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Die Besatzung des Schiffes „Alan Kurdi“ der deutschen Hilfsorganisation Sea-Eye während einer Andacht am 1. September 2019. Vier Jahre zuvor waren Alan, sein Bruder Ghalib und seine Mutter Rehanna ertrunken.

Ein Jahr nach dem Tod von Alan Kurdi

„Denkt an die Menschen“

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Das Foto seines im Mittelmeer ertrunkenen Sohnes Alan ging um die Welt. Heute lebt Abdullah Kurdi im Nordirak und versucht, den Verlust seiner Familie zu verarbeiten, indem er den Kindern in seiner neuen Heimat hilft.

Erst am Morgen hat er in den Schlaf gefunden. Zuvor, am Abend, so erzählt es seine Schwester, seien sie erst spät zurückgekehrt. Dann lag er lange da, ruhelos, wachgehalten von Erinnerungen, in dieser Nacht noch stärker als sonst. Jetzt, am Nachmittag, sitzen Tima und Abdullah Kurdi nebeneinander da, in dem Haus in Erbil im Nordirak, in dem er lebt, bereit für ein Gespräch.

Es ist der Tag nach dem Jahrestag. Vier Jahre zuvor, am 2. September 2015, ertranken seine Frau und seine beiden Söhne, die 35-jährige Rehanna, der fünfjährige Ghalib und der zweijährige Alan, als die Familie zusammen mit weiteren Flüchtlingen vom türkischen Bodrum auf die griechische Insel Kos übersetzen wollte. Nur Abdullah Kurdi überlebte. Alans Leichnam wurde am selben Tag auf der türkischen Seite an den Strand gespült, wo eine türkische Fotografin ein Bild von ihm machte: Ein kleiner Junge, auf dem Bauch liegend, den Kopf zur Seite gedreht, als würde er schlafen, erschöpft, an einem unpassenden Ort, in den auslaufenden Wellen. Das Foto wurde zu einem Symbol des Flüchtlingsjahres 2015, zu einer Ikone, in vielerlei Hinsicht. Es ging, so muss man es sagen, um die Welt.

Abdullah Kurdi, 43 Jahre ist er inzwischen alt, wirkt in sich gekehrt, still, passiv, wie benommen. Das Rauchen, sein häufiger Griff zur Zigarette, ist das einzige Zeichen von Unruhe. „Das äußere Bild entspricht nicht dem, was in seinem Inneren geschieht“, wird seine Schwester später sagen. Das Gespräch findet via Skype statt. Tima Kurdi, die seit 20 Jahren in Kanada lebt, übersetzt.

Herr Kurdi, zunächst: Wie geht es Ihnen?
Abdullah Kurdi:  Es war ein sehr schwerer Tag für mich.

Wie haben Sie ihn verbracht?
Abdullah Kurdi:  Wir sind in ein Flüchtlingslager gefahren und haben dort Schuluniformen verteilt. Wenn ich sehe, wie die Kinder sich freuen, dann ist das ein großer Trost für mich.

Tima Kurdi:  Wir machen das seit drei Jahren. Ich komme jedes Jahr zum Jahrestag nach Erbil, um bei ihm zu sein. Die Stiftung ist sehr klein, nur ich und mein Bruder, und wir haben nicht viel Geld, nur einige Spenden, aber damit decken wir die Auslagen. Das Lager liegt gut zwei Stunden von hier, in der Nähe von Dohuk, 1400 Familien leben dort. Wir haben am Vortag die Uniformen auf einem Markt gekauft, sie bis spät abends sortiert, am nächsten Tag haben wir sie dann verteilt: 754 Uniformen, von der ersten bis zur sechsten Klasse. Das ist auch körperlich sehr anstrengend hier, und sehr emotional.

Tima und ihr Bruder Abdullah während des Skype-Interviews.

Kennen die Kinder und ihre Familien Sie?
Tima Kurdi:  Sie kennen ihn und mich.

Kennen sie seine Geschichte?
Tima Kurdi:  Ja, sicher.

Wie reagieren sie auf Sie?
Tima Kurdi:Sie trauern mit ihm. Und sie bitten Abdullah um Hilfe. Da sind herzzerreißende Geschichten dabei. Gestern war da ein Mädchen mit Trisomie 21. Sie geht in die erste Klasse, ist aber so groß, dass sie eine Uniform für Drittklässler braucht. Außerdem wollte sie unbedingt eine Jungs-Uniform. Später stellte sich heraus, dass sie dringend eine Herzoperation benötigt. Aber ihre Familie kann sie nicht bezahlen.

