Sprache und Geschlecht

Ein Denkfehler

1 von 1

Schafft gendergerechte Sprache mehr Gerechtigkeit? Unser Contra.

Von Hannah Lühmann

Seit vierzig Jahren diskutieren wir in Deutschland über geschlechtergerechte Sprache, und die Argumente sind im Wesentlichen die gleichen geblieben. Ausgehend von den Arbeiten der Linguistinnen Senta Trömel-Plötz und Luise Pusch fordert die eine Seite die Abschaffung des „generischen“ Maskulinums – der Tradition, männliche Personenbezeichnungen wie „Kunde“ zu verwenden und weibliche Kundinnen „mitzumeinen“. Die andere Seite behauptet, mit dieser Forderung würden Genus (das grammatische Geschlecht eines Wortes) und Sexus (das tatsächliche Geschlecht der bezeichneten Person) verwechselt: Ein Wort wie „Kunde“ sei zwar grammatisch maskulin, aber in seiner Bedeutung geschlechtsneutral. Sogar der Bundesgerichtshof schloss sich im vergangenen Jahr dieser Behauptung an und sprach einer Sparkassenkundin das Recht ab, als solche angesprochen zu werden.

Aber Bedeutung entsteht in unseren Köpfen, nicht in Richtersprüchen, und die Frage, ob maskuline Personenbezeichnungen in ihrer Bedeutung geschlechtsneutral sind, wird nicht im Gerichtsaal entschieden, sondern im Labor. Psychologinnen (und ein paar Psychologen) untersuchen seit zwanzig Jahren, wie maskuline Personenbezeichnungen interpretiert werden, und die Forschungslage ist inzwischen eindeutig.

Sie zeigt, dass wir diese Wörter auf Männer beziehen und Frauen erst dann mitdenken, wenn der Kontext uns dazu zwingt. Fragt man Versuchspersonen nach ihrem liebsten „Romanhelden“ oder „Musiker“, nennen sie fast ausschließlich Männer. Legt man ihnen einen im Maskulinum formulierten Text vor, beziehen sie ihn vorzugsweise auf Männer. Führt man eine Gruppe von Menschen im Maskulinum ein und bezieht sich im Folgenden auf „die Frauen“, dauert der Leseprozess länger als bei einem Bezug auf „die Männer“ – und zwar unabhängig davon, ob die Gruppe einen stereotyp männlichen Beruf hat (z. B. „Ingenieure“) oder einen stereotyp weiblichen (z. B. „Kosmetiker“).

Ein „generisches“ Maskulinum gibt es nicht: Bei Personenbezeichnungen korrelieren Genus und Sexus. Diese Tatsache muss Ausgangspunkt einer rationalen Diskussion um geschlechtergerechte Sprache sein. Wer sich gegen das Gendern von Texten wehrt, ignoriert, dass auch das „generische“ Maskulinum gendert – allerdings nur auf ein Gender hin: Männer. Und das hat ganz konkrete Auswirkungen auf die gesellschaftliche Rolle von Frauen: Die Psychologin Bettina Hannover hat gezeigt, dass Mädchen sich Berufe weniger zutrauen, wenn sie im Maskulinum präsentiert werden.

So bequem es also wäre, das „generische“ Maskulinum einfach weiter zu verwenden, so umständlich, ungewohnt oder unästhetisch uns Formulierungen wie „Kundin oder Kunde“ (Beidnennung), „Kund/in“ (Sparschreibung mit Schrägstrich), „KundIn“ (Binnen-I) oder „Kund*in“ (Gendersternchen) erscheinen – wenn wir es ernst meinen mit der Gleichberechtigung der Geschlechter, müssen wir auch ernsthaft über Alternativen zum Maskulinum nachdenken.

Allerdings sollten wir das Ergebnis dieses Nachdenkens nicht durch Verwaltungsvorschriften vorwegnehmen, wie kürzlich die Stadt Hannover mit ihrer Entscheidung für das Gendersternchen. Die Forschungslage zur Interpretation dieser Alternativen ist eher lückenhaft und es kann sein, dass wir die optimale Lösung noch nicht gefunden haben.

Es ist belegt, dass die Beidnennung (und wohl auch der Schrägstrich) zu einer ausgewogeneren gedanklichen Einbeziehung von Frauen und Männern führt. Das Binnen-I kann sogar zu einer leichten gedanklichen Bevorzugung von Frauen führen, wobei noch unklar ist, inwieweit dieser Effekt von einer Vertrautheit mit dem Binnen-I und einer positiven Einstellung zu geschlechtergerechter Sprache zusammenhängt. Beidnennung, Schrägstrichformen und Binnen-I wären aber grundsätzlich empirisch abgesicherte Gegenmittel zum „generischen“ Maskulinum. Sie sind aber in den vergangenen Jahren von gleich zwei Seiten unter Druck geraten: Während sie für die einen neumodisches Gender-Gaga darstellen, stellen sie für andere eine reaktionäre Reduktion von Geschlechteridentitäten auf die binäre Unterscheidung Mann/Frau dar. Es gibt verschiedene Vorschläge, diese Binarität aufzubrechen – der bekannteste ist das in deutschen Amtsstuben immer beliebtere Gendersternchen.

Forschung zur tatsächlichen Interpretation des Gendersternchens gibt es bisher aber nicht. Man darf bezweifeln, dass es ohne weiteres zu einem stärkeren Mitdenken von Geschlechtsidentitäten jenseits von Mann und Frau führt, denn die Vorstellungen bezüglich solcher Identitäten sind weiten Teilen der Sprachgemeinschaft unbekannt. Es ist deshalb eher anzunehmen, dass das Gendersternchen analog zum Schrägstrich zwar ausgewogen, aber eben binär männlich-weibliche interpretiert wird.

Trotzdem sind sowohl Gerichtsverfahren um die Anrede „Kundin“ als auch die behördliche Verwendung der Anrede „Kund*in“ zu begrüßen. Sie stellen nicht den Endpunkt auf der Suche nach einer geschlechtergerechten Sprache dar, aber sie dienen als Anstoß, uns als Sprachgemeinschaft überhaupt auf die Suche zu begeben.

ZUR PERSON

Hannah Lühmann ist stellvertretende Ressortleiterin im Kulturteil von „Welt“ und „Welt am Sonntag“. Sie schreibt über Literatur, Philosophisches und auch über „Geschlechterthemen“. Im Debattenband „Gendern?!: Gleichberechtigung in der Sprache – ein Für und ein Wider“ (Dudenverlag, 2018) streitet sie sich mit Anne Wizorek über das Thema „geschlechtergerechte Sprache“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion