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Immer höhere US-Zölle erschweren türkische Stahlexporte: ein Werk in Hatay.

Türkei

Debatte über die richtige Hilfe

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Analysten sehen keine systemische Gefahr für europäische Banken.

Angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise in der Türkei steht auch die Bundespolitik vor der Frage, ob Europa und Deutschland dem Land behilflich sein müssen. Während die Bundesregierung sich derzeit noch abwartend verhält, debattiert die Opposition die Frage kontrovers.

Trotz des kritischen Blicks auf die Regierung von Recep Tayyip Erdogan, den alle Bundestagsparteien gemeinsam haben, plädieren etwa die Grünen durchaus für Unterstützung – allerdings mit gewichtigen Auflagen. „Die Bundesregierung sollte der Türkei Hilfe anbieten, aber nur unter der Bedingung der Rückkehr des Landes zur Demokratie“, sagte ihr außenpolitischer Sprecher, Omid Nouripour, der FR. „Damit könnte den Menschen in der Türkei ökonomisch und politisch geholfen werden“, so Nouripour.

Anders sieht es die Linksfraktion im Bundestag. „Erdogan wird den Niedergang der türkischen Wirtschaft und Währung noch beschleunigen“, sagte Sevim Dagdelen, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, der FR. Das Programm des Präsidenten bestehe seit seinem Machtantritt aus dem andauernden Leistungsbilanzdefizit, der seit Jahren beständig wachsenden Immobilienblase und dem vielen kurzfristig geliehenen Geld aus dem Ausland, so die Außenpolitikerin. „Erdogan weiter mit millionenschweren Finanz- und Kredithilfen unter die Arme zu greifen, kommt einer Casinomentalität gleich und ist unverantwortlich“, warnt Dagdelen.

Finanzmärkte in Unruhe

Die Regierung äußerte sich dagegen zurückhaltend: Die Bundesregierung habe selbstverständlich Interesse an einer wirtschaftlich stabilen Türkei, betonte Regierungssprecher Steffen Seibert vor der Hauptstadtpresse. Man beobachte die Lage „durchaus aufmerksam“. Eine Sprecherin von Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sagte, ihr sei keine besondere Kommunikation oder mögliche Krisentreffen zwischen den G20-Staaten bekannt. Die Türkei ist Mitglied der Gemeinschaft der Industrie- und Schwellenländer. Auf die Frage, ob die Verschärfung der Strafzölle auf Stahl und Aluminium durch US-Präsident Donald Trump den Absturz der Lira verschärft habe, sagte sie: „Solche Spekulationen werden wir hier nicht kommentieren.“

Auch zum Risiko für deutsche Banken und ihr Engagement in der Türkei wollte sie sich nicht äußern. In den vergangenen drei Handelstagen hatten die Papiere der türkischen Banken im Schnitt rund 17 Prozent an Wert verloren. Erstmals mussten zu Wochenbeginn zeitweise mehr als sieben Lira für einen US-Dollar und über acht Lira für einen Euro gezahlt werden.

Nicht nur in der Politik, auch an den Finanzmärkten herrscht Unruhe. Bei Investoren aus Deutschland, Europa und der Welt geht nun die Angst um, dass die Misere am Bosporus Ansteckungsgefahr für die Banken in der Europäischen Union bergen könnte. Die Anleger – auch die Türken selbst, die von ihrem Präsidenten aufgefordert worden waren, ihre Dollar und Euro in Lira umzutauschen, – holen ihre Devisen von der Bank. Die Kapitalflucht, der Absturz der Währung nährt zu Recht die Sorge, dass türkische Banken und Unternehmen ihre Schulden nicht mehr bedienen können. Denn viele türkische Unternehmen haben Kredite in Dollar oder Euro aufgenommen. Zwar drohen den Banken daher zunächst keine Währungsverluste durch die Abwertung der Lira. Allerdings wird es für die heimischen Firmen immer schwieriger, ihre Kredite zurückzuzahlen.

Doch die Gefahr für Europa hält sich in Grenzen. Eine systemische Gefahr für den europäischen Bankensektor droht derzeit nicht, einzelne Kreditinstitute könnten aber in Schwierigkeiten geraten. Analysten der niederländischen Bank ABN Amro haben errechnet, welche Geldhäuser wie stark in der Türkei engagiert sind. Danach summieren sich die Forderungen europäischer Banken auf 143 Milliarden Euro.

Am stärksten betroffen sind die spanische BBVA und die italienische Großbank Unicredit, gefolgt von der französischen BNP Paribas. Bei den deutschen Banken stehen laut Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) nur rund 17 Milliarden Euro im Feuer. Kein Grund also zur Sorge? „Die Volkswirtschaften in der Eurozone haben in den letzten Jahren einen robusten Aufschwung erlebt, die Banken haben ihre Kapitalausstattung verbessert“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank im Gespräch mit der FR. „Deshalb ist die Krise in der Türkei nichts, was das Finanzsystem des Westens destabilisieren könnte.“ Auch mit Blick auf die deutsche Wirtschaft und die mageren 1,7 Prozent der Warenexporte, die in die Türkei gehen, sieht Krämer keinen Grund zur Beunruhigung: „Da sind die noch nicht abgewendeten US-Autozölle ein ungleich viel höheres Risiko für Deutschland.“

Die Unruhe in der Türkei strahlt zwar auf andere Schwellenländer ab. So verloren etwa der südafrikanische Rand, der mexikanische Peso und die indonesische Währung deutlich an Wert. Doch von einer Krise der Emerging Markets will Jörg Krämer nicht sprechen. „Die meisten Schwellenländer sind gut genug aufgestellt, um dem Gegenwind der Lira-Krise zu trotzen.“ Die herben Verluste des Rand und des Peso beruhten auch auf Problemen, die schon zuvor virulent gewesen seien und nun umso deutlicher zu Tage träten: in Südafrika die Korruption, in Brasilien die enormen Haushaltsdefizite.

Rezession droht

Der Türkei prophezeien Volkswirte dagegen schwere Zeiten. Ifo-Chef Clemens Fuest rät dem Land dazu, Hilfen beim Internationalen Währungsfonds (IWF) zu beantragen. „Wir müssen uns massiv Sorgen machen“, kommentierte Fuest im „Handelsblatt“ und sprach von einer „klassischen Wirtschafts- und Währungskrise“. Allerdings muss man davon ausgehen, dass der türkische Präsident dem Rat Fuests nicht folgen wird. Täte er das, müsste er seiner Zentralbank gestatten, die Zinsen massiv zu erhöhen. Genau das aber hat Erdogan in der Vergangenheit vehement abgelehnt, würde es doch den wirtschaftlichen Aufschwung kosten, der ihn im Präsidentenamt gehalten hat. Jörg Krämer hält es deshalb für gut möglich, dass die Türkei sich mit Kapitalverkehrskontrollen behelfen wird. „Das wird unter Investoren zu einem weiteren Vertrauensverlust führen, denn wer investiert in ein Land, aus dem er sein Geld nicht wieder herausbekommt?“

Am Ende, so glaubt Krämer, wird eines immer wahrscheinlicher: „Rezession“. (mit dpa/afp)

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