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David Yambio und der weite Weg nach Genf

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Von: Pitt von Bebenburg

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David Yambio aus Südsudan, Sprecher des Geflüchteten-Protests gegen die Zustände in Libyen, die Zusammenarbeit der EU mit Libyen und gegen das das derzeitige Management durch den UNHCR.
David Yambio aus Südsudan, Sprecher des Geflüchteten-Protests gegen die Zustände in Libyen, die Zusammenarbeit der EU mit Libyen und gegen das das derzeitige Management durch den UNHCR. © christoph boeckheler*

Der Südsudanese setzt sich für Menschen ein, die in Libyen Schreckliches erleben. Nun protestiert er vor dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge in der Schweiz.

Es ist kalt in Deutschland, als David Yambio dort ankommt. Der 25-jährige Mann aus dem Südsudan lässt sich davon nicht schrecken. Aber seine Mütze behält er auch drinnen lieber auf, während er all das erzählt, was die Welt erfahren soll. Der junge Mann hat eine Mission: die Welt auf die furchtbare Lage von Zehntausenden geflüchteten Menschen in Libyen aufmerksam zu machen.

In diesen Tagen führt ihn der Weg durch ganz Europa. Das Ziel wollen Yambio und seine Mitstreiter:innen an diesem Freitag erreichen: Genf, Sitz des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR). Dieses Welt-Flüchtlingshilfswerk soll endlich dafür sorgen, dass Migrantinnen und Migranten in Libyen unter menschenwürdigen Bedingungen leben können. Oder dafür, dass sie in sichere Länder „evakuiert“ werden.

Yambio hat die Schrecken von Bürgerkriegen erlebt, in seinem Heimatland, aber auch im Kongo, wohin seine Familie floh, als er noch klein war. Die „Lord’s Resistance Army“ des gefürchteten ugandischen Rebellenführers Joseph Kony habe ihn zwangsrekrutiert, als er zehn Jahre alt war, berichtet er. Mit 13 kam David Yambio zurück in die Heimat. Ein Jahr später, 2011, erlangte der Südsudan die Unabhängigkeit. Zwei Jahre später begann dort wieder der Bürgerkrieg. Yambio floh mit 17 Jahren erneut.

Doch in keinem der afrikanischen Länder, die er durchquerte, fand er die ersehnte Sicherheit. So erreichte der Südsudanese 2018 Libyen. Mehrfach versuchte er, per Schlauchboot von dort nach Europa zu fliehen, jedes Mal wurde er aufgegriffen, zurückgebracht und unter unmenschlichen Bedingungen interniert. Im Juni 2022 schaffte er es dann endlich übers Meer. Heute lebt Yambio in Italien.

Er hat viele Schrecken erlitten in seinem Leben, aber über die vier Jahre in Libyen sagt er: „Ich nenne es einen Alptraum, aus dem ich nicht aufwachen konnte: auf der Straße, im Knast, in den Institutionen gab es Rassismus und Misshandlungen.“ Mehrfach wurde er ins Gefängnis oder in Internierungslager gesteckt. „Ich hatte kein sauberes Trinkwasser. Es gab keinerlei medizinische Versorgung und keinen Arzt. Wenn Leute krank wurden, starben sie, einfach so“, schildert Yambio. „Als ich aus dem Gefängnis kam, haben sie uns ausgebeutet als Bauarbeiter. Als der Bürgerkrieg eskalierte, haben sie uns als menschliche Schutzschilde an die Front gebracht. Wir mussten ihre Munition tragen. Wir haben alles getan, um ein bisschen Geld zu verdienen, um überleben zu können.“

Zum Aktivisten wurde der Südsudanese im vergangenen Jahr. Staatliche libysche Kräfte waren im Oktober 2021 bei Razzien brachial gegen eine Ansiedlung von Geflüchteten in Tripolis vorgegangen. „Sie zerstörten unsere Unterkünfte unter dem Vorwand, dass dort mit Drogen oder Waffen gehandelt worden sei, was überhaupt nicht stimmte“, erinnert sich Yambio. „Sie schossen auf Menschen, sie trieben sie zusammen. Mehr als 5000 Menschen wurden in ein Internierungslager verfrachtet, Männer, Frauen, Alte, Junge, Kinder. Sie wurden unter unmenschlichen Verhältnissen zusammengepfercht, tagelang ohne Essen, ohne Wasser, ohne Toiletten. Sie hatten nicht einmal Platz genug, um zu stehen. Ich gehörte zu den Menschen, die das überlebt haben, und ich war entschlossen: Ich muss etwas tun.“

