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„Der gefährlichste Ort für Frauen ist die eigene Wohnung“

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Von: Sabine Hamacher

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Angst lässt viele Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt und Missbrauch werden, schweigen.
Angst lässt viele Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt und Missbrauch werden, schweigen. © PantherMedia

Elke Ferner, Vorstandsvorsitzende von UN-Women Deutschland, über Formen der Gewalt, die Probleme von Frauenhäusern und fatale wirtschaftliche Abhängigkeit.

Frau Ferner, erst Corona, jetzt der Krieg in der Ukraine mit seinen auch wirtschaftlichen Folgen – welche Auswirkungen haben die aktuellen Krisen auf die Lage von Frauen?

Diese Krisen haben die vorhandene strukturelle Benachteiligung von Frauen sichtbar gemacht und verstärkt. Generell treffen Krisen Frauen stärker als Männer. Ganz schlimm ist die Ausweitung der Gewalt gegen Frauen. Wir haben das während der Pandemie beim Thema häusliche Gewalt gesehen. Und im Krieg in der Ukraine wird sexualisierte Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen als Mittel der Kriegsführung eingesetzt, was ein Kriegsverbrechen ist.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der strukturellen Benachteiligung und Gewalt?

Gewalt fängt bei Alltagssexismus an und hört bei Femiziden auf. Es ist schon Gewalt, wenn Machtverhältnisse ausgenutzt werden, um Frauen zu einem bestimmten Verhalten zu zwingen. Während der Lockdowns hat sich die Situation in den Familien sehr zugespitzt. Das kennen wir auch von Festtagen oder aus dem Urlaub: Durch die räumliche Nähe können Gewaltsituationen eskalieren. Dazu kommt, dass der Zugang zum Hilfesystem erschwert ist: Man kommt nicht raus, weil man nicht zur Arbeit geht, kann sich niemandem anvertrauen, ist im Prinzip ständig unter Kontrolle. Natürlich ist es auch für die Frauen schwieriger, sich aus der Gewaltsituation zu befreien, wenn sie wirtschaftlich vom Täter abhängig sind. Wenn ich keine eigenständige Existenzsicherung habe, ist es ein Problem zu sagen, ich gehe – ich bekomme ja kaum einen Mietvertrag. Da bleibt nur der Weg ins Frauenhaus.

Sie haben die wirtschaftliche Abhängigkeit angesprochen. In Zeiten, wo das Geld überall knapp wird und vielleicht sogar Existenzängste wachsen, wird es jetzt noch einmal besonders schwierig, oder?

Ja, Inflation und Energiepreissteigerungen kommen jetzt verschärfend hinzu. Frauen haben eben niedrigere Einkommen als Männer, zumindest im Durchschnitt, das wirkt sich auch nochmal negativ aus. Wir wissen immer noch nicht, wie viele Frauen, die während der Pandemie ihre Arbeitszeit unfreiwillig reduziert haben, um die Kinderbetreuung sicherzustellen, wieder zu ihrer alten Stundenzahl zurückkehren konnten. Das war nicht bei allen selbstverständlich. Und diejenigen, die auf Lohnersatzleistungen angewiesen sind, trifft es noch härter. Diese strukturellen Benachteiligungen in Verbindung mit dem riesigen Machtgefälle können dazu führen, dass viele Frauen glauben, sie hätten gar keine Alternative, als die Gewalt über sich ergehen zu lassen.

Elke Ferner.
Elke Ferner ist Vorstandsvorsitzende von UN Women Deutschland. Von 2004 bis 2018 war die SPD-Politikerin Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF). Seit 2018 gehört sie dem Vorstand des Deutschen Frauenrats an. © UN Women

Sie haben die Frauenhäuser angesprochen. Von denen gibt es bisher in Deutschland zu wenige. Wann ändert sich da etwas?

Wir haben immer noch zu wenig Frauenhäuser und nicht in jedem Bundesland eine bedarfsgerechte Finanzierung. Oft bleiben die Frauen aber auch viel zu lang im Frauenhaus, weil es keine Zwischenstation gibt auf dem Weg hin zu einer neuen eigenen Wohnung, an die häufig nur sehr schwer heranzukommen ist. Es gibt zwar so genannte Second-Stage-Angebote, in denen auch die sozialpädagogische und psychologische Betreuung der Frauen sichergestellt ist, doch es gibt sie bislang nicht flächendeckend und nicht ausreichend. Mehr solcher Second-Stage-Einrichtungen würden die Situation der Akutversorgung in den Frauenhäusern entspannen.

