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#FreeDeniz von Berlin bis Flörsheim: Mahnwache für Deniz Yücel in seinem hessischen Geburtsort.

Fall Yücel

"Deniz fehlt natürlich"

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Die "taz"-Journalistin Doris Akrap spricht im Interview über die #FreeDeniz-Kampagne für ihren Freund und Kollegen, der in der Türkei im Gefängnis sitzt.

Frau Akrap, in seinem heute erscheinenden Buch „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“ zitiert Deniz Yücel an einer Stelle Nazim Hikmet: „Es geht nicht darum, gefangen zu sein / sondern darum, sich nicht zu ergeben.“ Seit genau einem Jahr nun, ist Deniz gefangen. Gibt es Anzeichen, dass er sich in sein Schicksal ergibt?
Das kann ich so nicht beantworten. Ich kann nicht in seinem Namen sprechen, denn ich kann ihn ja nicht fragen, wie es ihm geht oder wie er jetzt zu dem steht, was er vor Monaten geschrieben hat. Aber ich denke, er steht nach wie vor dazu.

Da sprechen Sie das Hauptproblem aller Aktivitäten der Free-Deniz-Kampagne und auch der Entstehung dieses Buches an: Die Kommunikation mit Yücel. Wie läuft diese im Moment?
Es ist eine sehr, sehr umständliche Art der Kommunikation. Nach wie vor sind die Einzigen, die ihn besuchen und direkt mit ihm sprechen können, seine Anwälte, seine Ehefrau und seine Familie. Das war’s. Und allein der Weg von Istanbul bis zur Haftanstalt Silivri dauert zweieinhalb Stunden. Für das Buch hieß das: Ich habe den Anwälten meine Vorschläge per Mail geschickt, das haben sie dann Deniz gezeigt und er hat dann darauf geantwortet. Wie gesagt: Ein langwieriger Prozess – trotzdem aber auch witzig. Ich habe mich kurz gefasst. Er eher nicht.

Trotz aller Hürden hat er Ihnen, wie sie im Vorwort zu dem Buch berichten, umfangreiche Anmerkungen zukommen lassen. Er ist schon ein ziemlicher Besserwisser, oder?
Besserwisser würde ich nicht sagen. Er ist eher ein Pedant. Es war ihm einfach sehr wichtig, was mit den Texten passiert. Sowohl in inhaltlicher als auch in formaler Hinsicht. Er ist eben ein guter Autor und ein guter Journalist.

Im letzten Sommer beklagte sich der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan in einem Interview der „Zeit“: „Sie gehen schlafen, sie wachen auf und sagen: Deniz.“ Haben Sie den Eindruck, dass das Interesse an Yücels Schicksal allmählich nachlässt?
Nein, sonst würden wir ja nicht miteinander sprechen. Ich finde das toll. Zumal man sagen muss: Es gibt eigentlich seit fast einem Jahr keine wirkliche Nachricht. Deniz sitzt nach wie vor in Einzelhaft, es gibt weiterhin keine Anklageschrift. Es hat sich nichts bewegt, wenn man davon absieht, dass Deniz über seine Anwälte Beschwerde beim türkischen Verfassungsgericht und beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingelegt hat. Das waren hier große Nachrichten. Im Normalfall wären sie das nicht. Häftling legt Beschwerde ein, na und?

Es gibt anderseits auch die Kritik, dass der Fall Yücel soviel Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass darüber die vielen anderen in der Türkei inhaftierten Journalisten, Wissenschaftler und Politiker ins Hintertreffen geraten…
Den Schuh ziehe ich mir nicht an. Der Freundeskreis #FreeDeniz ist nunmal der Freundeskreis von Deniz. Dennoch haben wir von Anfang an darauf verwiesen, dass er kein Einzelfall ist. Und es verbietet ja niemand irgendwem, eine Kampagne für andere Inhaftierte zu machen.

Im Fall der Journalistin Mesale Tolu scheint der öffentliche Druck ja tatsächlich zur Freilassung beigetragen zu haben.
Ob es wirklich der Druck war, kann ich nicht sagen. Aber der Fall zeigt ja, dass sich auch die Medien nicht nur auf Deniz konzentriert haben. In ihrem Fall hat es etwas länger gedauert, weil sie zuvor als Journalistin in Deutschland nicht so bekannt war wie Deniz. Genau so im Fall des Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner. Der Unterschied ist: Deniz sitzt immer noch im Gefängnis.

Ab wann war für Sie klar, dass sie etwas unternehmen, dass Sie eine Kampagne starten müssen?
Dass wir eine Kampagne starten wollen, war ja nie das erklärte Ziel. Sie hat sich entwickelt, weil Deniz immer weiter in Haft blieb. An dem Tag, als wir erfahren haben, dass er festgenommen worden ist, haben wir uns getroffen und überlegt, was wir machen sollen. Wir wollten irgendwie öffentlich Stellung beziehen. Aber was macht man? Eine Latschdemo? Das wäre einfach nicht Deniz’ Stil. Irgendjemand hat gesagt: Der würde Autokorso fahren, wie immer. Wir haben lange gelacht. Und irgendwann haben wir gesagt. Das ist so gut, das machen wir einfach.

Deniz Yücel hat erklärt, dass es ihm darum geht, einen fairen Prozess zu bekommen. Auf irgendwelche Deals will er sich nicht einlassen. Schade, Deals mit der Türkei waren in den letzten Jahren schließlich die Spezialität der Bundesregierung.
Dazu kann ich nichts sagen. Ich habe von Anfang an keinen Einblick gehabt in das, was über diplomatische Kanäle verhandelt wird. Wäre ja auch schlechte Diplomatie, wenn es anders wäre. Ich hoffe, dass sie nach wie vor, trotz der diffusen Situation in Sachen Regierungsbildung, ihren Job machen.

Was wäre aus Ihrer Sicht der wichtigste Schritt in Sachen Deniz Yücel, der jetzt folgen sollte?
Das wäre, dass endlich eine Anklageschrift veröffentlicht wird. Wenn man jemanden schon seit einem Jahr nicht freilassen will, sollte man das doch wenigstens begründen können. Bislang werden von der türkischen Regierung immer nur die Texte von Deniz genannt, die alle nachlesbar sind. Und aus keinem dieser Texte kann man auch nur ansatzweise so etwas herauslesen wie Terrorpropaganda. Die Justiz scheint nichts weiter zu haben. Wie auch? Es gibt ja nichts.

Inzwischen hat die Türkei in Syrien eine neue Front im Krieg gegen die Kurden aufgemacht. Wie schwer fällt es Deniz Yücel, dass er darüber nicht schreiben kann?
Er hat ja mal aus der Haft heraus einen Text mit dem Titel „Türkei-Korrespondent müsste man jetzt sein“ veröffentlicht. Der ist auch im Buch abgedruckt. Ob er jetzt über Afrin schreiben würde oder vielleicht doch über ganz andere Dinge, kann ich nicht sagen. Aber er fehlt natürlich. Es fehlen seine Berichte.

Interview: Danijel Majic

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