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Das langsame Sterben der Ostukraine

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Von: Peter Rutkowski

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Der zehnjährige Savelil trauert um seinen bei Irpin gefallenen Vater Igor, der zur Armeereserve gehörte.
Der zehnjährige Savelil trauert um seinen bei Irpin gefallenen Vater Igor, der zur Armeereserve gehörte. © dpa

Die Vereinten Nationen holen Flüchtlinge aus Mariupol. Millionen Tonnen Getreide liegen auf Halde.

Auf die schlimmste nur erdenkliche Weise lernt die Welt alle Orte in der Ukraine kennen – wenn sie nämlich zum Schlachtfeld werden. Nun rückt im Osten des Landes die Stadt Lyman in den Fokus. Aus ukrainischer wie westlicher Sicht dürfte der Eisenbahnknotenpunkt in der Oblast Donezk der nächste Ort sein, der in die Hände der russischen Invasoren und der mit ihnen verbündeten Separatisten fallen wird. Wann, kann niemand sagen. Über die Dauer des Leidens Aussagen zu treffen, verbietet sich eigentlich von selbst.

Aber Zahlen. Die UN beziffern nun die Zahl der zivilen Todesopfer mit 3153. Mehr als 3000 Tote in 68 Tagen Krieg, 254 mehr seit vergangenem Freitag. Und die allermeisten werden durch Bomben, Artillerie oder Raketen getötet. Massaker wie in Butscha und Borodjanka bilden da noch die Ausnahme.

Entsprechend glücklich waren die gut 100 Menschen, die es über Sonntagnacht schafften, mit Hilfe der Vereinten Nationen aus dem umlagerten Asowstal-Werk in Mariupol heil herauszukommen und in ukrainisch kontrolliertem Gebiet zu landen. Teilweise wurde der Konvoi aus Bussen und Pkw auf dem Weg raus noch aufgehalten; bis zu den letzten Metern war es offenbar nicht sicher, ob man nicht würde umkehren müssen. An den Zielpunkten spielten sich teilweise dramatische Szenen ab, als Gerettete in Tränen ausbrachen oder nach dem Wegfall der monatelangen Anspannung dem Zusammenbruch nahe schienen.

Derweil gehen Leiden und Zerstörung an anderen Orten in dem weiten ostukrainischen Frontbogen mit unverminderter Härte weiter. Laut einer Twitter-Meldung des „Kyiv Independent“ wurde das Gymnasium von Lyssytschansk in der Oblast Luhansk durch den Beschuss russischer Artillerie komplett zerstört. Das historische Gebäude hatte beide Weltkriege überstanden.

In der Region Charkiw im Norden und bei Ivanovka-Zahadovka im Süden versuchten Sonntag auf Montag russische Truppen durch die Verteidigungsstellungen der Ukrainer zu brechen, scheiterten aber an beiden Orten offenbar unter hohen Verlusten. In Enerhordar hielt der Beschuss durch russische Raketenartillerie die Nacht hindurch an.

Angesichts dessen werden im Westen immer mehr Stimmen laut, die noch massivere Waffenhilfe für die Ukraine fordern. Nancy Pelosi, Präsidentin des US-Repräsentantenhauses, versprach am Montag, die bisherige Hilfe noch auszuweiten. Auch CDU-Generalsekretär Mario Czaja fordert entschieden mehr Unterstützung für Kiew.

Martin Frick, der deutsche Direktor des World Food Programme der UN, warnte am Montag, dass nun rund 4,5 Millionen Tonnen Getreide in der Ukraine lagern, die wegen der russischen Blockade oder Verminung von Häfen am Schwarzen Meer nicht verschifft werden können. Über den Landweg kann das Getreide praktisch nicht transportiert werden: Züge und Straßen sind in der einen Richtung mit Flüchtenden überfüllt, in der anderen mit Hilfs- und Militärgütern. mit afp/dpa

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