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„Das Schlimmste verhüten“

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Von: Stefan Brändle

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Emmanuel Macron und Wladimir Putin im Elysée (Archivbild).
Emmanuel Macron und Wladimir Putin im Elysée (Archivbild). © AFP

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron entwickelt sich zu Europas Chefvermittler. Und vorerst hat er damit sogar in der Eiseskälte zwischen Ost und West Erfolg.

Sonntagsruhe ist für Emmanuel Macron ein relativer Begriff. Am vergangenen Sonntag telefonierte er morgens mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin. Daraufhin rief er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an. Um 17.30 Uhr rapportierte er seinem Verbündeten Olaf Scholz in Berlin. Drei Stunden später rief er den britischen Premier Boris Johnson an, um 21.45 Uhr sodann US-Präsident Joe Biden. Um 23 Uhr endete der Tag mit einem weiteren Anruf in eine entgegengesetzte Zeitzone – zu „Wladimir“, der sich mit „Emmanuel“ neuerdings duzt.

Am Montag wurde der Sinn des Ablaufs ersichtlich: Macron schlug Putin einen Russland-US-Gipfel vor, und der Russe sagte laut französischen Informationen zu, woraufhin Macron Biden die frohe Kunde übermittelte. Der US-Amerikaner zeigte sich „immer gesprächsbereit“, sofern die andere Seite keine Kriegshandlungen vornehme.

Am Montag folgte in Paris die Ernüchterung, als ein Kreml-Sprecher festhielt, ein Zweier-Gipfel sei im aktuellen Stand der Dinge „verfrüht“. Macrons Beratungsteam ließ sich nicht entmutigen. „Wir werden auf unserer Gratwanderung weitermachen“, verlautete aus dem Elysée. „Es geht schließlich darum, das Schlimmste zu verhüten.“

Macron ist nicht naiv. Als guter Politdarsteller durchschaut er Putin vielleicht besser als viele andere. Aber er hört dem Russen auch wirklich zu, wenn dieser von einer „europäischen Sicherheitsarchitektur“ spricht. Zugleich nennen sich die beiden nun beim Vornamen. Bei aller Gefühlskälte scheint Putin ein gewisses Vertrauen in den Franzosen signalisieren zu wollen.

Teilen und lösen

Macron trennt systematisch die Donbass- von der Nato-Frage. Als Putin der Ukraine in dem fast zweistündigen Videocall vorwarf, sie verweigere jede Verhandlung mit den Separatisten, stellte Macron klar, solche direkten Gespräche seien laut Minsker Abkommen untersagt. Gleichwohl hat Putin bereits durchblicken lassen, dass er die Umsetzung der Minsker beschlüsse nicht mehr ernsthaft angeht. Macron ist so gewandt, dass er auch so eine Absage parieren kann: Es gebe doch Mittel und Wege für eine indirekte Verhandlung über die trilaterale Kontaktgruppe, sagt er.

Auch zum zweiten Aspekt, der unverletzbaren Souveränität der Ukraine und ihrer Bündnisfreiheit, gelang es Macron offenbar, „wirkliche diplomatische Perspektiven aufzuzeigen, die von den Russen akzeptiert“ worden seien, wie es im Elysée hieß. Macron schlägt wohl einen Modus vivendi vor, der für alle Seiten annehmbar ist: keine „Finnlandisierung“ der Ukraine, aber dafür auch keine baldige Nato-Mitgliedschaft.

Glaubhaft und geschickt

Macron verhandelt glaubhaft aufrichtig, da er als Franzose die Nato selbst durchaus kritisch sieht – eine Tradition seit den Tagen de Gaulles. Zugleich kann er auch mit Biden gut. Selbst Großbritannien scheint langsam einzusehen, dass Macron kein „Verräter“ des Nordatlantikpakts ist, wie es in London noch im Januar hieß, sondern eine Art Arbeitsteilung verfolgt: Die USA fahren die harte Linie gegenüber Putin, die Franzosen übernehmen die Vermittlerrolle.

Und bereiten dann den Weg beispielsweise für die nächste Begegnung der Chefdiplomaten Sergej Lawrow (Russland) und Antony Blinken (USA) am Donnerstag in Genf - gefolgt vom Treffen Lawrows mit seinem fraanzösischen Amtskollegen Jean-Yves Le Drian (im übrigen ein vormaliger Vetreidigungsminister) tags darauf in Paris.

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