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Das unentwegte Schießen

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Ein Soldat tröstet die 82-jährige Larysa Kolesnyk, nachdem sie aus Irpin am Rande von Kiew gerettet wurde.
Ein Soldat tröstet die 82-jährige Larysa Kolesnyk, nachdem sie aus Irpin am Rande von Kiew gerettet wurde. © dpa

Die Verhandlungen in der Türkei sind beendet – der Krieg geht weiter

Glück im Unglück? Die russische Artillerie hat am Mittwoch ein Gebäude im hart umkämpften Mariupol beschossen, das deutlich mit dem Emblem des Internationalen Roten Kreuzes markiert war. Erstmal wurde das von ukrainischer Seite gemeldet, wie üblich wurde die Nachricht mit Vorsicht aufgenommen: Schießen aufs Rote Kreuz – ein schäbiger Klassiker vieler Kriegsgeschehen überall auf der Welt schon.

Kurze Zeit aber später erfolgte die Bestätigung durch die Hilfsorganisation: Es handele sich um ihr Mariupoler Vorratslager, dessen Inhalt man bereits restlos verteilt habe. Ob darin Verwundete und Schutzsuchende waren, als die Granaten fielen? Niemand weiß es zu sagen. Man kann nur hoffen. Und selbst Hoffnung wird in der südlichen Hafenstadt immer seltener. Frankreich hatte sich in den vergangenen Tagen bemüht, eine umfassende Evakuierungsaktion für die verbliebene Zivilbevölkerung in Mariupol zu organisieren. Gar über eine Luftbrücke war nachgedacht worden. Am Mittwoch musste das Vorhaben als gescheitert aufgegeben werden .

Wieviel Hoffnung auf eine glückliche Wendung oder wenigsten nicht ein Gräuel nach dem anderen soll man aber auch haben? Mehr als vier Millionen Menschen sind laut UN inzwischen aus der Ukraine der russischen Invasion wegen geflüchtet. Das sind zehn Prozent der gesamten Bevölkerung. Ob sie jemals zurückkehren werden können, wer mag das sagen?

Der ukrainische Generalstab jedenfalls sah am 35. Tag des Krieges keinerlei Anlass, seinen Truppen, seinem Volk oder gar der Welt groß Hoffnung zu machen: Entgegen aller russischen Behauptungen gingen die Kämpfe insbesondere um Tschernihiw im Nordosten weiter. Gouverneur der Region, Wjatscheslaw Tschaus, berichtete, seit Dienstagnacht gebe es unablässig Angriffe. Wohngebiete, Bibliotheken und Geschäfte würden beschossen. „Die Situation ändert sich nicht“, musste Tschaus konstatieren. Auch in Kiew und Umgebung waren in der Nacht mehrmals die Sirenen zu hören.

Keine 24 Stunden zuvor hatte der Kreml verlautbart, man werde von Kiew und Tschernihiw ablassen und sich auf „die Befreiung“ des Donbass konzentrieren. Solchen Aussagen werden im Westen stündlich weniger Glauben geschenkt. Es verwunderte dann auch niemanden, dass aus dem just on den russischen Okkupanten – tatsächlich – befreiten Irpin kontinuierlicher Beschuss gemeldet wurde. Dessen Bürgermeister Oleksandr Markushyn gab am Mittwoch an, bei der Rückeroberung der Stadt, hätten ukrainische Truppen zwischen 200 und 300 tote Zivilpersonen gefunden. 50 Soldat:innen seien bei den Kämpfen ums Leben gekommen.

Angesichts solcher Meldungen, klang dann die offizielle russische Verlautbarung am Mittwoch doch glaubwürdig: Es seien „keine allzu vielversprechenden Ergebnisse oder Durchbrüche“ nach den ukrainisch-russischen Verhandlungen in Istanbul zu verzeichnen. Beide Seiten hatten nach den Gesprächen am Dienstag in Istanbul noch von einer Annäherung gesprochen.

Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und die USA hatten am Dienstag angekündigt, den Sanktionsdruck gegen Russland beibehalten zu wollen. Rund 800 Ärztinnen und Ärzte aus Deutschland haben sich bislang zu einem Einsatz in der Ukraine oder den Nachbarstaaten bereit erklärt. Das teilte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) am Mittwoch in Berlin mit. Bereits Anfang März hatte Lauterbach angekündigt, dass es Medizinern in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt ermöglicht werde, Vor-Ort-Hilfe für Kriegsopfer und Geflüchtete zu leisten.

Diese Hilfe wird zweifellos überall willkommen sein. Aber der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba drängte am Mittwoch auf noch mehr entschiedene – also militärische – Hilfe für sein bedrängtes Land: Manche westliche Staaten seien „sehr gut darin, Ausflüchte zu finden“. Er meinte auch Deutschland. mit afp/dpa

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