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Der große Graben

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Von: Jörg Staude

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Marathonsitzung: Journalistinnen und Journalisten ruhen sich aus vor der letzten Verhandlungsrunde. Peter Dejong/dpa
Marathonsitzung: Journalistinnen und Journalisten ruhen sich aus vor der letzten Verhandlungsrunde. © Peter Dejong/dpa

Auf der Weltklimakonferenz wird deutlich, wie unterschiedlich Entwicklungsländer und Industrienationen auf die Klimakrise blicken – und wie verschieden die Erwartungen sind.

Das Bild, das den Klimagipfel in Scharm el Scheich bestimmte, brachte UN-Generalsekretär Antonio Guterres in die Welt. „Wir sind auf einem Highway in die Klimahölle“, sagte Guterres zur Eröffnung der COP27. Noch befinden wir uns im Vorhof zur Klimahölle. Aber schon jetzt, zeigt ein aktueller Bericht des Klimaforschers Nicolas Stern, würde der Globale Süden 2,4 Billionen, also 2 400 Milliarden Dollar für Energiewende, Kohleausstieg und die Anpassung an Dürren, Stürme und Starkregen benötigen – und das jedes Jahr.

Zu denen, die auf dem Gipfel das Höllenbild explizit zitierten, gehört Ken Ofori-Atta, der Finanzminister Ghanas. Um vom „Highway“ herunterzukommen, braucht es für ihn einen „Marshallplan gegen die Klimakrise“.

In der durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Energiekrise habe doch jedes G7-Land Dutzende Milliarden Dollar lockergemacht – aber für die Klimaschäden, für die berühmten „Loss und Damage“, solle nichts da sein?, fragte der ghanaische Finanzminister ziemlich unverblümt bei einem Pressetermin.

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Bei dem stellte Entwicklungshilfeministerin Svenja Schulze das von Deutschland initiierte Konzept des globalen Schutzschirms vor, des Global Shield. Dieser stellt eine Vor-Vor-Version des Finanzfonds dar, mit dem nun die Verluste und Schäden im globalen Süden ausgeglichen werden sollen.

Deutschland gibt für das Global Shield schon einmal 170 Millionen Euro hinein. Angesichts der höllischen Schäden, die die Klimakrise mit sich bringt, geriet die Ministerin bei der Summe schon ein bisschen in Erklärungsnot. Also deutete Schulze das Bild von der Klimahölle um. Statt über den „Highway“ dorthin zu gehen, wolle sie lieber, einen Folk-Hit von „Simon&Garfunkel“ zitierend, eine „Bridge Over troubled Water“ bauen, entgegnete Schulze dem ghanaischen Minister. Sie, Schulze, wolle eine Brücke bauen zwischen Industrieländern und den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Ländern.

Protest gegen neue Gasprojekte in Afrika, während über den Köpfen Flugzeuge starten und landen - die Konferenz, ein Ort der Widersprüche. MOHAMMED ABED/AFP
Protest gegen neue Gasprojekte in Afrika, während über den Köpfen Flugzeuge starten und landen - die Konferenz, ein Ort der Widersprüche. © afp

Klarsichtiger war in Scharm el Scheich selten zu erleben, wie konträr die Weltsichten sind. An welcher Brücke baut Deutschland denn tatsächlich? Ist es nicht eher eine zurück in Zeiten, als fossiles Erdgas, das jetzt nur LNG heißt, noch als Brückentechnologie galt? Deutschland, das ist klar, hat praktisch keine Chance mehr, seinen Teil beizutragen, um das globale 1,5-Grad-Ziel einzuhalten und gehört so noch immer zu den Ländern, die an der Schnellstraße in die Klimahölle betonieren. Denn am Entscheidenden fehlt es auch hierzulande: Und das ist der konsequente Ausstieg aus den fossilen Energien, vor allem aus der Kohle. „Über 95 Prozent des weltweiten Kohleverbrauchs findet in Ländern statt, die sich verpflichtet haben, ihre Emissionen auf netto null zu reduzieren“, sagte IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol Woche auf der COP. „Kohle ist sowohl die größte Einzelquelle für CO2-Emissionen aus dem Energiesektor als auch die größte Einzelquelle für die Stromerzeugung weltweit“, widerspricht Birol der landläufigen Meinung, der Klimakiller Kohle hätte die beste Zeit schon hinter sich.

