Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auch Kälte hält viele Menschen in Minsk nicht von Demonstrationen ab.
+
Auch Kälte hält viele Menschen in Minsk nicht von Demonstrationen ab.

Belarus

Das Patriarchat und die Frauen

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
    schließen

Eine Flugschrift zur Frage, wie weiblich die Revolution in Belarus ist - eine Rezension.

Ein Blatt Papier, sorgfältig in eine durchsichtige Folie gewickelt. Das rote Herz mit Rosen ist selbst gemalt. Liebe rettet die Welt, steht darauf, mit Filzstift.

Marina Naprushkina steht mit anderen Frauen in der Solidaritätskette entlang einer Straße in Minsk. Gerade hat ihr eine Mitstreiterin das kleine Rosenplakat in die Hand gedrückt. Blumen gegen Gewalt. „Ich habe Schiss“, schreibt Marina Napurshkina später, „und wie. Aber ich weiß, ich kann nicht nicht hingehen.“ Auch weil ihre Mutter bei den Protestaktionen mitmacht, ihre Tante, Freundin …

Seit der belarussische Dauerdiktator Lukaschenko versuchte, die Wahlen im vergangenen Jahr mal wieder zu fälschen, seit er seine Gegenkandidaten einknasten ließ und jede oppositionelle Stimme zum Schweigen bringen wollte – seitdem gehen Frauen in ganz Belarus auf die Straße. Angeführt von einem weiblichen Trio, das begann Politik zu machen, weil die Männer im Gefängnis sitzen. Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa, Veronika Zepkalo sind das Gesicht der Revolution. Popstars nicht nur in ihrem Land.

Das Buch

„Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution Edition Fototapeta – Flugschrift. Berlin 2020 15 Euro

Der Aufstand in Belarus ist ein Aufstand der Frauen. Heißt es. Die Bilder des weiblichen Triumvirats, von all den friedlich demonstrierenden Frauen mit Blumen in den Händen gingen um die Welt. Ist das weibliche Gesicht der Revolution ein mediales Phänomen? Oder ein Aufbruch, der das Land auf Dauer verändern wird? Wie viel Veränderungswille steckt wirklich hinter den Protesten? Wird die neue Frauenpower letztlich nicht doch vom alten, patriarchalen Rollenverständnis getragen? Geht es um Kitsch oder eine reale Kraft?

Ein hochinteressantes und anregendes Buch des kleinen Berliner Verlags Foto Tapeta diskutiert diese Fragen. Es ist als „Flugschrift“ bezeichnet, sieht sich also in der Tradition von Druckschriften, die seit dem 15. Jahrhundert kontroverse Stellungsnahmen zu aktuellen Ereignissen verbreiten. Und kontrovers geht es in „Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution“ auf jeden Fall zu. Das garantieren die Beiträge von belarussischen und westlichen Autorinnen, die poetischen Texte und die Sammlung von Stimmen aus den sozialen Medien in Belarus.

Alles Selbstbetrug! Oder?

Bereits die drei Vorkämpferinnen bieten breiten Raum für Interpretationen. Tichanowskaja – Hausfrau. Zepkalo – Managerin. Kolesnikowa – Musikerin. Keine von ihnen wollte ursprünglich Politik machen, alle sind an die Stelle von populären Männern getreten, die nicht zur Wahl zugelassen wurden.

Swetlana Tichanowskaja konzentriert sich in ihren Reden immer wieder auf Familienwerte, Kinder und Liebe – und dass sie lieber zu Hause Buletten braten würde. Auch die erfolgreiche Microsoft-Managerin Veronika Zepkalo betont ihre Rolle als liebevolle Frau und Mutter, selbst wenn sie auf die Gleichstellung von Männer und Frauen in der Landesverfassung hinweist. Nur Maria Kolesnikowa redet explizit über den Wert von Feminismus und weiblicher Selbstbestimmung.

Doch genau diese Kombination aus traditionellen und feministischen Positionen mache das Team so erfolgreich, begeistert sich die Politikwissenschaftlerin Olga Dryndova. Die drei hätten so ganz unterschiedliche Schichten erreichen und Tausende Frauen zu friedlichen Protesten anstacheln können – zumal sehr viele Belarussinnen stark konservativ geprägt seien.

Alles Selbstbetrug!, erregt sich Irina Solomatina, Leiterin der NGO „Working Women“ in Minsk. Gender- und Gleichstellungsfragen würden nicht nur von den „drei Grazien“, sondern auch ihrem Team ignoriert. Die wahren Probleme belarussischer Frauen – wie häusliche Gewalt und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt – würden nicht thematisiert. Das spiele dem Patriarchen Lukaschenko in die Hände.

Und wie geht es weiter in Belarus? Der Winter behindert die Protestaktionen – dennoch wird nach wie vor demonstriert, vor allem von Frauen. Und selbst wenn es kein feministischer Aufbruch ist, wird es für sie kein Zurück in alte, patriarchale Verhältnisse mehr geben. Auch das zeigen die Autorinnen der Flugschrift. Lesenswert!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare