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Serbien und der Ukraine-Krieg: Der Feind des Feindes ist ein Freund

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Von: Thomas Roser

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In Belgrad passiert eine Frau ein Portrait Wladimir Putins, neben das der Straßenkünstler das Wort „Bruder“ gesprüht hat. Zahlreiche Menschen in Serbien protestieren gegen Putins Krieg, etliche unterstützen ihn jedoch auch.
In Belgrad passiert eine Frau ein Portrait Wladimir Putins, neben das der Straßenkünstler das Wort „Bruder“ gesprüht hat. Zahlreiche Menschen in Serbien protestieren gegen Putins Krieg, etliche unterstützen ihn jedoch auch. (Symbolbild) © Andrej Isakovic/AFP

In dem zwischen West und Ost zerrissenen Serbien demonstrieren rechtsextremistische Russland-Fans für Präsident Putin.

Belgrad – Zumindest in Serbien hat Wladimir Putin noch Freunde. Knapp tausend rechtsextremistische Putin-Verehrer marschierten am Wochenende beim „Protest zur Unterstützung für das russische Volk“ mit Russland-Fahnen zum Zarendenkmal vor Serbiens Präsidentenpalast. „Serbien und Russland – auf ewig Brüder“, skandierten die Demonstrant:innen, die aus ihrem Unmut über den allgewaltigen Landesvater Aleksandar Vucic keinen Hehl machten: „Vucic, Du hast Serbien verraten!“

In der ganzen Welt wird gegen den Krieg in der Ukraine demonstriert, in Serbiens Hauptstadt tauchten am Wochenende hingegen neue Putin-Graffiti auf. „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, umschreibt Dragoslav Dedovic, Journalist beim serbischen Dienst der Deutschen Welle, die „Gedankenakrobatik“ der Belgrader Putin-Freunde: Die „russische Keule auf dem Rücken der Ukraine“ diene ihnen dazu, sich für die Nato-Bombardierung und die Kosovo-Demütigung der „amerikanischen Cowboys“ zu revanchieren.

Drohende Sanktionen: Serbien sitzt im Ukraine-Konflikt zwischen den Stühlen

Es ist das serbische Ja zur UN-Resolution zur Verurteilung der russischen Ukraine-Invasion in der vergangenen Woche, das Serbiens russophile Patriot:innen aufbringt. Und es ist das Belgrader Nein zur Übernahme der EU-Sanktionen gegen Moskau, das die EU-Partner verstimmt.

Vom Entzug der Visa-Freiheit über die Aberkennung des Kandidatenstatus bis hin zur Abwanderung von Investoren soll laut Presseberichten die Drohpalette reichen, mit der die Europäische Union den zwischen Ost und West lavierenden Anwärter in die gemeinsame Sanktionsfront zwingen will. „Starker Druck aus der EU“, titelt die Tageszeitung „Blic“: „Es drohen uns Visa und Sanktionen.“

Ukraine-Krieg: Menschen fürchten sich vor langem Krieg und Auswirkungen auf Serbien

Knapp die Hälfte der Menschen in Serben erwarten laut Umfrage des „Faktor-Plus“-Meinungsforschungsinstituts einen jahrelangen Krieg in der Ukraine. Zwei Drittel geben an, einen Dritten Weltkrieg zu fürchten. Doch ihre Kriegsängste treiben die Menschen weniger auf die Straße als in die Supermärkte.

Als der nationalpopulistische Präsident Vucic seinen besorgten Landsleuten vergangene Woche düster versicherte, dass Serbien über genügend Benzin- und Getreidevorräte verfüge, wurden aus dem ganzen Land lange Warteschlangen vor den Tankstellen und Hamsterkäufe von Mehl vermeldet. „Dramatische Vucic-Aussagen sorgen für Panik“, berichtete die Zeitung „Danas“.

Zehntausende von Jubeldemonstrant:innen hatte die regierende SNS zur bisher letzten Belgrad-Visite Putins 2019 in die Hauptstadt gekarrt. Zwar bezeichnet Vucic die russische Invasion nun als „Fehler“. Doch die von seiner Partei kontrollierte Boulevard-Presse macht keinen Hehl daraus, wo ihre Sympathien im Ukraine-Krieg liegen: Über die „antirussische Hysterie“ des Westens klagt beispielsweise das Blatt „Informer“. (Thomas Rosner)

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