Wie kam es zu der Stiftung und den Hilfsaktionen?
Tima Kurdi:  Der Ursprung war, dass wir herumgefahren sind und die Flüchtlingscamps im Nordirak angesehen haben. Wir sahen, wie die Kinder spielten, ganz unschuldig. Und Abdullah sagte: Wenn es irgendeinen Grund gibt, der mich am Leben hält, dann wäre es, diesen Kindern zu helfen.

In der Geschichte des Fotos des toten Jungen am Strand gibt es mehrere Phasen. In der ersten ist die Welt geschockt – und reagiert, überwiegend, mit Mitgefühl. Der kleine Alan, den die Medien zunächst fälschlich Aylan nennen und ein Jahr älter machen, drei statt zwei, er symbolisiert in all seiner Unschuld das Leiden des syrischen Volkes. Unzählige Male wird das Bild in den sozialen Netzen geteilt. Großbritannien verspricht, 20 000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen, Frankreich 24 000. In Deutschland werden die Syrer, die hier ankommen, zum Teil begeistert begrüßt.

Aus Abdullah Kurdi, dem Friseur aus Kobane, dem Mann, der gerade seine gesamte Familie verloren hat, wird in dieser Zeit eine öffentliche Figur. Immer wieder soll er vor laufenden Kameras erklären, was geschehen ist. „Ich habe versucht, meine Frau und Kinder festzuhalten, aber da war keine Hoffnung“, sagt er der BBC. „Sie starben, einer nach dem anderen.“

Aber bald kamen auch die Vorwürfe. Erst leise, dann lauter. War es nicht verantwortungslos, sich mit seiner Familie auf ein flattriges Schlauchboot zu setzen und aufs Meer zu wagen? Und hatte er nicht selbst am Steuer des Bootes gesessen? Dass er selbst beteuerte, nur zeitweise das Steuer übernommen zu haben, als Schleuser die Menschen im Boot ihrem Schicksal überließen, dass Recherchen belegten, wie üblich dieses Vorgehen der Menschenschmuggler ist, das kam dann längst nicht mehr bei allen an.

Abdullah Kurdi hat es gutgeheißen, dass das Bild seines Kindes gezeigt wird, um auf das Leid der Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Aber nun fühlte sich jeder frei, die Geschichte des toten Alan in seinem Sinne zu nutzen. Auszuschlachten, könnte man auch sagen.

Die Satirezeitschrift Charlie Hebdo veröffentlichte eine Karikatur, auf der neben dem toten Alan am Strand McDonalds-Werbung steht. Überschrift: „So nah am Ziel...“ Geht es zynischer?

Ein Wandbild im Frankfurter Hafen in Gedenken an Alan, März 2016.

Herr Kurdi, mit welchem Ziel sind Sie damals in der Türkei aufgebrochen?
Abdullah Kurdi:  Wir wollten irgendwohin nach Europa, wo es sicher ist. Ich habe Deutschland bevorzugt. Aber ich habe gesagt, lass uns erst nach Griechenland kommen, dann sehen wir weiter. Deutschland war uns am liebsten, weil da schon Verwandte waren.

Es gab immer widersprüchliche Schilderungen über die Gründe für Ihre Flucht. Gab es einen bestimmten Auslöser?
Tima Kurdi:  2014 arbeitete mein Bruder in der Türkei und unterstützte seine Familie in Kobane. Aber als der IS 2014 Kobane überfiel, kamen alle in die Türkei. Ein Jahr war die Situation wirklich schlecht. Manchmal hat er sieben Tage die Woche gearbeitet, manchmal hatte er wochenlang keine Arbeit. Die Kinder aßen trockenen Reis und Joghurt. Den Besitzer wiederum kümmert es nicht, ob du Geld hast oder nicht, er will seine Miete. Deshalb waren da tausende Flüchtlinge, deren einzige Hoffnung war, nach Europa zu kommen.

Wie hat er die Flucht dann finanziert?
Tima Kurdi:  Ich habe dann, nach einem Jahr, gesagt: Okay, ich bezahle euch die Reise. Und ich bereue das für den Rest meines Lebens. Ich bezahlte die Reise und ich fühle mich schuldig, weil sie starben und weil ich dafür zahlte.

