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Corona-Pandemie: „Das Vorausberechnen von Szenarien ist sehr, sehr schwierig geworden“

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Von: Viktor Funk, Ruth Herberg

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Ökonom Andreas Backhaus spricht im Interview über den Umgang mit Zahlen in der Pandemie und darüber, warum es so kompliziert ist, das Pandemiegeschehen verschiedener Staaten miteinander zu vergleichen.

Herr Backhaus, seit Beginn der Pandemie tobt die Diskussion über die richtige Strategie gegen Corona. Dabei werden verschiedene Zahlen herangezogen, um Staaten miteinander zu vergleichen. Wie vergleichbar sind diese Zahlen überhaupt?

Wenn die eigentliche Frage lautet, welches Land besser durch die Pandemie kommt, dann müssen wir darüber reden, woran man das messen will. Geht es um die Zahl der Corona-Toten bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Pandemie für beendet erklärt wird? Oder geht es auch um soziale und wirtschaftliche Folgen verschiedener Maßnahmen? Australien zum Beispiel hat einen ganz anderen Ansatz verfolgt als viele andere Länder: sich lange abschotten, die Infektionszahlen ganz niedrig halten, dann eine so hohe Impfquote erreichen wie möglich – jetzt, da viel mehr Infektionen zugelassen werden, stellt sich aber dennoch die Frage, wie viele Tote Australien noch zu verzeichnen haben wird. Das zeigt, dass Ländervergleiche über die Zeit erheblichen Schwankungen unterworfen sein können. Es gibt also zwei wichtige Fragen: Was ist die Langzeitstrategie eines Landes? Und wann sind wir mit der Pandemie lange genug durch, um sie abschließend in der Breite ihrer Auswirkungen betrachten zu können?

Proben für einen PCR-Test werden von einem Mitarbeiter im Corona-Testzentrum verpackt.
Proben für einen PCR-Test werden von einem Mitarbeiter im Corona-Testzentrum verpackt. © Sina Schuldt

Auf welche Daten kann man zugreifen, wenn man Informationen für die EU sucht?

„Our World in Data“ ist zum Beispiel sehr gut oder auch das European Center for Disease Prevention and Control. Da schaue ich fast täglich Fallzahlen, Totenzahlen oder die Belegung von Intensivbetten nach. Es ist kein Problem mehr, Daten zu finden, das war eher am Anfang der Pandemie der Fall. Aber eine exakte Vergleichbarkeit herzustellen, das wird nie ganz möglich sein.

Warum nicht?

Nehmen wir zum Beispiel die Inzidenz. Die Zahlen hängen von Anfang an mit dem Testvolumen zusammen. Oder wenn wir Inzidenzen und Hospitalisierungen anschauen, dann müssen wir auch die Altersstruktur der Betroffenen bedenken. Die ist inzwischen auch gut zu finden. Aber auch das reicht nicht. Wenn wir wirklich vergleichen wollen, dann brauchen wir statistische Methoden, um bestimmte Faktoren rauszurechnen.

Zur Person

Andreas Backhaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, wo er insbesondere zum demografischen Wandel forscht. Er hat Politik & Wirtschaft, International Economics und Public Policy studiert und ist Doktor der Volkswirtschaft.

Als @AndreasShrugged twittert er regelmäßig auch zu aktuellen Entwicklungen und Einordnungen in der Corona-Pandemie.

Corona-Management: Wie vergleichbar sind Zahlen verschiedener Länder?

Anfang das Jahres rückte das Thema Übersterblichkeit in den Fokus, als neue statistische Daten kamen. Ist das ein aussagekräftiger Wert nach zwei Jahren Pandemie, der für einen Vergleich geeignet ist?

Übersterblichkeit ist ein guter Indikator, wenn man vermutet, dass in einem Land die Corona-Todesfälle nicht vollständig erfasst werden. Das ist in vielen EU-Ländern eigentlich kein Problem. Aber in Rumänien und Bulgarien beispielsweise ist die Übersterblichkeit deutlich höher, als es die offiziellen Corona-Todesfälle vermuten lassen. Die Gesamttodeszahlen werden inzwischen systematisch gesammelt, zum Beispiel durch die „Human Mortality Database“ oder im „World Mortality Dataset“. Diese Zahlen werden dann unter anderem auf der Seite der Zeitschrift „The Economist“ ins Verhältnis zu den offiziellen Corona-Daten der Länder gesetzt.

Die Übersterblichkeit wird als Argument für oder wider bestimmte Corona-Regeln angefügt, zum Beispiel im Vergleich zwischen Deutschland und Schweden. Finden Sie das sinnvoll?

Es gibt unterschiedliche Faktoren, die beim Vergleich beider Länder berücksichtigt werden müssten, die Vergleiche sind nicht trivial. Und diese unterschiedlichen Faktoren können ganz unterschiedliche Maßnahmen bedingen. Aus rein wissenschaftlicher Perspektive brauchen wir zur Evaluation gute Vergleichsgruppen und die gibt es auf Länderebene selten. Wie soll man zum Beispiel Verhalten, das kulturell unterschiedlich ist, beobachten und statistisch abbilden? Aus wissenschaftlicher Sicht sind grobe Ländervergleiche keine gute Wahl, um die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen zu prüfen.

Heißt das also, dass wir überhaupt nicht seriös vergleichen können, ob etwa der schwedische Weg besser war als der deutsche mit mehreren Lockdowns?

