+
In Ohio treffen die demokratischen Kandidierenden für die Präsidentschaftswahl erneut aufeinander.

US-Demokraten

Die Denkmäler bröckeln

  • schließen

Joe Biden und Elizabeth Warren schwächeln im Kampf um die demokratische Präsidentenkandidatur in den USA.

Er stand in der Mitte der Bühne. Aber über weite Strecken war Joe Biden nicht im Zentrum der Debatte. Beim vierten Aufeinandertreffen der Bewerber um die demokratische Präsidentschaftskandidatur am Dienstagabend hatten sich die Gewichte verschoben. Nicht mehr der ehemalige Vizepräsident musste sich gegen die meisten Angriffe seiner Konkurrenten zur Wehr setzen, sondern Elizabeth Warren. Seit Wochen legt die 70-jährige Senatorin aus Massachusetts in den Umfragen zu, und anfangs schien es, als würde ihr auf der Bühne in Ohio schon der Favoritenstatus zugebilligt.

Doch drei Stunden später war das Rennen um die Kandidatur wieder offen. Zwar hatte sich die Vorkämpferin einer Vermögenssteuer wacker geschlagen, aber andere, von den professionellen Beobachtern schon abgeschriebene Bewerber kämpften sich zurück ins Feld. Und Senator Bernie Sanders, Warrens direkter Konkurrent um linke Stimmen von der Parteibasis, präsentierte sich nach einem gerade erst überstandenen Herzinfarkt witzig und schlagfertig wie selten zuvor. Er sei für die Legalisierung von Cannabis, sagte der 78-Jährige: „Aber ich habe heute nichts genommen.“

Zu den Themen Gesundheitspolitik, Steuerpolitik und Waffenrecht, die bislang in jeder Debatte angesprochen wurden, kamen mit Donald Trumps Ukraine-Affäre und dem Syrien-Krieg dieses Mal einige neue Themen hinzu. Warren, deren Markenzeichen ein ausgearbeiteter Plan für jedes Problem ist, hatte ihre stärksten Momente mit Kampfansagen an die Macht der Konzerne und Plädoyers gegen die dramatischen Einkommensunterschiede in den USA. Doch trotz mehrfachen Nachhakens blieb sie erneut eine Idee zur Gegenfinanzierung für ihr milliardenteures Vorhaben einer Bürgerversicherung („Medicare for all“) schuldig. Ihre Positionen zur Außenpolitik musste sie vom Blatt ablesen.

„Dieser verrückte Präsident weiß absolut nichts über Außenpolitik“, trumpfte hingegen Joe Biden, der in den Umfragen allenfalls noch knapp vor Warren rangiert, bei dem Thema auf und spielte seinen Amtsbonus aus. Niemals hätte er US-Truppen so überstürzt abgezogen wie Trump aus Syrien, sagte der 76-Jährige: „Das ist eine Schande.“ Offensiver als in den früheren Runden kritisierte er auch Warrens Umverteilungspolitik, die nach seiner Meinung einen Wahlsieg der Demokraten gefährdet. Doch an anderen Stellen wirkte Biden erneut leicht konfus und aus der Zeit gefallen. Er verhaspelte sich mehrfach, vertauschte Irak und Afghanistan, lobte Warren einmal gönnerhaft für ihre Arbeit („einen guten Job gemacht“) und behauptete schließlich donnernd: „Ich bin der Einzige hier auf der Bühne, der wirklich etwas Großes geschafft hat.“

Ob das die zuletzt sehr zurückhaltenden Geldgeber des Noch-Favoriten überzeugt, muss sich zeigen. Im vergangenen Quartal hatte Biden nur 15,2 Millionen Dollar an Spenden einsammeln können. Sanders und Warren kassierten jeweils rund zehn Millionen mehr. Selbst Pete Buttigieg, der 37-jährige Bürgermeister von South Bend, Indiana, übertraf den alten Haudegen um rund vier Millionen.

Mit Umfragewerten jeweils unter fünf Prozent waren Buttigieg ebenso wie Amy Klobuchar, der Senatorin von Minnesota, zuletzt nur noch wenig Chancen eingeräumt worden. Doch beide Politiker aus dem Mittleren Westen erlebten nun ein starkes Comeback. „Ich schätze Elizabeth Warren“, kritisierte Klobuchar die Pläne für eine radikale Gesundheitsreform, für die rund 150 Millionen Amerikaner ihre private Versicherung aufgeben müssten: „Aber ein Plan unterscheidet sich von einem Wunschtraum dadurch, dass er wirklich umgesetzt wird.“

Buttigieg, ein Afghanistan-Veteran, geißelte am entschiedensten den Syrien-Rückzug wie auch generell Trumps Isolationismus. Als sich Warren einmal mehr um eine Aussage zur Finanzierung ihrer Pläne drückte, fasste der Bürgermeister hart nach: „Eine Ja- oder Nein-Frage wird nicht mit Ja oder Nein beantwortet.“ Doch dass mit Buttigieg und Klobuchar zwei Pragmatiker aus der zweiten Reihe auftrumpfen konnten, spricht weniger für die Schwäche der linken Senatorin. Es illustriert eher das wachsende Vakuum, das der enttäuschende Joe Biden in der politischen Mitte hinterlässt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion