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Kinder im Ukraine-Krieg: Deportiert, zwangsadoptiert, russifiziert

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Von: Stefan Brändle

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Die russische „Kommissarin für Kinderrechte“, Maria Lwowa-Belowa, ist eine Vertraute Putins.
Die russische „Kommissarin für Kinderrechte“, Maria Lwowa-Belowa, ist eine Vertraute Putins. © Mikhail Klimentyev/afp

Französische Intellektuelle werfen dem Putin-Regime vor, ukrainische Kinder zu verschleppen.

Seit mehreren Monaten äußert Kiew gegenüber Moskau den Vorwurf, ukrainische Kinder, darunter Kriegswaisen, nach Russland zu deportieren. Auch eine Gruppe französischer Wissenschaftler, Autorinnen und Ukrainologen schlägt Alarm. Sie veröffentlichten in der Pariser Zeitung „Le Monde“ eine Zuschrift unter dem Titel: „Ukrainische Kinder zu deportieren und zu ‚russifizieren‘ bedeutet, die Ukraine ihrer Zukunft zu berauben.“

Die Unterzeichnerin Sylvie Rollet, Vorsitzende des Pariser Vereins „Für die Ukraine, für unsere und ihre Freiheit“, schildert gegenüber der Frankfurter Rundschau, warum es sich um eine Deportation handle. Sie betreffe ukrainische Kriegswaisen, aber auch viele Kinder, die in den russischen „Filtrationszentren“ von ihren Eltern getrennt würden; andere wiederum kehrten nicht aus „Ferienkolonien“ in den von Russland besetzten Gebieten zurück. Laut Rollet werden sie zusammen mit anderen isolierten Minderjährigen nach Russland transportiert und dort bisweilen in entlegene Landesregionen wie Nowosibirsk, Murmansk oder an die Grenze zu Nordkorea verteilt. Wohin genau, erfahren die Angehörigen nur, wenn es den Kindern gelingt, sie anzurufen.

Ukraine-Krieg: Französisches Kollektiv geht von 300.000 verschleppten Kindern aus

Wie viele Kinder bislang verschleppt wurden, ist schwer zu sagen. Das französische Kollektiv geht von 300 000 aus. Diese Zahl umfasst auch jene Mädchen und Jungen, die zusammen mit ihren Eltern weggebracht wurden. Die Rahmenbedingungen dafür hat Kreml-Chef Wladimir Putin geschaffen: Zum einen gelten ukrainische Kinder, die in den russisch besetzten Gebieten nach dem 24. April geboren wurden, als russisch; weigern sich ihre Eltern, den russischen Pass anzunehmen, wird ihnen das Sorgerecht entzogen. Seit Mai können Russ:innen auch ukrainische Kinder adoptieren, die laut Putins Dekret „als Waisen gelten“. Die adoptierten Kinder müssen nicht mehr Russ:innen sein, wie es das russische Recht bisher verlangte.

Oleksandra Romantsowa vom „Zentrum für zivile Freiheit“ – das im Oktober den Friedensnobelpreis erhalten hat – schilderte jüngst in Paris, wie russische Soldaten die Deportation ukrainischer Kinder fördern: „Sie schießen zuerst auf Kindergärten, Schulen und Waisenhäuser; dann geben sie vor, dass sie die Kinder an einen sicheren Ort bringen. Der befindet sich oft mehr als tausend Kilometer entfernt im Osten oder Norden Russlands.“

Ukraine-Krieg – Russlands Vorgehen erinnert Schriftsteller „an das Vorgehen der Nazis in Polen“

Der Kreml verheimlicht die Verschleppungen nicht. Putins „Kommissarin für Kinderrechte“, Maria Lwowa-Belowa, erklärte im September im russischen Fernsehen, sie lasse gefährdete Kinder aus Städten wie Mariupol oder Cherson „evakuieren“ und „retten“ (die FR berichtete). Die Mehrfachmutter schilderte auch die Wohltaten der „Umerziehung“. Einen 16-jährigen Jugendlichen aus Mariupol hat die Putin-Vertraute selber adoptiert. Vor einer TV-Kamera erzählte Lwowa-Belowa mit einem Teddybär im Arm, die Kinder aus der zerbombten Stadt hätten zuerst die ukrainische Nationalhymne gesungen, als man sie aus den Kellern geholt habe; mittlerweile habe sich ihre Haltung aber in „Liebe zu Russland“ verwandelt.

Der Schriftsteller Jonathan Littell wurde in Paris gefragt, ob dieses Verhalten nicht an die Deportationen der Stalin-Ära gemahne. Seine Antwort: „Mich erinnert das eher an das Vorgehen der Nazis gegenüber Polen.“ Damals seien 50 000 bis 200 000 Kinder mit blonden Haaren und blauen Augen nach Deutschland entführt und dort assimiliert worden. Nur das Motiv ist heute anders: Putin folgt dem Konzept der „Russifizierung“, wie seine Adoptions-Dekrete belegen. Sylvie Rollet: „Mit seiner ‚Spezialoperation‘ will Putin die Ukraine ausmerzen. Er negiert ihre Vergangenheit, die kulturellen Traditionen und ihre staatliche Legitimität. Die ‚Russifizierung‘ ukrainischer Kinder ist Teil dieser Politik.“

Ukraine-Krieg: „Transfer von Kindern“ eines der fünf Merkmale eines Genozids

Ein Verbrechen an der Menschheit ist das auch aufgrund der Genfer Konvention von 1948: Sie nennt als eines von fünf Merkmalen eines Genozids den „Transfer von Kindern“. Die Pariser Intellektuellen fordern die europäischen Instanzen deshalb auf, mit Nachdruck die Freigabe der Kinder zu verlangen. Bis es soweit sei, müssten Hilfswerke wie Unicef und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz Zugang zu den Kindern erhalten.

Auch auf politischer Ebene müsse die Deportation von Kindern Folgen haben, schreiben die Unterzeichner:innen: Da Putin nur auf Druck reagiere, müsse die Ukraine schwere Waffen erhalten; jede Verhandlung mit dem Kreml-Chef sei zu unterlassen. (Stefan Brändle)

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