Sollten nicht eigentlich die Täter die Wohnung verlassen?

Definitiv! Laut Gewaltschutzgesetz haben wir die Möglichkeit, die Täter der Wohnung zu verweisen. Dieses Prinzip wird nach meiner Auffassung aber zu selten angewandt. Es muss dann natürlich auch dafür gesorgt werden, dass die Frauen mit ihren Kindern sicher sind, wenn sie in der Wohnung bleiben.

Zur Sache

Die Zahl der angezeigten Gewalttaten unter Paaren und Ex-Partnern ist im vergangenen Jahr leicht gesunken. Laut einer Statistik zur Partnerschaftsgewalt registrierten die Behörden 2021 bundesweit 143 016 Fälle, in denen ein aktueller oder ehemaliger Partner Gewalt ausübte oder dies versuchte – ein Rückgang um 2,5 Prozent im Vergleich zum ersten Corona-Jahr 2020.

Laut Bundeskriminalamt waren dabei insgesamt 143 604 Opfer involviert – ein Rückgang der Opferzahl um drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser wies darauf hin, dass der Trend aber insgesamt ein anderer sei: In den Jahren vor 2021 sei die Zahl der Opfer stetig gewachsen. Die in der Statistik erfassten Zahlen würden lediglich die Zahl der angezeigten Fälle abbilden. Das Dunkelfeld sei weitaus größer.

Wie sieht das praktisch aus?

Man wird in der Großzahl der Fälle dem Täter deutlich machen, dass er sich der Wohnung und auch der Frau nicht mehr nähern darf. Es gibt ja generell eine Kontaktsperre, wenn das Gewaltschutzgesetz angewandt wird. Sollte er dagegen verstoßen, muss aber auch konsequent gehandelt werden.

Und da hakt es?

Für die Sicherheitsbehörden ist es einfacher, wenn die Frauen ins Frauenhaus gehen. Auch auf der Grundlage des Gewaltschutzgesetzes ist es nicht so leicht, jemanden seiner eigenen Wohnung zu verweisen. Die Polizei kann dies nur für kurze Zeit anordnen, das Opfer muss beim Familiengericht einen Antrag stellen, der bestätigt werden muss.

Ist die Finanzierung der Frauenhäuser gesichert?

Dass die Zuständigkeit für das Hilfesystem bei den Ländern liegt, macht es wegen sehr unterschiedlicher Finanzierungssysteme kompliziert. Mancherorts müssen Frauen für den Aufenthalt im Frauenhaus sogar zahlen, wenn sie über eigenes Einkommen verfügen. Der Bund versucht jetzt zwar über Investitionszuschüsse ein Stück weit zu helfen. Eigentlich brauchen wir einen Rechtsanspruch auf Schutz und Hilfe. Über eine solche Konstruktion könnte – wie beim Kita-Anspruch – der Bund die Frauenhäuser über ein Sondervermögen dauerhaft mitfinanzieren. Bislang ist das haushaltsrechtlich und verfassungsrechtlich schwierig.

Hat sich die Lage auch irgendwo verbessert? Zumindest die Wahrnehmung hat sich doch nicht zuletzt mit #MeToo geändert.

Die Öffentlichkeit ist stärker sensibilisiert. Trotzdem herrscht immer noch der Glaube vor, Gewalt gegen Frauen, das ist etwas unter Fremden. Aber der gefährlichste Ort für Frauen ist die eigene Wohnung. Diese Zahl ist doch unfassbar: Jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht – in Deutschland! Dann ist immer noch häufig von einer „Beziehungstat“ die Rede. Aber das ist keine Beziehungstat, das ist Mord! Es gibt aber tatsächlich auch Positives: Die Bundesregierung hat sich Gott sei Dank dazu entschlossen, die Vorbehalte gegen die Istanbul-Konvention zurückzunehmen, sie sollen ab Februar wegfallen. Das bringt Vorteile für Frauen, die kein eigenständiges Aufenthaltsrecht haben.

Interview: Sabine Hamacher

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