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Hunger und Armut: „Das schlimmste Krisenjahr des Jahrhunderts“

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Von: Pitt von Bebenburg

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Millionen Menschen in Somalia sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen: Unterernährte Familien in einer Klinik in Mogadischu, imago images
Millionen Menschen in Somalia sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen: Unterernährte Familien in einer Klinik in Mogadischu. © Imago

Die weltweite humanitäre Hilfe muss ausgebaut werden, um der Zahl von hungernden Menschen gerecht zu werden, sagt der Entwicklungs-Experte Ralf Südhoff.

Der Ukraine-Krieg hat den Blick auf die Nahrungsmittelnot in aller Welt gelenkt. Doch die erschwerten Getreidelieferungen aus dem Kriegsland sind nur ein Teil des Problems, sagt Ralf Südhoff. Um die Lage grundlegend zu verbessern, müssten die Länder des globalen Südens sich aus ihrer Abhängigkeit von Importen befreien, betont der Direktor des Centre for Humanitarian Action.

Herr Südhoff, die Zahl der hungernden Menschen nimmt in viele Teilen der Welt zu. Wie schlimm ist die Lage?

Es entfaltet sich gerade die größte Ernährungskrise der modernen Zeit. Die Zahl der akut Hungernden hat sich seit 2019 um über 200 Millionen Menschen auf 345 Millionen erhöht. Schon jetzt sind erstmals über 100 Millionen Menschen auf der Flucht, und zwei Drittel von ihnen stammen aus Ländern, die sich in einer Ernährungskrise befinden. Die Ursachen sind Kriege, Klimawandel und die wirtschaftliche Rezession in vielen Ländern.

Der Ukraine-Krieg führt zum Ausfall von Getreidelieferungen. Hat das diese Situation verschärft?

Ja, aber es ist bei weitem nicht der einzige Grund, nicht einmal der wichtigste. Man vergisst gerne, dass die Preise vor dem Krieg schon strukturell gestiegen waren. Schon 2021 waren die Lebensmittelpreise 50 Prozent höher als noch zwei Jahre zuvor. Deswegen ist der Blick auf den Krieg und das, was er ausgelöst hat, auch irreführend. Wir haben ein strukturelles Problem, ein Abhängigkeitsproblem von Ländern im globalen Süden, die auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sind. Massive Hungerkrisen können schon durch einen sinkenden Wert der Währung ausgelöst werden oder durch einen Exportstopp eines einzelnen Landes wie jetzt der Ukraine.

Die Nahrungsmittelpreise sind allerdings wieder gesunken. Lindert das die Not?

Das wäre ein falscher Schluss. Es zeigt sich, dass die gesunkenen nominalen Preise vielen Ländern im globalen Süden nicht helfen, weil gleichzeitig die Importabhängigkeit so groß ist, dass andere Faktoren das aufwiegen. Da muss man vor allem den massiv gestiegenen Dollar-Preis nennen. Der Wechselkurs zum Dollar hat sich für viele Länder des globalen Südens um 50 Prozent verschlechtert.

Ralf Südhoff ist Direktor des Centre for Humanitarian Action in Berlin, einer 2019 gegründeten unabhängigen Denkfabrik zur humanitären Hilfe und internationalen Zusammenarbeit. Der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler arbeitete vorher unter anderem für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (UN) sowie als Referent für die damalige Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium, Uschi Eid (Grüne). pit
Ralf Südhoff ist Direktor des Centre for Humanitarian Action in Berlin, einer 2019 gegründeten unabhängigen Denkfabrik zur humanitären Hilfe und internationalen Zusammenarbeit. Der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler arbeitete vorher unter anderem für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (UN) sowie als Referent für die damalige Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium, Uschi Eid (Grüne). © christoph boeckheler

Globale Hungerkrise: Lage in Haiti, Libanon und Afghanistan desaströs

Welche Länder sind hauptsächlich betroffen?

Ein Land wie Äthiopien muss, obwohl die Nahrungsmittelpreise wieder gesunken sind, jetzt fast drei Mal so viel für Nahrungsmittel bezahlen wie vor dem Krieg. In Ägypten sind die Preise rund doppelt so hoch, obwohl nominell die Preise wieder gesunken sind. In sehr vom Import abhängigen Ländern wie dem Jemen führt das dazu, dass 15 Millionen Menschen hungern. Insgesamt droht vor allem am Horn von Afrika eine massive Hungerkrise, aber die Lage ist auch in Ländern wie Haiti, dem Libanon oder Afghanistan desaströs.

Wie könnten diese Länder unabhängiger werden von Importen?

Die Landwirtschaft in Entwicklungsländern wurde über viele Jahre vernachlässigt. Das war auch ein Beratungsproblem. Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds haben massiv gedrängt, auf andere Sektoren und eine extrem arbeitsteilige Wirtschaftskooperation zu setzen, zum Beispiel Exportplantagen für Cash-Crops oder Kaffee, die sich im globalen Norden verkaufen lassen. Dafür wurde das massenproduzierte, subventionierte Getreide aus den USA und Europa importiert. Darüber hat man eine Ernährungsindustrie geschaffen, die den globalen Süden just bei Grundnahrungsmitteln abhängig gemacht hat vom globalen Norden. Diese Abhängigkeit wirkt sich massiv aus bei weltweiten Schocks wie jetzt beim Ukraine-Krieg, bei Wechselkurs-Schwankungen oder wenn Ernten ausfallen. Dann entstehen Hungerkrisen in Ländern, die sich noch vor 20, 30 Jahren leidlich gut ernähren konnten. Das gilt es umzudrehen. Ehemalige Kornkammern in Afrika müssen wieder in die Lage versetzt werden, zumindest den Grundbedarf in der Region selbst zu befriedigen – dafür müssen sich aber auch die Regierungen selbst deutlich mehr einsetzen.

