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„Ich glaube nicht, dass man solche Werte verinnerlichen kann, so wie ein Fisch den Haken „verinnerlicht“. Man kann sie nur lernen.“

Demokratie oder Puszta-Salat

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Das Grundgesetz ist kein Zauberstab, der das harte Leben glättet und eine gespaltene Gesellschaft in eine paradiesische Solidargemeinschaft verwandelt.

Ein schicksalsträchtiges deutsches Jahr muss immer eine 9 am Ende haben. Das hat Vorteile, wichtige historische Daten können damit leichter gelernt werden. Der Nachteil ist, alle Jubiläen werden fast zeitgleich gefeiert.

So wurde das Land in diesem Jahr mit Jubiläen buchstäblich überschüttet: 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt, 100 Jahre Volkshochschulen, 80 Jahre seit Beginn des Zweiten Weltkrieges, 30 Jahre Mauerfall, 20 Jahre Russendisko. Da fallen 70 Jahre Grundgesetz nicht weiter auf. Jeder kennt es, jeder hatte es schon mal in der Schule gelesen, die Würde des Menschen ist unantastbar, die Gleichheit vor dem Gesetz muss gewährleistet werden, ebenso die freie Meinungsäußerung und das Recht auf Arbeit.

Dabei ist jedem klar, die Würde eines Menschen entsteht nicht durch das laute Vorlesen des Grundgesetzes, sie muss jeden Tag aufs Neue von ihrem „Würdeträger“ trainiert und manchmal sogar richtig erkämpft werden. Auch die freie Meinung wird mit dem Grundgesetz nicht mitgeliefert. Um eine Meinung zu haben, muss man nachdenken, man kann sie sich nicht bei den Trollen im Internet oder bei den Nachrichtensprechern im Fernsehen ausleihen. Und das Recht auf Arbeit schließt eine zermürbende Arbeitssuche leider nicht aus.

Schriftsteller Wladimir Kaminer.

Das Grundgesetz ist also kein Zauberstab, der das harte Leben glättet und eine gespaltene Gesellschaft in eine paradiesische Solidargemeinschaft verwandelt. Das Grundgesetz gibt bloß unserer Lust auf ein freies und würdevolles Leben einen Rückhalt, eine Berechtigung, weiter nichts.

Wladimir Kaminer, 1967 in Moskau geboren, ist nach eigener Auskunft „privat ein Russe, beruflich ein deutscher Schriftsteller“. Zur Zeit tourt er mit dem Buch „Die Kreuzfahrer“ und liest unter anderem am 9. Mai in Groß-Umstadt.

Ich kenne Länder, die ein noch fortschrittlicheres Grundgesetze als Deutschland haben. Meine Heimat zum Beispiel. Damals in den Neunzigern haben die reformwütigen Zeitgenossen in Russland das Beste und Freieste aus den Grundgesetzen der demokratischen Länder in Amerika und Europa abgeschrieben.

Nun ist es aber so, dass in Russland die Strenge und die Freizügigkeit der Gesetze durch die Nichtbefolgung eben dieser Gesetze kompensiert wird. Die Würde des Menschen ist dort so lange nicht antastbar, wie die Sicherheits- und Geheimdienste des Landes kein Interesse an seiner Person und seiner Geldbörse haben.

Die Gleichheit vor dem Gericht ist in Russland ein berühmter Putin-Witz geworden, einer, den er gerne wiederholt. „Wem etwas in unserem Land nicht gefällt, der kann ja immer noch zum Gericht gehen und Staub schlucken“, sagt dieser witzigste Präsident, den jemals ein Land hatte.

Und natürlich haben die Russen das Grundrecht, sich ohne Waffen auf öffentlichen Plätzen zu versammeln und zu demonstrieren, sie müssen es zwar vorher ankündigen, brauchen jedoch dafür keine Genehmigung des Staates. Sie werden allerdings nicht lange stehen bleiben, wo sie sich versammeln. In der Regel werden sie ganz schnell abgeholt, je nachdem, was sie für Plakate hochhalten. Der Mann mit dem Schild „Achten Sie auf Ihre eigene Verfassung“ hat es vor dem Kreml auf dem Roten Platz nicht einmal fünf Minuten geschafft. Und trotzdem gehen die Menschen in Russland auf die Straße, mit dem Grundgesetz bewaffnet.

In den deutschen Volkshochschulen, wo die Flüchtlinge gerade die deutsche Sprache lernen, wird das Grundgesetz wie eine Fibel benutzt, wie ein Lehrbuch für die neue Welt und die neue Sprache. So schreiben die Neuankömmlinge kurze Aufsätze über die deutsche Verfassung, sie dürfen sich einen Artikel auswählen und ihre Meinung dazu frei äußern: ob in dem Artikel zu viel oder zu wenig verlangt wird. Das Grundgesetz ist das Lehrbuch der Demokratie.

Einmal sagte ein Bundespräsident, jeder Mensch in einem demokratischen Deutschland würde die liberalen Werte des Grundgesetzes automatisch „verinnerlichen“. Ich glaube nicht, dass man solche Werte verinnerlichen kann, so wie ein Fisch den Haken „verinnerlicht“. Man kann sie nur lernen.

Demokratie ist kein Fertigprodukt, kein Puszta-Salat aus Werten und Vorstellungen, die jeder Bürger zu sich nehmen soll. Ich halte nichts von dieser Darstellung. Ich glaube, die Demokratie ist ein ständiges Lernen und Basteln, ein Prozess in dem die Formen unseres Zusammenlebens immer wieder aufs Neue besprochen und bestimmt werden, ein Prozess der ständigen demokratischen Erneuerung der Gesellschaft. Das Grundgesetz, die Grundlage dafür, soll stabil bleiben und darf nicht geändert werden, wir werden uns aber ändern müssen und unser Staat sowieso. Denn nur flexible Staaten, die sich den neuen Anforderungen anpassen, haben langfristig eine Überlebenschance. Wie die Ärzte sagen, wir müssen in Bewegung bleiben.

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