Ich würde die Frage nach den Ländervergleichen anders formulieren: weniger auf Unterschiede zwischen den Ländern achten, und eher fragen, ob es in einem hypothetischen Schweden weniger Corona-Tote gegeben hätte als in der Realität. Und da gibt es schon Studien, die statistisch prüfen, was passiert wäre, wenn Schweden schon früher Kontakte eingeschränkt hätte. Zwei Studien zeigen, dass in der ersten Welle sehr viele Tote vermieden worden wären. Das sehen mittlerweile auch die schwedischen Experten so, und dass sie den Anfang der Pandemie rückblickend anders angehen würden. Gleichzeitig haben wir auch in Deutschland einige Situationen gehabt, von denen wir sagen können: Wenn wir das Ganze noch einmal durchspielen könnten, würden wir das anders machen. In dieser Erkenntnis liegt für mich das, was jedes Land für sich aus der Pandemie lernen kann, auch wenn diese hypothetischen Betrachtungen weniger mit empirischer Wissenschaft zu tun haben. Aber in Vergleichen zwischen Ländern wird man nie alle wichtigen Einflussfaktoren erfassen können geschweige denn im eigenen Land reproduzieren können.

Frankfurt und Offenbach: Wie lassen sich die Corona-Fallzahlenunterschiede erklären?

Heißt das auch, dass die Infektionszahlen auf regionaler Ebene nicht wirklich vergleichbar sind? Frankfurt und Offenbach zum Beispiel hatten und haben teilweise sehr unterschiedliche Zahlen. Lassen selbst diese regionalen Daten sich nicht nebeneinanderlegen und vergleichen?

Am Ende hängt auch viel an den jeweiligen Gesundheitsämtern der Kreise und Städte. Es kann natürlich sein, dass unterschiedliche Kreise unterschiedlich große Kapazitäten in ihren Gesundheitsämtern haben, sodass die Fall-Nachverfolgung unterschiedlich gut gelingen kann. Oder ob die Nachverfolgung ab einer gewissen Inzidenz ausgesetzt werden muss. Selbst auf dieser kleinen Ebene lässt sich das nicht ganz ausschließen.

Andreas Backhaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden.
Andreas Backhaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. © privat

Das klingt alles so, als seien viele Nachrichten und Zahlen, die wir jeden Tag hören und lesen, mit extremer Vorsicht zu behandeln. Und dass viele der Zahlen, auf die sich auch die Politik stützt, sehr unsicher sind. Ist die Datenlage wirklich so kompliziert oder so schlecht, dass daraus keine politischen Schritte abgeleitet werden können?

Das hängt immer ab von der Frage, was die Daten zeigen sollen. Ist die Frage, ob es im Moment einen Zuwachs bei den Infektionen gibt, dann zeigen die Daten das eindeutig. Fragen wir aber, ob die Kliniken und Intensivstationen – wie in anderen Ländern beobachtet – bei Omikron nicht im gleichen Maße belastet sind, dann würde ich sagen: Das deutet sich an und wird auch zunehmend durch Studien gestützt. Dieses ganze Vorausberechnen von Szenarien ist dagegen sehr, sehr schwierig geworden, weil mit Impfung und Varianten noch mehr Variablen mit reinspielen als zuvor. Zumindest Tendenzen konnten wir immer herauslesen aus den Zahlen. Aber welche Folgerungen man daraus zieht, ist noch eine ganz andere Frage.

Umgang mit der Corona-Pandemie: Können Zahlen den Diskurs verbessern?

Haben Sie denn den Eindruck, dass die Berichterstattung der Medien, der gesellschaftliche Diskurs und die Wissenschaft dazu beitragen, dass die Menschen mit solchen Unsicherheiten und unsicheren Zahlen umgehen können? Oder fehlt es grundsätzlich am Verständnis für Zahlen und den Umgang mit ihnen?

Dass der gesellschaftliche Diskurs durch Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse verbessert wird, würden wir uns natürlich alle wünschen. Ob es so ist, daran habe ich manchmal gewisse Zweifel. Beispiel Vereinigtes Königreich: Dort werden die meisten Daten deutlich besser erhoben als viele andere europäische Länder dies tun. Das repräsentative Covid-19 Infection Survey, mit dem statt der Fälle auch die tatsächlichen Infektionen geschätzt werden können, liegt seit 2020 vor – das war und ist immer noch sehr nützlich. Man kann dann aber beobachten, wie Expertinnen und Experten aus Großbritannien sich fast jeden Tag auf Twitter in die Haare kriegen über genau dieselben Fragen wie bei uns: Brauchen wir zusätzliche Maßnahmen und welche wären das? Oder brauchen wir sie nicht? Da sieht man, dass bessere Daten allein nicht zwingenderweise zu besseren Diskussionen führen.

Welchen Beitrag kann eine gute Datenbasis dann eigentlich leisten?

Wenn man Daten und wissenschaftliche Ergebnisse in Entscheidungen miteinbezieht – was alle wünschenswert finden – ist mit den Entscheidungen, was zu tun ist, immer noch eine Risikoabwägung verbunden. Diese Entscheidung ist keine, die die Wissenschaft treffen kann, schon gar nicht alleine, sondern eine, die die Politik treffen muss. Bessere Daten und wissenschaftliche Ergebnisse können grob abgrenzen, was wirklich abwegig und irrsinnig ist, welche Hypothesen wir verwerfen und welche wir behalten können innerhalb des Diskursraums der Gesellschaft. Aber innerhalb dieses Raums kann es dann natürlich trotzdem noch viel Raum für unterschiedliche Ansichten darüber geben, wie mit einer Pandemie umzugehen ist.

Interview: Ruth Herberg und Viktor Funk

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