.

Wahl in Uganda

Der Herausforderer ist ein Popstar

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Seit 36 Jahren ist Yoweri Museveni im Amt, der Gegenkandidat ist der 38-jährige Robert Kyagulanyi, bekannt als Musiker Bobi Wine. Am Donnerstag wählt eine junge Bevölkerung einen neuen Präsidenten.

Zumindest kann man Yoweri Museveni nicht vorwerfen, den Ernst der Lage nicht erkannt zu haben. Schon Monate vor der heutigen Wahl warf sich der 76-jährige Präsident Ugandas immer wieder auf den Boden, um seinem Volk mit Liegestützen vor laufender Kamera seine Jugendlichkeit vorzuexerzieren. Außerdem nahm er mehrere Rapper in seinen Beraterkreis auf und ließ schließlich noch ein Musikvideo aufzeichnen, in dem er den südafrikanischen Welthit „Jerusalema“ tanzte. Um Peinlichkeiten zu vermeiden, wurde der Staatschef darin allerdings von einer Zeichentrick-Figur gedoubelt. Das Ziel der Image-Verjüngungskampagne: Seinen gefährlichsten Herausforderer zum Schweigen zu bringen, der den Präsidenten ständig als verknöcherten Autokraten darstellt. Die ugandische Bevölkerung ist durchschnittlich nicht einmal 16 Jahre alt – und von dieser will sich Museveni heute zum sechsten Mal ins höchste Amt des ostafrikanischen Staats wählen lassen.

Wenigstens in dieser Hinsicht hat es sein Gegenspieler leichter. Mit 38 Jahren ist Robert Kyagulanyi Ssentamu halb so alt wie der Dauerherrscher und muss zur Stärkung seiner Popularität im jugendlichen Volk keine Liegestützen machen. Unter dem Künstlernamen Bobi Wine ist der Popsänger schon seit Jahren selbst über die Landesgrenzen hinaus bekannt: Der in einem Slum der Hauptstadt Kampala aufgewachsene Oppositionskandidat gilt unter seinen Fans längst als der „Ghetto-Präsident“. „Die junge Generation sehnt sich nach einem Wandel“, weiß ihr meist mit einem roten Barrett bedecktes Idol: „Und ich werde diesen Wandel in die Wege leiten.“

Das mächtige Hindernis, das es dazu aus dem Weg zu räumen gilt, traut seiner Image-Verjüngung nicht ganz. Um sicherzugehen, dass ihm der Popstar nicht doch den Platz streitig macht, warf Museveni seinem Herausforderer jeden Knüppel in den Weg, den er in seinem Arsenal als Präsident und Chef der Streitkräfte ausfindig machen konnte. Als sich Bobi Wine Anfang November als Kandidat registrieren ließ, zogen Musevenis Ordnungshüter den Konkurrenten anschließend aus seinem Auto und warfen ihn in ein Polizeifahrzeug, wo sie ihn nach Kyagulanyis eigenen Worten auch folterten. Einen Monat später schoss ein Polizist in die Windschutzscheibe des Wahlkämpfers, kurz darauf wurde einer seiner Leibwächter von einem Polizeiauto überfahren. Schließlich endete der Popstar erneut hinter Gittern, dieses Mal warf ihm die Polizei Verstöße gegen die Corona-Regeln vor. Zigtausende seiner Fans zogen daraufhin auf die Straßen: Die Polizei setzte außer Tränengas und Schlagstöcken auch scharfe Munition ein und tötete innerhalb von zwei Tagen mehr als 50 Menschen. „Das Regime trachtet uns nach dem Leben“, klagt Kyagulanyi: „Wir leben jeden Tag, als ob er der letzte wäre.“

Bobi Wine in seinem Haus in Kampala, Ugandas Hauptstadt. Von seinem Kontrahenten wird er mit allen Mitteln bekämpft.

Museveni will seinen Widersacher vermutlich nicht ausschalten, doch zumindest eine unvergessliche Lektion erteilen. Dass man den seit 36 Jahren regierenden Ex-Rebellenchef nicht ungestraft herausfordert, und dass Museveni mit dem zierlich gebauten Popstar nach Belieben umspringen kann. Kurz vor der Abstimmung drohte Ugandas Polizeichef den jungen Fans des Herausforderers: Sollten sie sich zu Protesten zusammenrotten, würden sie „den Tag ihrer Geburt bereuen“. Die Polizei habe „das Recht, jeden zu erschießen, der sich unterhalb eines gewissen Anstandsniveaus“ bewege.

Der Barde der arbeitslosen Jugend singt schon seit zwei Jahrzehnten gegen das sich zunehmend verhärtende Regime an: Gegen die Korruption der Elite, den sozialen Stillstand, die Brutalität der Sicherheitskräfte, die Aussichtslosigkeit. 2017 wandte sich der Sänger auch förmlich der Politik zu: Er kandidierte für einen Sitz im Parlament, den er auf Anhieb und mit haushoher Mehrheit eroberte. Schon damals fiel die Reaktion des Regimes gewalttätig aus: Kyagulanyi wurde verhaftet und so misshandelt, dass er sich nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis zur ärztlichen Behandlung in die USA begeben musste.

Als Museveni 1984 an die Macht kam, waren drei Viertel der heutigen ugandischen Bevölkerung noch nicht einmal geboren. Seine Machtübernahme löste damals weltweit Erleichterung aus: Schließlich hatte der Rebellenchef gegen den Gewaltherrscher Idi Amin gekämpft und versprach, ein prinzipientreuer Regierungschef zu werden. Außerdem versprach er, sich anders als die zahlreichen afrikanischen Macht-Egel niemals an seinem Amt festzusaugen: Ein Grundsatz, den der einstige Sozialdemokrat wie viele andere Ideale fallen ließ. Obwohl die Regierungspartei sich immer noch „Nationale Widerstandsbewegung“ nennt, beherrscht sie Uganda wie ein Fürstentum. Museveni wirft der „Nationalen Einheits-Plattform“ seines Widersachers vor, von „ausländischen Mächten“ und „Homosexuellen“ gesteuert zu werden.

Kaum einer geht davon aus, dass Bobi Wine den Urnengang für sich entscheiden kann. Zu fest hat Museveni sowohl Sicherheitsorgane als auch Wahlmaschinerie im Griff. Der Opposition wurde im Wahlkampf der Zugang zu den staatlichen Medien verwehrt: Unter Hinweis auf Corona blieben größere Kundgebungen verboten, immer wieder landeten Bobi Wine und seine Helfer wegen angeblicher Verstöße gegen die Covid-Regeln hinter Gittern. Die Opposition war zum Stimmenfang fast ausschließlich auf die sozialen Netzwerke angewiesen: Und die wurden kurz vor dem Urnengang auch noch gekappt.

Niemand bezweifelt, dass „Mzee Museveni“ (in Kisuaheli die respektvolle Bezeichnung älterer Männer) vor allem in ländlichen Regionen noch immer über beträchtliches Ansehen verfügt. Doch die urbanen Zentren, in denen die Zukunft des Landes vorbereitet wird, hat der versteinerte Autokrat schon lange verloren. Selbst wenn er auch die sechste Wiederwahl gewinnen sollte: Die Geschichte zeige, dass „auch die berüchtigtsten Diktatoren von ihrem Volk schließlich gestürzt werden“, sagt Bobi Wine. Wie seine Amtskollegen Muammar Gaddafi, Robert Mugabe und Omar al-Baschir werde Museveni früher oder später „im Mülleimer der Weltgeschichte landen“.

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