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Demos für freie Wahlen und den Rücktritt Lukaschenkos.
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Buchauszug

„Der einzelne Mensch spielt eine unglaublich große Rolle“

Alice Bota erzählt in „Die Frauen von Belarus“ vom Mut und der Kraft der Protestierenden - und den Repressalien gegen sie. Ein Buchauszug

Anna lebt in Minsk, ist 40 Jahre alt, Unternehmerin und packt Pakete für Gefangene. Wer ins Gefängnis muss, dem steht laut Gesetz die Grundversorgung mit notwendigen Hygieneartikeln zu. Doch in der Realität fehlt es an allem, und zwar wirklich allem: an Zahnbürsten, Seife, Kleidung, Unterwäsche, Klopapier, Binden, Tampons. Im Sommer 2020 stand Anna abwechselnd vor den Polizeipräsidien und den Haftanstalten und schob mit anderen Freiwilligen Dienst: Sie hielten fest, wie viele Menschen festgenommen wurden, erstellten Namenslisten und versorgten Entlassene.

Damals, im Sommer, entstand ein ganzes Netz aus Ehrenamtlichen. Taxifahrer fuhren vor die Gefängnisse und brachten Freigelassene kostenlos nach Hause. Ärzte und Ärztinnen wie Irina bauten Zelte auf und versorgten Verwundete. Die Ehrenamtlichen, die an den Gefängnismauern warteten, haben ihre Praxis auch nach dem Sommer beibehalten: Noch immer eilen sie herbei, sobald sie über ihre Telegram-Kanäle erfahren, dass es in Minsk wieder Festnahmen gibt.

Viele Angehörige hatten nie zuvor mit der strafenden Staatsmacht zu tun und reagierten überfordert, wenn plötzlich jemand aus ihrer Familie im Gefängnis landete. Anna erklärte ihnen, dass in das erste Paket unbedingt Unterwäsche und warme Kleidung gehören, Feuchttücher, Duschgel, Socken, Binden, Zahnbürste, Zahnpasta. Sie packte Päckchen für jene, die keine helfenden Verwandten hatten, und bettelte bei Beamten darum, dass die Pakete tatsächlich weitergereicht werden. Zu der Zeit hörte sie die Geschichten von ganz gewöhnlichen Frauen, die zu einer administrativen Haftstrafe verurteilt wurden, einer kurzen Verwarnungsstrafe von bis zu 15 Tagen. Das klingt nicht nach viel. Übel, aber irgendwie aushaltbar.

Bis man Anna zuhört, die freigekommenen Frauen zugehört hat. Das Vorgehen des Sicherheitsapparates, erzählt Anna im Februar 2021, habe sich seit dem Sommer verändert. Sie habe den Eindruck, dass die Inhaftierten nun während der kurzen Haftdauer psychisch und moralisch gebrochen werden sollen. Die Organisation für Untersuchung von Folter in Belarus gibt Anna recht. Nach der Welle der enthemmten Gewalt im Sommer beobachtete sie im Herbst und Winter 2020/21, dass ganz bewusst menschenunwürdige Bedingungen in den Haftanstalten geschaffen wurden.

Zum Buch

Alice Bota: Die Frauen von Belarus – Von Revolution, Mut und dem Drang nach Freiheit. Berlin Verlag. 240 S., 18 Euro.

„Ich glaube, die Machthaber wollen die Menschen abschrecken“, sagt Anna. Eine Lektion erteilen, um sich die Loyalität durch Angst zu sichern. „Aber sie vergessen etwas“, sagt Anna und zitiert ein Sprichwort: „Liebe lässt sich nicht erzwingen.“ Die Geschichten, die Frauen Anna anvertraut haben, erzählen davon, wie sie auf kaltem Zementboden oder auf Tischen schliefen, weil es an Betten fehlte. Wie manche Bettwäsche erhielten und andere nicht. Wie einige auf von Menstruationsblut durchtränkten Matratzen lagen und noch Glück hatten: Andere bekamen gar keine Matratze. Sie zwängten sich dann zu zweit auf nackte Bettgestelle aus Metall. Tagsüber durfte in manchen Zellen nicht auf den Betten gelegen und nicht geschlafen werden.

Die Frauen berichteten von offenen Toiletten, die nicht mehr waren als ein Loch im Boden der überfüllten Zelle. Manche Zellen hatten Waschbecken, die sogar funktionierten, andere nicht. Zähne putzen, duschen, sich waschen – ein Luxus, der manchmal gewährt wurde und manchmal nicht, je nachdem, wer gerade Wachdienst schob. Obdachlose Frauen mit Erkrankungen und Ungeziefer wurden gezielt in Zellen mit politischen Aktivistinnen verlegt. Eine demütigende Taktik, die das Regime schon früher angewandt hatte. Nun aber wurden ganz gezielt Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 verweigert.

„Die Orte des Freiheitsentzugs sind zu Orten der Massenansteckungen mit Covid-19 geworden“, schrieb das Internationale Komitee zur Untersuchung von Folter in Belarus in einem vorläufigen Bericht vom Dezember 2020. Anfang Januar, zum orthodoxen Weihnachtsfest, beschloss die Haftanstalt Okrestino, dass an Insassinnen mit kurzer Haftdauer keine Pakete mehr übergeben werden durften. Kurz darauf zog die Haftanstalt in Schodino nach – wegen der Pandemie. Eine absurde Begründung, denn zur gleichen Zeit wurden wechselnd Zellen überbelegt.

Anna sagt, ihr seien gerade diese Geschichten wichtig, weil die Maßnahme massenhaft ganz gewöhnliche Frauen getroffen und entwürdigt habe. Die Zellen seien oft kalt und zugig gewesen. Viele Frauen hätten sich verkühlt und typisch weibliche Erkrankungen entwickelt – Zyklusstörungen, Ausbleiben der Periode, Infektionen, Blasen- und Nierenbeckenentzündungen. Anna wird wütend. Viele würden nicht verstehen, warum sie immerzu über weibliche Hygiene rede, ein Tabuthema. „Man muss nicht darüber reden, sondern schreien!“, findet Anna. „Die weibliche Gesundheit, das ist doch die Zukunft einer Nation!“

Trauer um den belarussischen Aktivisten Schischow.

Fast 30 Frauen haben sich bei Anna gemeldet und erzählt, was sie durchlebt haben. Die jüngste ist 20, die älteste 64 Jahre alt. Die Maßnahme wurde gegen Ende Februar kassiert, doch bis dahin haben Hunderte Frauen die demütigende Prozedur des strafenden Mangels durchlaufen. Dass Frauen sich tagelang nicht die Zähne putzen konnten, weil es keine Zahnbürsten oder Zahnpasta gab, gehört zu den häufigeren Berichten. In manchen Gefängnissen war es möglich, sich einmal die Woche zu duschen. In anderen wurde selbst das verwehrt.

Manchmal bekam eine volle Frauenzelle ein paar Binden für mehrere Tage. Manchmal auch gar nichts. Manche Frauen lagen eine Woche in ihrem Blut – Klopapier war in der Regel Mangelware, Wechselwäsche gab es nicht, weil nun die Pakete nicht mehr zugestellt wurden. „Ich kann das nicht anders als Folter nennen“, sagt Anna. „Wenn sie einen mit Schlagstöcken schlagen, dann hat man blaue Flecken. Aber einen Menschen dergestalt moralisch zu erniedrigen, kann auf Jahre nachwirken.“

Waren alle so? Und war es immer so schlimm? Nein, manches war besser, manches schlechter. Vieles hing von den Wächtern ab. Einige waren nett, andere grausam: beschimpften die Frauen als „Nutten“, als „Fotzen“ und „Prostituierte“. „Der einzelne Mensch spielt eine unglaublich große Rolle“, sagt Anna. Bevor die Zustellung der Päckchen gestoppt wurde, nahmen manche Wächter Pakete von Freiwilligen an, gaben sie an die Gefangenen weiter und riskierten, dadurch Probleme mit ihren Vorgesetzten zu bekommen. Andere, darunter auch Frauen, schienen hingegen mit Lust zu quälen. Eine Gesellschaft, die solche Erfahrungen macht, lernt.

Frauen, die noch immer protestieren gehen, trotz allem, ziehen sich nun zwei Unterhosen übereinander an – damit sie Wechselwäsche haben, falls sie festgenommen werden. Die Journalistin des belarussischen Mediums tut.by berichtete, dass sie die Nummern ihrer Anwälte auf den Arm geschrieben hatte und stets Wasser, eine Zahnbürste und zusätzliche saubere Wäsche bei sich trug, wenn sie ihre Wohnung verließ. Eine Gesellschaft, die solche Erfahrungen macht, entwickelt Angst. Niemand will eine traumatische Erfahrung noch einmal durchleben. Deshalb blieben viele Menschen daheim, selbst wenn sie sich weiterhin im Widerstand zum Regime sahen. Eine Kollegin von Anna, die fünf Kinder hat, wurde festgenommen. „Verrückt viele Leute“ würden Belarus verlassen, sagt Anna.

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