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Gesittetes Nebeneinander in Belgrad? Dort und anderswo auf dem Balkan müssen Frauen um ihr Leben fürchten.
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Gesittetes Nebeneinander in Belgrad? Dort und anderswo auf dem Balkan müssen Frauen um ihr Leben fürchten.

Gewalt

Erfahrungsberichte von Tausenden verprügelter und missbrauchter Frauen erschüttern den Balkan

  • VonThomas Roser
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„#NisamPrijavila“ – „Ich habe (ihn) nicht anzeigt“: Auf dem Balkan verschaffen sich Zehntausende Opfer häuslicher Gewalt über Social Media Gehör.

Vranje - Wie werden Liebes- und Familienglück idealisiert – und wie alptraumhaft kann die Realität sein: Seit einigen Tagen erschüttern die Erfahrungsberichte von Tausenden verprügelter und missbrauchter Frauen die Webwelten in den ex-jugoslawischen Staaten. „Tapfere Mädchen lösen eine Frauenrevolution in Serbien aus“, titelt die Belgrader Zeitung „Blic“.

Ausgelöst hatte die Lawine verstörender Berichte ein Tweet der serbischen Politologin Nina Stojakovic, wonach ihre Schwester über anderthalb Jahre lang immer wieder vom Partner verprügelt worden war. Bevor sie nach einem Selbstmordversuch den Mut aufbrachte, ins Elternhaus zurückzukehren. Bei der Polizei sei ihr gesagt worden, dass man nichts tun könne, weil es keinen ärztlichen Untersuchungsbericht gebe, „obwohl es mehrere Zeugen gibt, die ihre Verletzungen und aufgeplatzten Lippen gesehen haben“: „Warum hatte sie ihn nicht früher angezeigt? Weil sie einfach bis auf die Knochen verängstigt war.“

Gewalt gegen Frauen: 20.000 Frauen berichten auf Twitter

„#NisamPrijavila“ – „Ich habe (ihn) nicht anzeigt“ – nennt sich der in der letzten Woche veröffentlichte Twitter-Hashtag, unter dem bereits in den ersten 48 Stunden mehr als 20.000 Frauen über ihre traumatischen Erfahrungen berichten. In Serbien aber werde Twitter nur von drei bis vier Prozent der Bevölkerung genutzt, also von um die 250.000 Menschen, so die Initiatorin Dejana Stosic, Mitarbeiterin des SOS-Frauen-Telefons in Vranje.

Schätzungen zufolge erstatte auch nur jedes neunte Opfer häuslicher Gewalt Anzeige, in ländlichen Regionen würde wahrscheinlich noch viel mehr geprügelt. Es sei davon auszugehen, so Stosic, dass 80 Prozent der Serbinnen in ihrem Leben schon einmal sexuell belästigt worden oder zu Opfern einer „Art von Gewalt“ geworden seien.

„Kein Wunder bei dem Kleid, das du trägst“, sagen Polizisten zu vergewaltigten Frauen

Laut Erhebungen der OSZE-Mission in Sarajevo soll rund die Hälfte der Bosnierinnen schon Gewalt und Missbrauch erlitten haben. Es sind nicht nur gewalttätige Partner, die den Opfern zu schaffen machen, sondern auch die Mauer der Ignoranz, auf die sie bei Polizei und sogar im eigenen Umfeld stoßen. „Du hast keine Beweise.“ „So ist halt die Ehe.“ „Geh nach Haus und schlaf dich aus.“ „Kein Wunder bei dem Kleid, das du trägst.“ So etwas sagen Polizisten zu verprügelten oder vergewaltigten Frauen. Verständnis, Anteilnahme? Fehlanzeige.

Nicht nur die Angst vor Wut oder Rache des (Ex-)Partners, sondern auch die Furcht, von der Polizei verlacht und von der Gesellschaft oder der eigenen Familie stigmatisiert zu werden, hält viele von einer Anzeige ab. „Ich habe ihn nicht angezeigt aus Angst, dass er mir das Kind wegnimmt oder mich tötet“, erzählt eine Frau auf Twitter. „Ich habe ihn nicht angezeigt, weil ich die Eltern und die Söhne nicht beunruhigen wollte, weil ich allein bin im Leben.“„Ich habe ihn nicht angezeigt, weil ich befürchtete, dass die Polizei sich gegen mich wendet.“ „Ich habe ihn nicht angezeigt, weil dies eine große Schande ist.“

Serbien: Ein weiterer Femizid

Serbien ist nichts Besonderes in der Region: Auch aus den Nachbarstaaten Montenegro, Nordmazedonien und Bosnien-Herzegowina melden sich Gewaltopfer per Twitter. Sie sei wütend auf ein System, das „Frauen keinerlei Schutz gibt, die von ihren Partnern verprügelt werden“, sagt Nina Stojakovic: „Und ich bin auch wütend auf Nachbarn, die sich beim Vermieter über Lärmbelästigung beklagen statt die Polizei zu alarmieren.“

Diese Gesellschaft glaube „nicht einmal einer lebenden Frau, geschweige denn einer toten“, macht eine verbitterte Frau sich auf Twitter Luft. Tatsächlich wurde der Jahreswechsel in Serbien vom nächsten Femizid überschattet: Kurz nach seiner Haftentlassung hat ein 58-Jähriger in der vergangenen Woche seine Ex-Frau und seine beiden Töchter im nordserbischen Sombor ermordet, bevor er das einstige Familienhaus in Brand steckte und sich selbst erhängte. (Thomas Roser)

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