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Einfältig und immer am schnattern? Von wegen. Gänse haben eine hohe soziale Intelligenz. Und mit ihrem Geschnatter warnen sie Artgenossen vor Gefahr ? richtig kompetent eben. Es gibt viele Beleidigungen für Frauen, über die wir einfach nur lachen können. Andere dagegen offenbaren tiefsitzenden Frauenhass. Auf den folgenden Seiten schauen wir genauer hin.

Schlampen

Deine Mudda ist eine Frau

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Was den Inuit der Schnee, ist den Deutschen das Luder.

In den Achtzigerjahren, als ich Kind war, kursierten in meinem Dorf allerlei frauenfeindliche Beleidigungen. Das war halt so, das nahm man so hin: „Flittchen“, „Mannsweib“ oder gar „Standgebläse“, wie eine zierliche Klassenkameradin schon in der Grundschule genannt wurde. Es gab auch eine „Emanze“. Das war spannend. Ich kannte sie nicht persönlich, sah sie nur von Weitem. Immer umgab sie eine Aura des Geheimnisvollen, selbst wenn sie beim Krämerladen ein paar Eier kaufen ging. Mit Schaudern betrachtete ich ihr unkrautüberwuchertes Haus. Was tat sie da drin? Vor sich hin brummeln? Ihre meterlangen Beinhaare kraulen? Zaubertränke brauen? Drei Straßen weiter gab es auch eine „Karrierefrau“. Sie fuhr ins Büro im Hosenanzug und hatte sogar ein Kind. Ein armes „Schlüsselkind“, das allein nach Hause gehen musste. Nie bastelte die alte Egoistin was für den evangelischen Weihnachtsbasar, sehr zum Ärger des Pfarrers.

Frauen abwertende Begriffe kursieren natürlich noch heute. Lieblingszielscheibe: Die Mutter. Von „Motherfucker“ bis zu abertausenden Deine-Mutter-Witzen, die sich semantisch meist darum drehen, dass „Mudda“ dick oder dumm ist. Selbst die wenigen Dein-Vater-Witze haben als Zielscheibe letztlich auch meist wieder die Mutter: „Dein Vater geht in den Puff, um dort deine Mutter zu besuchen!“ Schimpfwort-Experten könnten jetzt argumentieren, dass die Mutter eben noch immer als das Unantastbare, Heilige gilt und fiese Mutterwitze dadurch die größte Schlagkraft haben, aber ich glaube, sie offenbaren einfach nur die Lust an Frauenfeindlichkeit. Auch das weibliche Geschlechtsorgan wird gern gebraucht, um eine Person zu beleidigen. Niemand ruft: „Verpiss dich, du Pimmel!“, außer manchmal ich, aber wirklich nur zwecks ausgleichender Gerechtigkeit, Spaß macht mir das nicht.

Frauen abwertende Sprache zeigt: Irgendwie ist die Frau nie so, wie sie sein soll, nie ist sie ganz „richtig“. Mal ist sie beruflich zu ambitioniert (Rabenmutter), wann wieder zu wenig (Glucke), zu männlich (Mannsweib), zu weiblich (Tussi), zu defensiv (Mauerblümchen), zu offensiv (Kratzbürste), vor allem zu offensiv in sexuellen Dingen, diese Schlampe, diese Bitch, Bumsnudel, Luder ... so wie die Inuit 100 Wörter für Schnee kennen, gibt’s im Deutschen um die 180 Schimpfwörter für sexuell aufgeschlossene Frauen. Und dann gibt es noch all jene Begriffe, die eigentlich überhaupt nichts bedeuten und rein durch Sinnfreiheit bestricken: Tusnelda, Trulla, Tuse, Spinatwachtel ... Apropos Wachtel: Beschimpfungen mit Tierbezug gibt es für beide Geschlechter. Doch aufgepasst: Bezogen auf Frauen handelt es sich vornehmlich um kleine, zahme Haus- und Hoftiere, am liebsten Geflügel: Schnepfe, dummes Huhn, Pute .... ab und an ist auch ein gutmütiger Paarhufer darunter wie die Zimtziege oder die blöde Kuh. Beleidigungen von Männern hingegen beziehen sich gern auf Säugetiere größeren Kalibers und machen auch vor Primaten nicht halt: Hornochse, Salonlöwe, Bürohengst, Affe oder aufgeblasener Gorilla.

Dass ich mit unserer Dorfemanze (fast hätte ich Dorfmatratze getippt) nie gesprochen habe, stimmt übrigens nicht ganz: Einmal, ich war so 11, 12 Jahre alt, haben wir uns doch unterhalten, in der Warteschlange vorm Krämerladen. Irgendwann platzte es aus mir heraus: „Ähm, stimmt das eigentlich, sind Sie eigentlich wirklich so eine ... EMANZE?“ „Ja“, sagte sie ruhig, mit ihrer schönen Alt-Stimme und lächelte mich an. Sie fragte mich, ob ich mir etwas „Lektüre zum Thema“ ausleihen wolle. Leider habe ich damals sofort und sehr empört verneint.

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