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Kanadische Soldatin in Afghanistan, 2006.
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Kanadische Soldatin in Afghanistan, 2006.

Kanada

Kanadas Militär: Der Feind in den eigenen Reihen

  • VonGerd Braune
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Kanadas Regierung leistet Abbitte für sexuelle Belästigung im Militär: Jahrelang wurden Klagen ignoriert oder verschleppt.

Ottawa – Tausende aktive und frühere Angehörige des kanadischen Militärs haben während ihrer Dienstzeit sexuelle Belästigung oder Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts erfahren. Viele wurden gezwungen zu schweigen oder ihre Vorgesetzten reagierten nicht auf Klagen. Nun räumt die Regierung ihre Mitschuld ein. Missbrauch von Macht habe das Vertrauen in die Führung des Verteidigungsministeriums zerstört, sagte Kanadas Verteidigungsministerin Anita Anand. „Ich entschuldige mich im Namen der Regierung Kanadas.“

Ministerin Anand, der Chef des Verteidigungsstabs General Wayne Eyre und die stellvertretende Verteidigungsministerin Jody Thomas sprachen am Montag in Reden, die live über Kanäle des Ministeriums und in den sozialen Medien verbreitet wurden, für die gesamte Regierung, die Militärführung und die Leitung des Verteidigungsministeriums die Entschuldigungen aus, auf die viele Betroffene seit langem warten. Die Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens und Missbrauchs sowie der Diskriminierung von Militärangehörigen und Zivilbediensteten aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer geschlechtlichen Orientierung hat in den vergangenen Monaten das Vertrauen in die Streitkräfte erheblich erschüttert.

Kanadas Missbrauchsfälle beim Militär – Annähernd zwei Drittel sind Frauen

Gegen nahezu ein Dutzend hochrangiger Militärs, darunter zwei ehemalige Oberkommandierende der Streitkräfte, laufen Ermittlungsverfahren oder sie mussten in den Ruhestand treten. In einigen Fällen wird ihnen selbst sexuelles Fehlverhalten vorgehalten, in anderen Fällen ihr Umgang mit Klagen, die ihnen bekannt wurden. Bisher haben sich fast 19 000 aktive und frühere Angehörige des Militärs sowie Zivilist:innen einer Sammelklage gegen die kanadische Regierung angeschlossen, in der sie Entschädigung fordern. Annähernd zwei Drittel von ihnen sind Frauen.

„Ich entschuldige mich bei Tausenden Kanadierinnen und Kanadiern, die Schaden erlitten, weil ihre Regierung sie nicht beschützte, und weil wir nicht sicherstellten, dass die richtigen Verfahren vorhanden waren, um Sicherheit und Rechenschaftspflicht sicherzustellen“, sagte die Ministerin, die erst im November ihr Amt angetreten hatte.

Verteidigungsministerin: Für das Versagen „entschuldige ich mich aufrichtig“

Angehörige der Verteidigungskräfte hätten Traumata erlitten, „weil genau die Institution, die unser Land beschützen und verteidigen soll, nicht immer ihre eigenen Angehörigen geschützt und verteidigt hat“. Viel zu lange habe die Regierung nicht genug Zeit, Geld und Personal bereitgestellt, um gegen sexuelle Belästigung, sexuelle Gewalt und Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, geschlechtlicher Identität und Orientierung im Militär und im Ministerium vorzugehen.

„Wir müssen uns schwierigen Wahrheiten stellen“, sagte General Eyre, der ebenfalls vor wenigen Monaten ins Amt kam. Das Vertrauen der Militärangehörigen sei durch „Kollegen und Führungskräfte und durch diese Institution“ verletzt worden, weil nicht genug getan worden sei, dies zu beenden. „Zu lange haben zu viele Angehörige der Streitkräfte und der Familie des Verteidigungsteams Schaden erlitten und in Angst vor Repressalien gelebt, falls sie diese Verletzungen zur Sprache bringen würden. Viel zu viele mussten diese Last tragen“, sagte Eyre. Die stellvertretende Ministerin Jody Thomas räumte ein, dass „wir als Führungskräfte“ nicht immer konsequent Vorwürfen nachgegangen seien und Beschuldigte zur Rechenschaft gezogen hätten, „in einigen Fällen erlaubten wir ihnen, die Arbeitsstelle zu wechseln ... und den Zyklus von Toxizität und Verletzungen fortzusetzen“. Für dieses Versagen „entschuldige ich mich aufrichtig“.

Kanada: Militärstruktur soll nun verändert werden

Zu den Veränderungen innerhalb der Militärstruktur gehören nun eine Stärkung der Militärjustiz und ein engeres Zusammenwirken von Militär- und regulärer Straf- und Ziviljustiz, Veränderungen bei der Behandlung von Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens durch Vorgesetzte und Unterstützung für Opfer.

Reaktionen von Betroffenen und ihren Anwält:innen lagen zunächst nicht vor. Eine Militärangehörige, die vor mehr als zwei Jahrzehnten den Dienst quittiert hatte, nachdem sie sexuelle Gewalt erlitten hatte, sagte im Vorfeld der Reden, sie warte seit 25 Jahren auf die Entschuldigung. Ihre Vorgesetzten damals hätten sie verpflichtet, in ihrer Baracke zu bleiben und die Vergewaltigung nicht der Militärpolizei zu melden. Sie hoffe, dass das Verhalten der Militärführung angesprochen werde, die Beschwerden und Klagen mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit, Leugnen und Feindseligkeit aufgenommen hätte. (Gerd Braune)

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