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Polizei und Miliz in Moskau nehmen es noch sehr locker.
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Polizei und Miliz in Moskau nehmen es noch sehr locker.

Regierung greift hart durch

Impfzwang gegen Corona in Russland

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Lockdown und Impfpflicht: Moskau reagiert auf den Ernst der Lage. Die Corona-Infektionszahlen steigen stark an.

Moskau - Der Filmschauspieler Jegor Berojew erschien mit einem gelben Stern an der Jacke auf der Bühne: „Wie konnten wir, die Erben der Sieger, so etwas zulassen?“, schimpfte er. Wie einst in Hitlerdeutschland gebe es wieder ein Kennzeichen, das entscheide, „ob du Bürger bist oder in einem Reservat landest“. Gemeint war die Impfung gegen Sars-CoV-2. Berojews zorniger Auftritt bei einer TV-Preisverleihung war eine der ersten Reaktionen auf die Ankündigung der Moskauer Stadtverwaltung, ab Montag alle Gaststätten für jene zu schließen, die nicht per Strichcode nachweisen, dass sie geimpft oder nach überstandener Corona-Infektion immun sind oder binnen der letzten 72 Stunden negativ getestet wurden. Berojew bekam viel Applaus.

Russland: Zehntausende Fußnallfans ohne Maske

Noch vergangene Woche drängten sich in Russlands vaterländischen Fußball-Zonen Zehntausende Fans ohne Tests und ohne Masken. Aber spätestens seit die Nationalelf am Montag aus dem EM-Turnier flog, setzt die bisher im Umgang mit der Pandemie eher lässige Staatsmacht auf Zwang. In Moskau und mehreren anderen Regionen wird die Impfung für 60 Prozent der Angestellten in der Dienstleistungsbranche und im öffentlichen Dienst Pflicht. Die Regierung des Moskauer Gebietes sperrt ihre Gebäude für alle ohne Impfung, in karelischen Diensträumen darf sich künftig nur eine dort tätige nicht immunisierte Person aufhalten, Moskaus Uni-Leitungen wollen lediglich geimpfte Studierenden in die Hörsäle lassen.

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In der Oblast Nischegorodsk darf erst geheiratet werden, wenn Brautleute und Begleitung Zertifikate über Impfung, Immunität oder negative Tests vorlegen. Die ostsibirische Republik Burjatien rang sich gar zum Lockdown durch, wird am Wochenende die meisten Betriebe schließen. Und der Kreml lässt durchblicken, dass das alles erst der Anfang ist. „Die Wirklichkeit ist so“, postulierte Kremlsprecher Dmitri Peskow, „dass Diskriminierung unweigerlich kommen wird.“

Russland: Nicht geimpfte Menschen dürfen nicht mehr in die Kneipe

Im reichen Moskau müssen jedenfalls nicht geimpfte Kneipengäste künftig draußen bleiben – respektive: alle, die keinen elektronischen Strichcode vorweisen können, mit dem staatliche Serviceseiten bestätigen, dass man geimpft, immun oder negativ ist. Eine Sprecherin einer Café-Kette schätzte gegenüber der Zeitung „Kommersant“ bis zu 90 Prozent weniger an Kundschaft.

Datenschutz-Fachleute warnen davor, dass die Hauptstadtbehörden individuelle Personalien abgreifen würden. „In der Stadtverwaltung gibt es eigens ein digitales Departement dafür“, sagt Alexander Issawnin, IT-Dozent der Freien Universität Moskau. „Man zeigt Aktivismus gegen Corona und erfährt nebenher, welche Moskauer welche Restaurants besuchen.“

Hohe Übersterblichkeit, nur wenige lassen sich impfen

Der Grund für das alles sind die drastisch gestiegenen Infektionsraten, am Mittwoch meldeten die Behörden 17 594 neue Fälle, davon 6534 in Moskau. 548 Menschen starben. Laut Statistikamt gab es bis März insgesamt 248 500 Covid-Tote, der unabhängige Statistiker Dmitri Kobak aber nennt eine Übersterblichkeit bis März von 482 000. Auch die Impfraten sind eher traurig: Bis zum 22. Juni hatten sich 20,3 Millionen zumindest einmal impfen lassen – keine 14 Prozent der Bevölkerung.

Schauspieler Berojew ist nicht der einzige Impfmuffel im Land. „Der Russe glaubt nicht an Medizin, Statistik, einfache Logik oder an ehrliche Behörden“, schreibt der Politologe Wladimir Pastuchow auf Facebook. Erst habe die Staatsmacht populistisch alle Corona-Gefahren verniedlicht, jetzt sei sie gezwungen, repressiv gegen jene Massen vorzugehen, die den Virus weniger fürchten als die Spritze.

Konsequent ist der Zwang aber auch nicht. Kremlsprecher Peskow versichert, man diskutiere keinen umfassenden Lockdown. Und IT-Experte Issawnin vergleicht die Strichcodes für Moskaus Cafés mit den Masken-Kontrollen in der U-Bahn: „Sie werden einzig in der Metrostation Komsomolskaja rigoros durchgeführt. Und in den Waggons, wo die Leute viel enger zusammengedrängt sind als in jedem Café, trägt kaum jemand Maske.“ (Stefan Scholl)

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