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Homosexualität in Kasachstan

Dem Hass ausgeliefert

  • vonOthmara Glas
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Die LGBT-Community in Kasachstan erhält keinerlei Schutz – wer sich outet, lebt gefährlich.

Von der eigenen Familie beleidigt, eingeschüchtert und geschlagen: Für Beksat Mukaschew begann mit seinem Coming-Out ein Alptraum. Mehrmals hat der junge Mann versucht, aus seiner Heimatstadt Uralsk im Westen Kasachstans zu fliehen. Doch dann kam Corona.

Die Grenzen wurden geschlossen, Mukaschew saß fest. Sein Freund Arman Chassanow war da schon im Ausland, und wartete auf ihn. Drei Monate lang hatten die beiden regelmäßig Kontakt. Dann fanden Mitte Juni Mukaschews Eltern ihren Sohn. Seitdem hat Chassanow nichts mehr von ihm gehört. In den sozialen Netzwerken veröffentlichte er eine verzweifelte Videobotschaft. „Beksats Eltern akzeptieren nicht, dass er schwul ist. Sie halten ihn bis jetzt gewaltsam fest, erlauben uns keinen Kontakt“, beklagt er. Schon mehrmals hätten sie versucht, Mukaschew von seiner Homosexualität zu heilen.

In Kasachstan ist es keine Seltenheit, dass sich Familien für einen schwulen Verwandten schämen. Wer offen zugibt, dass er homosexuell ist, lebt gefährlich. Anfeindungen, Diskriminierung und Gewalt prägen den Alltag vieler Homosexueller, Queer- und Transgender-Personen. Staatliche Institutionen bieten kaum Schutz. Das US-Außenministerium veröffentlichte im vergangenen Jahr einen Bericht, wonach 48 Prozent der Mitglieder der LGBT-Community bereits Erfahrungen mit Hasskommentaren und Gewalt gemacht haben.

Hirn-OP soll helfen

Die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen, ist sich Amir Schaikeschanow sicher. „Natürlich wird die Zahl viel höher sein, als in jedem Bericht angegeben“, sagt der LGBT-Aktivist aus Kasachstans größter Stadt Almaty. „Viele Menschen sind nicht bereit darüber zu reden.“ Schaikeschanow ist Mitbegründer des Mediums „Kok.Team“, das regelmäßig für und über LGBT-Personen berichtet. Immer wieder erhält die Redaktion Hinweise auf Hassverbrechen. Wenn LGBT-Personen Opfer von Gewalt werden, bliebe die Polizei oft untätig. So sei es auch bei Mukaschew und Chassanow gewesen.

In einem Interview mit „Kok.Team“ schilderten die beiden im Februar dieses Jahres ihre schwierige Lage. Sie erzählten, wie Mukaschews Eltern eine Ehe für ihren Sohn arrangierten, wie er sich dazu entschied, sich zu outen, wie sein Vater ihn dafür krankenhausreif prügelte. Es folgten einige Fluchtversuche. Doch der Vater, ein einflussreicher Unternehmer und Lokalpolitiker in Uralsk, fand ihn jedes Mal und ließ ihn zurück in die Großstadt nahe der russischen Grenze bringen. Als Ärzte bei dem heute 29-jährigen Mukaschew eine Flüssigkeitsansammlung im Gehirn feststellten, war für die Eltern klar: Das ist der Grund für seine Homosexualität. In der Hauptstadt Nur-Sultan fanden sie Anfang des Jahres einen Chirurgen, der einwilligt den jungen Mann am Gehirn zu operieren.

Der Aktivist Schaikeschanow stellt klar: Dass Homosexualität per Operation geheilt werden soll, sei ein Einzelfall. Denn im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten ist Kasachstan sogar relativ weit, was LGBT-Rechte angeht. Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 wurde Homosexualität entkriminalisiert. Seit 2003 ist es erlaubt, das Geschlecht im Ausweis zu ändern. Vor fünf Jahren kippte der Oberste Gerichtshof Kasachstans ein geplantes Gesetz zum Verbot „homosexueller Propaganda“, ähnlich dem in Russland.

Der Kampf geht weiter

Einen rechtlichen Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung oder Identität gibt es allerdings nicht. Und auch die öffentliche Meinung ist deutlich: 2017 befragte ein kasachisches Meinungsforschungsinstitut 1000 Menschen zu ihrer Einstellung gegenüber Schwulen und Lesben. 75 Prozent sprachen sich dafür aus, sie von der Gesellschaft zu isolieren, zu heilen, des Landes zu verweisen oder ihnen psychologische Hilfe anzubieten. Gerade einmal ein Prozent befürwortete die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe.

In dem muslimischen Land ist Sexualität ein Thema, über das man lieber schweigt. Wer sich öffentlich äußert, erhält Hasskommentare und Morddrohungen. „Für das Innenministerium fällt Hate Speech unter freie Meinungsäußerung“, kritisiert Schaikeschanow. Als kürzlich ein bekannter kasachischer Kampfsportler schrieb, LGBT-Personen seien schlimmer als Hunde, hagelte es international Kritik. In Kasachstan widersprach ihm kaum jemand.

Dennoch outen sich immer mehr LGBT-Personen. Im ganzen Land gibt es mittlerweile Gruppen, die aktiv für ihre Rechte kämpfen. Sie eröffnen Clubs, versuchen aufzuklären, halten Kundgebungen ab. Auch Arman Chassanow wird weiterkämpfen: für die Freiheit seines Partners. „Ich werde nicht die Hände in den Schoß legen“, sagt er und hofft, dass es seiner Anwältin gelingen wird, endlich die Behörden zum Handeln zu bringen.

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