Welche Rolle spielen dabei internationale Konzerne wie Monsanto und die Abhängigkeit von genverändertem Saatgut?

Es gibt einen intensiven Glaubenskrieg über die richtigen Anbaumethoden. Davon unabhängig ist aber schlicht Fakt, dass Saatgut, wie es zum Beispiel Monsanto anbietet und in den USA verkauft, in Ländern des globalen Südens mit einer nicht durchindustrialisierten Landwirtschaft vielfach gar nicht nachhaltig anwendbar ist. Eine Landwirtschaft, die beispielsweise keine permanente Bewässerung sicherstellen kann, kann das Potenzial von solch hochgezüchtetem Saatgut gar nicht nutzen. Sie benötigt eher herkömmliches Saatgut, das lokal angepasst ist und nicht immer wieder nachgekauft werden muss.

Millionen Menschen hungern: Die Klimakrise ist eine humanitäre Krise

Welche Rolle spielt in dieser Situation die Klimakrise?

Sie spielt eine zentrale Rolle. Die Klimakrise ist eine humanitäre Krise. Nehmen Sie das Horn von Afrika als Beispiel: Früher waren die Menschen durchaus darauf vorbereitet, jedes sechste oder siebte Jahr eine Dürre durchzustehen. Inzwischen haben wir eine Situation, wo es nur noch alle sechs, sieben Jahre eine echte Regenzeit gibt. Damit sind die bislang sehr produktiven Kleinbauern vor Ort überfordert. Das sehen wir aktuell etwa in Somalia oder Äthiopien. Der Klimawandel verbindet sich mit der wachsenden Zahl und Dauer von Konflikten wie dem Krieg in Tigray, der Millionen Menschen hungern lässt – 70 Prozent der Hungernden weltweit leben in Konfliktgebieten. Die Zahl der Wetterdesaster hat sich mehr als verdreifacht seit 1980. Das zeigt sich an den Fluten, die Ernten zerstören und den Anbau unmöglich machen, und an der Zunahme von Dürren und Hitzewellen, die Ernten im letzten Moment zunichtemachen können. Das ist aber erst der Anfang. Der Klimawandel wird seine volle Wirkung erst in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entfalten. Darauf sind wir auch in der humanitären Hilfe nicht vorbereitet.

Wie kann internationale Hilfe aussehen?

Es spricht leider viel dafür, dass 2023 das schlimmste Krisenjahr des Jahrhunderts wird. Dafür wäre eigentlich ein Rekordbudget notwendig. Das wird eine immense Herausforderung, wenn man weiß, dass schon im letzten Jahr nicht einmal die Hälfte der eigentlich notwendigen Mittel bereitgestellt worden ist. Zudem wird durch die Ukraine-Krise ein Ungleichgewicht hergestellt. Die Hilfsorganisationen auch in Deutschland erhalten relativ hohe Spenden für die Ukraine-Hilfe, aber viel zu wenig für andere Krisen und Konfliktregionen. In Myanmar etwa gibt es eine der größten Flüchtlingskrisen weltweit. Für diese Menschen stand im vergangenen Jahr nicht einmal ein Drittel der dringendsten Mittel zur Verfügung. In der Vergangenheit wurde viel über die Syrien-Hilfe gesprochen, gerade in Deutschland. Die war nicht einmal zur Hälfte finanziert in 2022. Im Jemen, wo sich die größte humanitäre Krise der Welt abspielt, wurde auch weniger als die Hälfte der nötigen Hilfsmaßnahmen finanziert. Das verheißt nichts Gutes für ein Jahr, in dem die Zahl der Hilfsbedürftigen noch einmal so deutlich ansteigen könnte. Wenn wir jetzt eine Zeitenwende erleben, dann muss sie auch auf ganz anderen Feldern als dem militärischen stattfinden. Es sind neue Mittel und Investitionen nötig, aber auch neue Strategien.

Was kann Deutschland dazu beitragen?

Das Bild ist zwiespältig. Auf der einen Seite muss man Deutschland dafür loben, dass es im Gegensatz zu anderen westlichen Geberstaaten seine Hilfe im vergangenen Jahr noch einmal auf 3,2 Milliarden Euro für die humanitäre Hilfe erhöht hat. Allerdings zum Teil erst in letzter Minute. Das ist eines der Probleme. Ein Großteil der Hilfen wurde erst in den finalen Haushaltsberatungen Ende November bewilligt und musste dann sehr schnell noch im Jahr 2022 verausgabt werden. In Deutschland wurden im Zusammenhang mit der Energiekrise ad hoc Hunderte Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, vom Tankrabatt bis zum Gaszuschuss, den es per Gießkanne auch für Menschen wie mich gibt, die es nicht unbedingt bräuchten. Wenn man das sieht, ist es schon schwierig zu verstehen, dass zeitweise die Hilfe für Menschen im globalen Süden gekürzt werden sollte, die noch viel mehr unter den Preissteigerungen für Essen und Energie leiden. Das hat man in letzter Minute verhindert. Das humanitäre Budget wird 2023 jetzt mit Glück am Ende so groß sein wie 2022. Aber es gibt keinen Aufwuchs, der annähernd der wachsenden Not gerecht würde – und es drohen laut Finanzplanung massive Kürzungen im kommenden Jahr. (Interview: Pitt von Bebenburg)

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