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Der Atmosphäre CO2 entziehen

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Von: Jörg Staude

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Mais zu Alkohol zu vergären und das Kohlendioxid abzufangen wäre eine Methode, das Gas zu speichern.
Mais zu Alkohol zu vergären und das Kohlendioxid abzufangen wäre eine Methode, das Gas zu speichern. © imago

Damit die Welt klimaneutral werden kann, müssen laut Weltklimarat Treibhausgase der Luft wieder entzogen werden. Doch wie gut sind Staaten darauf vorbereitet? Eine erste weltweite Bestandsaufnahme kommt zu einem ernüchternden Fazit.

Zur Mitte des Jahrhunderts muss die Zivilisation klimaneutral sein, verlangt das Pariser Klimaabkommen. Neutral bedeutet: Unter der globalen CO2-Bilanz soll dann eine „Netto-Null“ stehen.

Dass die Menschheit gar kein Gramm Kohlenstoffdioxid mehr emittiert, wird leider nicht eintreten. Auch in einer nachhaltigen Welt gibt es Restemissionen, besonders aus der Agrar- und der Abfallwirtschaft aufgrund der biologischen Vorgänge dort. Auch Gebäude werden noch CO2 emittieren, sagt die von mehreren Thinktanks angefertigte Studie „Klimaneutrales Deutschland“. Demnach fallen 2045 im Lande noch rund 60 Millionen Tonnen CO2 an.

Alle Szenarien des Weltklimarats, die das 1,5-Grad-Limit einhalten, verlangen zwar die Halbierung der Emissionen bis 2030 und die „Netto-Null“ für 2050, aber sie sagen auch: Eine Zeit lang wird die 1,5-Grad-Grenze überschritten werden, es tritt der sogenannte „Overshoot“ ein.

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Um die Erwärmung dann wieder auf 1,5 Grad abzusenken, sollen Hunderte Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid aus der Luft geholt und abgespeichert werden, mit der Methode des Carbon-Dioxide-Removal, der Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre.

„Es geht hier nicht um ein Kann, sondern um ein Muss“, erklärte Jan Minx, leitender Wissenschaftler am Berliner Mercator-Forschungsinstitut (MCC).

Minx gehört einer internationalen Forschendengruppe an, die erstmals einen Report zum weltweiten Stand von CDR vorlegt („The State of Carbon Dioxide Removal“). Die mehr als 100-seitige Studie stellt die erste, weltweite Bestandsaufnahme und umfassende Bewertung der Maßnahmen dar, um CO2 der Atmosphäre zu entziehen und dauerhaft zu speichern.

Die Forderung im Report ist eindeutig: Die schon vorhandene Senkenleistung muss deutlich vergrößert werden, auf mindestens drei Milliarden Tonnen CO2 jährlich. Dazu braucht es nach Ansicht der Forschenden den massiven Ausbau neuartiger CDR-Methoden wie Bioenergie mit CO2-Abscheidung und -Speicherung (BECCS), direkte CO2-Entnahme aus der Luft mit Speicherung (DACCS), Einsatz von Biokohle oder verbesserte Gesteinsverwitterung.

Mit diesen Methoden werden laut Studie gerade einmal zwei Millionen Tonnen CO2 im Jahr der Luft entnommen. Größtenteils gehe das noch auf das Konto eines Bioenergie-Projekts in den USA, ergänzt MCC-Forscher Minx. „Da stehen wir fast noch bei null.“

Wie viel CO2 wird der Luft schon entnommen?

Rund 37 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid werden weltweit jährlich emittiert. Etwa zwei Milliarden Tonnen davon werden laut dem Report einer internationalen Forschendengruppe durch Carbon Dioxide Removal, also CO2-Entfernung, entnommen.

Durch „konventionelles“ CDR geschieht dies vor allem, wie die Forschenden es nennen, beispielsweise durch Aufforstung oder Waldmanagement. Beides ist sonst eher unter dem Label „natürlicher Klimaschutz“ bekannt.

Diesen Begriff verwenden die Wissenschaftler:innen in ihrem Report aber bewusst nicht. Auch den oft als CO2-Einsparer gelobten Moorschutz und die Wiedervernässung von Mooren sehen die Forschenden als Emissionsvermeidung an und nicht als Methode zur CO2-Entnahme. js

Das Thema CO2-Entnahme erhalte in Wissenschaft und Politik bisher zu wenig Aufmerksamkeit, kritisiert der Report. Es gebe eine große Lücke zwischen den CDR-Planungen der Staaten und dem, was erforderlich sei, um das Ziel des Pariser Klimavertrags zu erreichen, erklärt auch Oliver Geden, Klimaexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik und Mitautor des Reports.

Vor fünf bis zehn Jahren habe er selbst noch zu den Kritikern von CO2-Entnahme-Modellen gehört, räumt Geden ein. Das habe sich geändert, zum einen, weil die eigentlich nötige CO2-Reduktion bisher global nicht stattgefunden habe.

Zum anderen sei die Pariser Klimavorgabe eben ein Netto-Null-Ziel, so der Klimaexperte. Das bedeute in der Praxis den Einsatz von CDR, weil es immer Restemissionen von CO2 gibt. „Ein Ziel von null Emissionen ist nicht realistisch“, betont Geden.

Um die sich abzeichnende „CDR-Lücke“ zu schließen, müsste laut der Studie der Einsatz der neuartigen Methoden schon bis 2030 um den Faktor 30 ansteigen, bis Mitte des Jahrhunderts um den Faktor 1 300. In extremen Szenarien mit viel zu wenig CO2-Reduktion sogar um den Faktor 4 000.

Kein Staat sehe bisher in seinen nationalen Klimaplänen einen Ausbau von CDR bis 2030 vor, kritisiert der Report, nur in einigen dieser Selbstverpflichtungen finde sich dies im Zeitraum bis 2050. Nach Ansicht der Autor:innen sind aber die nächsten zehn Jahre entscheidend, um CDR rechtzeitig auf den Weg zu bringen. Zunächst müssten dazu Anlagen im industriellen Maßstab zum Laufen gebracht und möglichst viele Methoden probiert werden.

Denn wenn neuartige CDR-Technologien auf eine Größe von jährlich zwei bis drei Milliarden Tonnen CO2 skaliert werden, seien auch viele Überraschungen zu erwarten, betont MCC-Experte Minx. Er erinnert an das Schicksal der Bioenergie, der Wundertechnik aus den 1990er Jahren. Hier habe man seitdem viel dazugelernt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnen zugleich davor, die Zukunft zu sehr von CO2-Entnahmen abhängig zu machen. „Wir brauchen schnelle und tiefe Reduktionen von Treibhausgasen und CO2-Entnahmen. Das ist kein Entweder-Oder“, erklärt Jan Minx. Bis 2050 stünden dabei zunächst die konsequente CO2-Einsparung und der Aufbau einer Entnahme-Wirtschaft im Vordergrund, nach 2050 könne sich die Entwicklung dann um das Erreichen echter negativer Emissionen drehen.

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