Tima Kurdi hatte damals einen Friseursalon in Kanada. Sie hat einen erwachsenen Sohn, Alan, ihr Bruder Abdullah benannte seinen Sohn nach ihm. Sie erzählt, wie sie zuvor versucht hatte, Einreisegenehmigungen für die Familien eines weiteren Bruders und Abdullahs zu bekommen, und scheiterte – an Kosten und an Regelungen. Sie schildert all das ausführlich, all ihre Wege, auch um sich selbst zu bestätigen, dass es wirklich keine Möglichkeit gab. „Faktisch“, sagt sie, „war es damals unmöglich für syrische Flüchtlinge, nach Kanada zu kommen.“

Das änderte sich erst nach Alans Tod. Da bot Präsident Erdogan ihm an, in die Türkei zu kommen, und Journalisten, so schildert es Abdullah Kurdi, hätten ihm berichtet, er könne auch nach Kanada oder Deutschland. Aber im September 2015, nach dem Tod seiner Familie, entscheidet sich Abdullah Kurdi anders. Er nimmt das Angebot von Masud Barsani an, des Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan, in den Nordirak zu kommen. „Weil es eine kurdische Region ist und weil es nah an den Gräbern ist, an Kobane“, sagt er.

Die kurdische Region zahlt ihm die Miete und seinen Lebensunterhalt, so erzählt er es. Die Kurden wollten auch einspringen, falls es nicht gelingt, die Stiftung, wie geplant, in Kanada registrieren zu lassen. Abdullah Kurdi ist dankbar dafür. Aber es wäre wohl ein Fehler, diese Hilfe als reine humanitäre Geste zu verstehen. Die Geschichte von Abdullah Kurdi und seiner toten Familie, das ist auch die Geschichte einer Ermächtigung. Sie handelt davon, wie sich andere an dieser Geschichte bedienen, wie sie sie benutzen, weil sie zu ihrer Sicht der Welt passt. Die Kurden im Irak sehen ihre Region als Keimzelle eines eigenen Staates, sie wollen Stärke und Eigenständigkeit beweisen, und da kommt ihnen Abdullah Kurdi gerade recht.

Tima Kurdi trägt ein Amulett mit einem Foto ihrer Neffen Alan and Ghalib.

„Abdullahs Tragödie ist die Tragödie aller Kurden“, zitiert der „Guardian“ 2015 einen kurdischen Offiziellen. „Für uns ist das Bild von Alan das Bild jedes kurdischen Kindes, das durch die Hand von Terroristen und feindlichen Regierungen starb.“

Dass das Bild vor allem die unfassbar traurige Geschichte eines toten Kindes erzählt und der Vater nicht nur ein jetzt weltbekannter leidender Kurde, sondern ein offenbar gebrochener Mann ist, das kommt in dieser Sicht nur am Rande vor.

Haben Sie psychologische Hilfe bekommen?
Tima Kurdi:  Ich habe so oft versucht, ihn dazu zu überreden, aber er hat immer abgelehnt. Ich möchte ihn fast zwingen, Hilfe anzunehmen. In Erbil gibt es diese Hilfe aber nicht. Seine Stimmung ändert sich jeden Tag. Und wenn er davon hört, wie immer wieder Menschen auf dem Mittelmeer ertrinken, dann bringt ihm dies den Schmerz umso stärker zurück.

Die deutsche Organisation Sea-Eye hat ihr Schiff „Alan Kurdi“ getauft...
Abdullah Kurdi:  Ich bin sehr froh darüber, dass dieser Geist mit dem Namen meines Kindes verbunden ist. Und ich kann nur an Italien und alle anderen Länder appellieren, die Häfen für die Schiffe zu öffnen.

Er würde, sagt er noch, am liebsten auf dem Schiff mitfahren und Menschen retten. Was ein bloßer Wunsch bleiben wird, wie seine Schwester sagt, weil er seit einer Operation am Herzen 2015 nicht mehr belastbar sei. Kurz nach diesem Gespräch wird dann die Nachricht kommen, dass die „Alan Kurdi“ mit 13 Menschen an Bord, darunter acht Minderjährigen, vergeblich auf Aufnahme in einen Hafen hofft. Dass die Stimmung an Bord zu kippen droht und einer der Minderjährigen aus Verzweiflung über Bord springen wollte.

927 Menschen sind in diesem Jahr bislang bei der Flucht über das Mittelmeer ertrunken.

„Denkt an die Menschen“, hatte Abdullah Kurdi in dem Gespräch zuletzt noch gesagt. Es ist der auf manchen vielleicht fast naiv wirkende Appell eines Mannes, mit dessen Name in den vergangenen vier Jahren eine Menge Politik gemacht wurde.

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