Lage in Libyen

Aus den Schlagzeilen ist Libyen schon seit einiger Zeit verschwunden. Was nicht heißt, dort seien die Sicherheitslage besser, die staatliche Autorität demokratisch legitimiert und unangefochten. Im Gegenteil: Das Land bleibt seit dem Sturz des Langzeit-Diktators Gaddafi de facto an der Großen Syrte in Ost und West gespalten. Die von den UN anerkannte Interimsregierung in Tripolis wird von türkischen Beratern und syrischen Exil-Söldnern gestützt. Im Westen herrscht eine stammesbasierte Milizenkoalition. Die Versorgung ist nicht gesichert, die Wirtschaft liegt am Boden. Und mitten in dem Chaos stecken Tausende Flüchtlinge fest. rut

Also ging er zum UNHCR in Libyen. „Warum schlagt Ihr nicht Alarm?“, habe er gefragt. Die Leute des UN-Kommissariats hätten jedoch geantwortet, sie könnten nichts tun. Sie verfügten nur über ein beschränktes Mandat, deswegen könnten sie sich nicht einmal an staatliche Stellen oder eine der beiden Bürgerkriegsparteien wenden.

„Dann versammelten sich dort immer mehr Menschen, Tausende, darunter Menschen mit Schusswunden, die die Razzien überlebt hatten. Sie forderten, vom UNHCR beschützt zu werden. Ich habe das Wort ergriffen und zu der Menge gesprochen.“ So begann die Bewegung von Menschen aus vielen Nationen, mit unterschiedlichsten Sprachen, die auf den Namen „Refugees in Libya“ getauft wurde. Seit sie einen Twitter-Account und später eine Website angelegt hat, nimmt auch die Welt von ihr Notiz. Obwohl die libysche Regierung versucht habe, die Berichterstattung zu behindern und Journalist:innen einzuschüchtern. In Europa hat sich mittlerweile aus dem Kreis der Seenotrettungsorganisationen ein Unterstützungs-Netzwerk gebildet. Es organisiert Veranstaltungen mit Yambio auf seinem Weg nach Genf.

Es gibt Gründe, weswegen ausgerechnet die UN Ziel des Protestzuges sind. „Der UNHCR weiß über all diese Misshandlungen Bescheid, diese Entmenschlichung, die unter ihren Augen stattfindet“, klagt Yambio. Dem UNHCR ist tatsächlich klar, dass Flüchtlinge und Asylsuchende in Libyen „unter entsetzlichen Bedingungen leben“, wie ein Sprecher mitteilt. Man nehme die Klagen der Betroffenen daher sehr ernst. „Seitdem unsere Organisation 1991 ihre Arbeit in Libyen aufgenommen hat, ist der UNHCR allerdings in einem sehr restriktiven politischen und sozialen Umfeld tätig, was die Handlungsmöglichkeiten unserer Organisation sehr stark einschränkt“, heißt es in der Stellungnahme – genau das, was Yambio von Verantwortlichen vor Ort zu hören bekam.

Trotzdem ist das Flüchtlingshilfswerk überzeugt, es bewirke etwas: „Der UNHCR konnte die Freilassung einiger der inhaftierten Schutzsuchenden erreichen, Evakuierungsflüge organisieren und für viele der am meisten bedürftigen Flüchtlinge Unterstützung durch Bargeldhilfe im Rahmen der oftmals eingeschränkten operativen Möglichkeiten vor Ort realisieren“, heißt es von der Organisation. Außerdem appelliere der UNHCR „dringend an die internationale Gemeinschaft, durch Resettlement und andere sichere und legale Zugangswege mehr Möglichkeiten für in Libyen aufhältige gefährdete Schutzsuchende zu schaffen“.

Die Ziele der Organisation unterscheiden sich also gar nicht sehr von denen Yambios – nur dass genau diese sicheren und legalen Zugangswege den Betroffenen nicht offenstehen. „Ich will einen Teil meines Lebens dem Ziel widmen, dass Menschen nicht mehr in der Situation leben müssen, in denen ihnen grundlegende Menschenrechte aus politischen Gründen vorenthalten werden“, sagt er am Ende des Gesprächs mit der Frankfurter Rundschau.

Wo er künftig leben will? Yambio weiß es noch nicht. Dort, wo er sich sicher fühlt, das steht mal fest. Und wo es weitere Bildung gibt für den Mann, der sich unter schwierigsten Bedingungen vorzügliche Englischkenntnisse angeeignet hat. „Ich bin sicher, dass ich etwas erreichen kann durch Bildung.“

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