Kohle ist derzeit die schnellste Spur auf dem Highway in die Klimahölle. Das war schon einmal anders. COP-Fachleute erklären das so: Seit dem Pariser Klimagipfel ist der Klimawandel immer schneller gewesen als die Klimapolitik. Beim letztjährigen Gipfel in Glasgow hatte die internationale Gemeinschaft den Rückstand verkürzt, vor allem dank der Ziele zum weltweiten Kohleausstieg. Das haben die Staats- und Regierungsspitzen in ihrer Abschlusserklärung Scharm el Scheich wiederholt, Öl und Gas werden jedoch nicht erwähnt. Wer noch mehr über die wahre Klimahölle auf Erden wissen wollte, musste auf dem Gipfel nur die Treffen zum Thema Ernährung besuchen. Derzeit haben weltweit mehr als 800 Millionen Menschen nicht genug zu essen. Hauptgründe sind die Klimakrise und ihre Folgen wie Dürren, aber auch monatelange Überflutungen.

„Denken Sie daran, die Klimaänderungen betreffen die Menschen nicht nur physisch“, redete Johan Rockström, Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, auf einem sogenannten Side Event den Zuhörer:innen ins Gewissen. Der Bauer in Burkina Faso werde schon nervös, wenn sich die Regenzeit um zwei bis drei Wochen verzögere, er mache sich Sorgen, dass ihm künftig die Mittel für Saatgut und Dünger fehlten. Bevor physische Kipppunkte erreicht würden, erreichten wir schon „soziale Kipppunkte“, warnte Rockström. Anders gesagt: Bevor Hitze oder Dürre das Leben für die Menschen unmöglich machen, sind ihre sozialen Möglichkeiten, auf dem Klimawandel zu reagieren, längst erschöpft.

So gingen für die Menschen Gerechtigkeit, Sicherheit und die Möglichkeit verloren, ein souveränes, selbstbestimmtes Leben zu führen, sagte Rockström. „Und dann stelle man sich vor, die Erderwärmung beträgt nicht wie derzeit 1,2, sondern 2,4 bis 2,8 Grad am Ende diese Jahrhunderts.“ Und wäre die Aussicht nicht schon höllisch genug, hatte das ägyptische Regime nichts Besseres zu tun, als der Klimabewegung geradezu unmenschlich gegenüberzutreten. Menschenrechte und Klimaschutz sind unteilbar – dass dieser Zusammenhang einem so deutlich eingebleut worden ist wie noch nie zuvor, gehört zu den Geschichten von Scharm El-Sheikh. Es sei kein Zufall, dass die ägyptische Regierung diesen unwirtlichen Ort ausgewählt habe, erklärt Samar Elhussieny, Mitglied im Egyptian Human Rights Forum und seit einem Einreiseverbot durch die ägyptischen Behörden 2017 in Europa lebend. „Die Stadt liegt buchstäblich in der Wüste. Es gibt nichts außer teuren Hotels und Resorts“, sagt die Aktivistin. Für viele Organisationen, besonders aus Afrika, sei die Teilnahme so unmöglich gewesen.

Wenigstens auf dem COP-Gelände selbst, auf dem die UN das Sagen hat, entwickelte sich im Laufe des Gipfels so etwas wie eine Protestkultur. An anderen Orten im Land habe das ägyptische Regime aber zur selben Zeit Aktivist:innen verhaftet, prangert Elhussieny weiter an. Nach dem Ende des Gipfels müsse die Welt weiter beobachten, was in Ägypten passiere. Dann könne das Regime nicht tun, was es wolle.

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