Rund 6000 Lenin-Denkmäler werden in Russland noch gepflegt.
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Rund 6000 Lenin-Denkmäler werden in Russland noch gepflegt.

Russland

Debatte um Lenin-Mausoleum

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Die Debatte über den einbalsamierten Revolutionsführer zeigt Russlands schwieriges Verhältnis zur eigenen Geschichte.

Wladimir Lenin lässt sich einfach nicht beerdigen. Am Donnerstag zog die Staatspartei „Einiges Russland“ (ER) ihre Unterstützung für einen Gesetzentwurf zurück, der die Entfernung der Mumie des Revolutionsführers aus dem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau vorsah. Der Entwurf wurde erst wenige Stunden zuvor gemeinsam mit Abgeordneten der nationalpopulistischen Liberaldemokraten eingebracht.

Aber die ER distanzierte sich gleich von dem Gesetz. Auch die Kommunisten reagierten heftig. Parteiführer Gennadi Sjuganow forderte gestern vom Sicherheitsrat Russlands eine Garantie, dass Lenin niemals umgebettet werde. Wladimir Lenin, Autor der bolschewistischen Oktoberrevolution von 1917 und Begründer der Sowjetunion, wird von gläubigen Kommunisten bis heute als überlebensgroße Figur verehrt. „Lenin lebte, Lenin lebt, Lenin wird leben“, lautet eine der Parolen über den erfolgreichsten Berufsrevolutionär der Weltgeschichte, der heute seinen 147. Geburtstag gefeiert hätte. Schon unter Boris Jelzin gab es mehrere Anläufe, Lenins einbalsamierte Leiche aus dem Mausoleum zu schaffen. Sie scheiterten am lautstarken Widerstand der Kommunisten und ihrer zum Großteil aus Rentnern bestehenden Anhängerschaft.

Aber seit Russland mit Wladimir Putin wieder einen Personenkult-tauglichen Führer hat, liegt Lenin immer unbeachteter in seinem Marmormausoleum. Ein ziemlich eingefallener Körper im schwarzen Anzug mit ziemlich großem Kopf, für den sich fast nur noch Touristen aus China interessieren. „Lenins Körper ist weder das Symbol einer Epoche noch ein Symbol der nationalen Einheit“, formuliert es der neue Gesetzentwurf ziemlich treffend. Lenins Konservierung kostet laut Liberaldemokraten den Steuerzahler jährlich umgerechnet eine Viertelmillion Euro.

Im offiziellen Geschichtsbild ist Lenin sowieso nur noch Randfigur. In dessen Mittelpunkt steht der heroische Sieg im Zweiten Weltkrieg, über 20 Jahre nach Lenins Tod. Als Vater dieses Sieges aber gilt Josef Stalin, trotz seines Massenterrors gegen das eigene Volk. Wladimir Putin, der Stalin schon als „effektiven Manager“ lobte, kritisierte dessen einstigen bolschewistischen Parteiboss Lenin wiederholt heftig. So sagte Putin vergangenes Jahr, Lenin habe „eine Atombombe unter das Gebäude gelegt, dass Russland heißt“.

Vorher hatte er dem Revolutionär und seinen Genossen vorgeworfen, sie hätten Russland verraten und ihm den Sieg im Ersten Weltkrieg gestohlen. Tatsächlich organisierte der großdeutsche Kriegsgegner Lenins Reise aus der Schweiz ins damals russische Finnland per Eisenbahn.

Heute werten das viele Russen als Beweis, dass der Bolschewist ein bezahlter Handlanger der deutschen Heeresführung war. Als Lenin allerdings im April 1917 in Petersburg ankam, war die Revolution schon im vollen Gange, die Truppen an der Front in Auflösung. „Das zaristische Russland wäre auch ohne Krieg und Lenin seinen eigenen sozialen Widersprüchen zum Opfer gefallen“, sagt der Historiker Boris Kolonitzky der FR. „Die Revolution war unvermeidbar.“

Revolution und Revolutionäre aber passen nicht ins historische Selbstbild Russlands. Auch Lenin und seine blutrünstigen Befehle würde man gern vergessen. Der russisch-orthodoxe Mitropolit Illarion erklärt, man habe sich mit Lenins Beerdigung um ein Vierteljahrhundert verspätet. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM sprechen sich 63 Prozent der Russen für die Beerdigung Lenins aus. Aber dazu gehören 31 Prozent, die finden, man müsse damit warten, bis es niemand mehr berühre, der Lenin verehre. Statt die eigene Geschichte aufzuarbeiten, versucht Russland, sie auszusitzen. Kritik am Zarenreich sei ebenso ein Angriff auf Russland wie Kritik an der Sowjetunion, verkündet Duma-Sprecher Wjatscheslaw Wolodin. Und der Kreml schweigt.

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