Sprache und Geschlecht

Ein Denkfehler

Schafft gendergerechte Sprache mehr Gerechtigkeit? Unser Contra

Kann man gegen das Gendern sein? Ich bin es. Das heißt, ich wurde vor einiger Zeit vom Dudenverlag gebeten, in der andauernden Diskussion um Gendersternchen, Unterstriche & Co. die „Contra“-Position zu vertreten, also eine schlüssige Haltung zu entwickeln, aus der heraus sich argumentieren lässt, dass die Vorstellung einer „gendergerechten Sprache“ Unsinn ist. Ich habe diese Haltung in einem sprachphilosophischen Argument gefunden, das ich für valide halte. Was gleichzeitig nicht bedeutet, dass ich mich jeder Form des „Genderns“ kategorisch verwehren würde – als Symptom eines Kulturwandels funktioniert das von den Sprachaktivisten geforderte „Mitdenken“ anderer Geschlechter im Schriftbild ganz gut, wie ich finde. Aber der Reihe nach. Was wollen die Aktivisten, wenn sie sagen „Wir müssen unsere Sprache derart ändern, dass alle in ihr vorkommen“? Und wo liegt der Denkfehler?

Zunächst einmal scheint mir, dass dieser Forderung ein sehr vereinfachtes Verständnis von Repräsentation zugrunde liegt. Denn Sprache, das hat uns die Lacan’sche Psychoanalyse und haben uns mehrere Jahrzehnte poststrukturalistischer Philosophie gelehrt, ist eben nie etwas, das eins zu eins repräsentiert. Der Zusammenfall von Zeichen und Bezeichnetem würde einen Zustand der Unmöglichkeit, einen des Wahnsinns markieren. Er ist undenkbar.

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Insofern fördert die Ansicht, dass man (geschlechtliche) Identität einfach in die Sprache „einschreiben“ könne, damit dann alle „mitgedacht“ würden, ein grob funktionalistisches und letztlich falsches Verständnis von Sprache. Grammatik ist aber nun gerade kein Instrument, um Identität (sei es individuelle, sei es gruppenbezogene) zu repräsentieren. Ich würde im Gegenteil die (vermutlich etwas radikale) These vertreten, dass sie eher ein Instrument der Beschneidung darstellt. Es gehört zu den existenziellen Grundgegebenheiten unseres menschlichen Daseins, dass wir nie alles ausdrücken können. Auch im generischen Maskulinum kommt nicht „der Mann“ oder „die männliche Perspektive“ oder „der Mann als Allgemeines“ zum Ausdruck. Wir alle werden von der Sprache gleichermaßen diskriminiert. Sie meint nicht uns.

Wenn man nun fordert, Sprache müsse gerechter werden, überträgt man eine normative Idee, ein gesellschaftliches Ideal auf die Sphäre des Symbolischen. Die Idee von gesellschaftlicher Gerechtigkeit, die in der Forderung, alle Geschlechter müssten in der Sprache vorkommen, zum Ausdruck kommt, ist eine schöne, aber sie wird nicht von allen geteilt. Es gibt keine Pflicht zur politisch korrekten Ansicht, jeder müsse möglichst überall repräsentiert sein. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich glaube keinesfalls, dass der Feminismus sein Ziel schon erreicht hat, und selbstverständlich ist es wichtig, dass sich die gesellschaftlichen, gesetzlichen und formalen Bedingungen für Menschen, die sich nicht als weiblich oder männlich definieren, verbessern.

Ich glaube nur ebenfalls an das unbedingte Recht, im sprachlichen Alltagsgebrauch weitgehend von ideologischen Zumutungen verschont zu bleiben. In diesem Sinne ist mein freiheitlich-demokratisches Fühlen auch auf der Seite jener, die das „Gendern“ als eine solche Zumutung empfinden. Sei es, weil sie nicht daran glauben, dass Sprache auf die von den Aktivisten behauptete einfache Weise Realität „erschafft“, sei es, weil sie – auch das ist nicht verboten – mit dem ganzen queerfeministischen Anliegen nichts anfangen können.

Die Sprache im Sinne einer höheren Gerechtigkeit an den Menschen vorbei „umzuformen“, damit ihr Denken „besser“, also „gerechter“, also „partizipativer“ wird, halte ich vom ganzen Ansatz her für pädagogisch und gefährlich, auch wenn ich mich selbst durchaus als Feministin bezeichnen würde.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat die Entscheidung über das gendergerechte Sprechen gerade wieder einmal vertagt, und ich halte diese auf das natürliche Sprachgefühl, auf die natürliche Sprachentwicklung vertrauende Haltung für wesentlich produktiver als den kühnen Vorstoß der Stadt Hannover. Ich glaube, es würde uns gesamtgesellschaftlich besser tun, wenn wir uns verabschieden von den ständigen, zermürbenden Kämpfen um das „Korrekte“, das „nicht Verletzende“, das „Angemessene“. Ich glaube, dass sich die Frage darum, ob es nun gut ist zu gendern oder nicht, nie durch linguistisches Argumentieren ganz auflösen lässt – im Endeffekt ist es eine Frage des persönlichen Weltbilds. Es hat etwas damit zu tun, ob man glaubt, dass Sprache eine Art „Instrument“ sei, das man sorgsam hüten und zwanghaft bewachen muss, oder ob man, wie ich das tue, der Ansicht zuneigt, dass es sich bei der Sprache um etwas gleichzeitig wildwüchsig Archaisches und ultimativ Begrenzendes handelt, das nicht dazu da ist, uns „gut“ oder „gerecht“ zu behandeln.

Die Sprache ist kein Instrument zur Verbesserung unseres Denkens. Wir können darauf achten, dass sie nicht verroht, dass wir nicht beleidigen. Aber in sie eine Idee von Gerechtigkeit einzuschreiben, die vermeintlich dem entspricht, wie wir uns die Welt wünschen, halte ich für grundfalsch.

Von Hannah Lühmann

ZUR PERSON

Hannah Lühmann ist stellvertretende Ressortleiterin im Kulturteil von „Welt“ und „Welt am Sonntag“. Sie schreibt über Literatur, Philosophisches und auch über „Geschlechterthemen“. Im Debattenband „Gendern?!: Gleichberechtigung in der Sprache – ein Für und ein Wider“ (Dudenverlag, 2018) streitet sie sich mit Anne Wizorek über das Thema „geschlechtergerechte Sprache“.

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