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2011: Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo.
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2011: Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo.

10 Jahre

Der brutale Herbst der Arabischen Welt

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Zu zehn Jahren „Arabischer Frühling“ erscheinen neue Bücher von Journalisten, die sich mit dem Auf und Ab Arabiens und seiner Menschen wie kaum ein Zweiter auskennen.

Zu feiern gab es nichts mehr am zehnten Jahrestag des „Arabischen Frühlings“: Tunesien erschütterten Krawalle, in Ägypten herrschte Friedhofsruhe, in Libyen, im Jemen und Syrien wüten Bürgerkriege. Im Bewusstsein der nahöstlichen Völker bleibt das massenhafte Aufbegehren von 2011 eine ambivalente Zäsur. Auf der einen Seite die enthusiastische Erfahrung einer kollektiven Sehnsucht nach Freiheit und Würde, auf der anderen schier unvorstellbare Gewaltexzesse bedrängter Despoten gegen die eigene Bevölkerung.

Drei Bücher deutscher Nahost-Korrespondenten widmen sich diesem monumentalen Umbruch, lassen die dramatischen Ereignisse vor nun einem Jahrzehnt noch mal aufleben und gehen der Frage nach, warum dieses heroische Aufbäumen nicht in Demokratie und Menschenwürde mündete, sondern in Chaos, Elend und Gewalt.

Jörg Armbruster, als Fernsehkorrespondent in Kairo Augenzeuge jener Zeit, konzentriert sich in seinem facettenreichen und gut zu lesenden Buch auf Ägypten, den Sudan und Tunesien. Er schöpft aus vielen Begegnungen und breitem Wissen. Im Ägypten-Kapitel erinnert er an Vorläufer-Proteste der Bewegungen „Kifaya“ („Genug“) und „6. April“. Er analysiert die wirren Jahre nach 2011 und beleuchtet die Hintergründe des von den Golfmonarchien finanzierten Putsches von Feldmarschall Abdel Fattah al-Sisi, dem heutigen Präsidenten.

Wie ein roter Faden zieht sich durch das Buch die Kritik an der Doppelzüngigkeit des Westens im Umgang mit alten und neuen Potentaten. Demokratie sei „gut für Sonntagsreden, schlecht fürs Geschäft“ und „schlecht vor allem für die Flüchtlingsabwehr“, summiert der Autor das Kalkül Europas, das zusammen mit den USA auch den Löwenanteil der Profite aus Waffengeschäften vor Ort einstreicht. „Stabilität um jeden Preis“ laute die außenpolitische Devise aller EU-Staaten, auch Deutschlands, so sein Fazit.

Ähnlich fesselnd und informativ schildert auch Radiokorrespondent Jürgen Stryjak diese bewegende Epoche Ägyptens, auch wenn sich sein Buch hinter einem eher unscheinbaren Titel verbirgt. Stryjak bettet das Geschehen auf dem Tahrir-Platz 2011 ein in einen breiteren historischen, sozialen und gesellschaftlichen Kontext. Er bietet Einblicke in das widersprüchliche religiöse und kulturelle Leben am Nil, das Ringen der Literaturszene, die Musikblüte während der Revolution oder den Überlebenskampf der Satire unter Al-Sisi. Seit 20 Jahren lebt und arbeitet Stryjak regelmäßig in Kairo. Und so ist sein Buch auch eine kritische, kluge und humorvolle Hommage an den 24-Millionen-Moloch, dessen Alltag aus Dauerlärm, Gestank und Verkehrschaos der Bevölkerung alles abverlangt.

Karim El-Gawhary, der seit 1991 als Korrespondent in Kairo lebt, spannt den Bogen weiter und nimmt den gesamten Zustand der Arabischen Welt in den Blick. Da ist zum einen die „Heilige Arabische Allianz“ der allmächtigen Thronfolger von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten mit Ägyptens Diktator Al-Sisi. Ziel dieses Trios sei es, „die in Aufruhr geratene arabische Welt wieder in ihrem Sinne in Ordnung zu bringen“, so dass „der Status quo ihrer Macht“ erhalten bleibt. Zum anderen beschreibt er „das arabische Dreigespann“ von Armut, Ungleichheit und Machtlosigkeit, an dem immer mehr Menschen verzweifeln.

Für Gawhary ist der Nahe Osten heute „eine Ansammlung gescheiterter Staaten und ungelöster Krisen“ und diese Konflikte würden sich auch nur weiter verschärfen – zwischen Jung und Alt, zwischen Regimen und Völkern und zwischen – wie er es formuliert – „arabischer Repression und arabischer Rebellion“. Kein Wunder also, dass den Zeitgenoss:innen zehn Jahre nach ihrem „Frühling“ heute nicht mehr zum Jubeln zumute ist.

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