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Bestimmte Shooter-Spiele führen zu einer höheren Aggressivität im realen Leben.

Chats für Extremisten

„Datensicherheit ist verlockend“

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Gewaltforscher Andreas Zick über Vorteile von Chats für Extremisten.

Herr Zick, welche Kanäle nutzen Radikale und Terroristen heutzutage für ihre Kommunikation?
Man muss da unterscheiden. Sehr gewaltnahe, hoch organisierte und hoch radikalisierte Gruppen weichen zum Teil aus auf eigene Kanäle. Einige nutzen Telegram, dort verschwinden die dann wieder, gehen ins Darknet oder besprechen die wirklich heiklen Dinge nicht im Chat. Da gibt es Mailinglisten oder einfach Treffen im realen Leben. Gruppen, die dabei sind, sich zu radikalisieren, tauschen sich teils bei Telegram aus, teils als nicht sichtbarer Content bei Youtube und Twitter.

Warum sind Spielechats so beliebt bei rechtsextremen und auch islamistischen Terroristen?
Es gibt zwei Gründe. Bestimmte Shooter-Spiele führen zu einer höheren Aggressivität im realen Leben. In den Chats solcher Spiele finden sich auch Personen mit ideologisch gefärbten Spielernamen, da geht man aufeinander zu. Das andere ist die Datensicherheit: Die dschihadistischen Attentäter von Paris haben sich über den Playstation-Chat ausgetauscht. Die Spieleprovider legen großen Wert auf Datenschutz. Wären sie leicht zu hacken, würde es das Wettbewerbsumfeld und das Geschäftsmodell des Spiels zerstören. Spiele-Chats sind also sicherer als andere Dienste.

Andreas Zick leitet das Institut für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. In Chats, weiß er, finden sich nicht selten Hinweise auf bevorstehende Verbrechen.

Der Christchurch-Attentäter, der Münchner Attentäter David Sonboly und andere haben sich in den Chats von Computerspielen vernetzt. Wäre da ein Frühwarnsystem vorstellbar?
Bei Schul-Amoktätern ist erforscht, dass sie ihre Tat „leaken“. Sie kündigen geplante Taten in den Chats an, und je konkreter diese Hinweise werden, desto ernster sind sie zu nehmen. Wenn Ort, Zeit, Ziel, Modus genannt werden, kann davon ausgegangen werden, dass so etwas ernst gemeint ist. Bei Rechtsterroristen ist die Radikalisierung in Chats nicht so gut erforscht. Ein Wendepunkt ist aber immer, wenn es in den Chats um Waffen und deren Beschaffung geht. So war es bei der „Oldschool Society“, so war es bei „Revolution Chemnitz“.

Der Verfassungsschutz will jetzt mehr Kompetenzen bekommen, um in Chats hineinschauen zu können. Ist das bisher noch nicht möglich?
Ich gehe davon aus, dass der Verfassungsschutz bereits heute Zugang zu Chats und Mailverkehr von beobachteten Gruppen wie etwa der „Identitären Bewegung“ hat. Das wissen diese Gruppen auch und sind vorsichtiger geworden mit dem, was sie in die Chats schreiben. Ich bin skeptisch, ob es neue Gesetze braucht. Ich kenne kein überzeugendes Argument, warum das nötig sein soll. Das ist der Wunsch der Dienste, einfacher an strafrechtlich relevantes Material zu kommen, das vor Gericht Bestand hat. So ein Gesetz würde aber auch Tür und Tor öffnen für das ziellose Crawlen von Daten. Es müsste sichergestellt werden, dass nichtevidente Daten wieder gelöscht werden.

Der Christchurch-Attentäter hat seine Tat live gestreamt. Facebook kündigte nun an, dass die Livefunktion in Zukunft nur noch bei Nutzern mit gutem Leumund möglich sein könnte. Wie kann das konkret gehen?
Ich halte das für eine trügerische Hoffnung. Es klingt nach einer Idee aus der Offline-Welt. Muss man jetzt ein Führungszeugnis einreichen, um bei Facebook Videos streamen zu können? Und was wäre damit gewonnen? Ich glaube nicht, dass über „social scoring“ eine Kontrolle möglich sein kann.

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