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Drogenkrieg

Karussell des Terrors: Mexiko ist Kriegsgebiet

  • Klaus Ehringfeld
    VonKlaus Ehringfeld
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In immer mehr Regionen Mexikos sind die Menschen der organisierten Kriminalität ungeschützt ausgeliefert. Präsident López Obrador aber flüchtet sich in Allgemeinplätze.

Mexiko - Man kommt in diesen Tagen kaum noch hinterher. Wo in Mexiko war das jüngste Massaker, welche Kartelle waren beteiligt? Wie viele Menschen sind wieder gestorben? Welchen Bundesstaat hat es jetzt erwischt? Die täglichen Nachrichten von der Front überschlagen sich und werden immer gespenstischer. Mitte Juli wurde die Situation in Chiapas im Süden des Landes unerträglich, nachdem in den Wochen zuvor Horrornachrichten vor allem aus dem Norden des Landes um die Welt gingen.

Aus Protest gegen das Nichtstun der staatlichen Sicherheitskräfte besetzten Ende des Monats rund 3000 Menschen in der Ortschaft Pantelhó in den Bergen von Chiapas die Straßen und das Bürgermeisteramt. Seit Anfang des Monats drohten, mordeten und plünderten bewaffnete Gruppen vor allem in den indigenen Gemeinden in dem Bundesstaat an der Grenze zu Guatemala wie noch nie zuvor.

September 2019: In Tijuana gehen 26 Tonnen Drogen in Flammen auf.

Terror beherrscht ganz Mexiko

Immer mehr Menschen werden aus ihren angestammten Gebieten vertrieben. Es geht wie so oft um den illegalen Handel mit Drogen, mit Waffen und Menschen. Und wer die Missstände öffentlich macht und auch noch die Hilfe des Staats fordert, wird ermordet, wie der Menschenrechtsaktivist Simón Pérez. Er wurde Anfang Juli auf dem Weg zum Einkaufen per Kopfschuss exekutiert.

Es gibt mittlerweile kaum noch eine Ecke in dem zweitgrößten Land Lateinamerikas, die dem Terror entkommt. Längst sind es nicht mehr nur die Nordprovinzen, wo die Mafias regieren. Ganz Mexiko ist – mehr oder minder – Kriegsgebiet. Und das Land erlebt die brutalste Etappe seiner Geschichte, ganz egal, ob es mal einen Monat ein paar mehr oder ein paar weniger Tote und Verschwundene gibt. 100 Morde pro Tag, von denen 90 nicht aufgeklärt werden, sind die grausige Alltagsquote.

Mexiko
PräsidentAndrés Manuel López Obrador
HauptstadtMexiko-Stadt
Bevölkerung 127,6 Millionen (2019)

Mexiko: Mehr als 36.000 Morde im Jahr 2020

Gerade erst bestätigte die Statistikbehörde INEGI die Zahl der Morde im vergangenen Jahr: 36.579. Schon jetzt zeichnet sich ab: 2021 dürfte noch blutiger werden. „Wir durchleben gerade ein kollektives Trauma“, sagt die Psychologin Cecilia López, Professorin an der Autonomen Universität von Tlaxcala. Mexiko sei ein „in Teilen gekaperter Staat“, findet der Kriminalitätsexperte Edgardo Buscaglia.

Die aktuellen Szenen und Zahlen des „Narcokriegs“ passen eher zu einem Land wie Syrien als zu einem G20-Staat. Mexiko ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Region und eine der größten Demokratien der Welt. Aber seine Bevölkerung ist nicht nur der organisierten Kriminalität ausgeliefert, sondern vor allem einem Staat, der unfähig oder unwillig ist und oft genug mit den Kartellen gemeinsame Sache macht. Und der linksnationalistische Präsident Andrés Manuel López Obrador behauptet von der Kanzel seiner täglichen Pressekonferenzen aus ungeniert: „Das Land ist befriedet.“

Mexiko: Zacatecas und Tamaulipas sind Schauplatz furchtbarer Massaker

Man sollte mal die Menschen in Chiapas fragen, was sie von solchen Mantras halten. Oder die in den nördlichen Bundesstaaten Zacatecas oder Tamaulipas. Beide Staaten waren in den vergangenen Wochen Schauplatz von furchtbaren Massakern. In Reynosa, Tamaulipas, marschierten Mitte Juni bewaffnete Männer am helllichten Tag über eine Hauptstraße und streckten wahllos Menschen nieder. Arbeiter:innen, Studierende, ganze Familien wurden niedergemacht. 35 Opfer waren am Ende zu beklagen.

Grund der blutigen Wüterei: Man wollte ein konkurrierendes Kartell einschüchtern. Und den Staat herausfordern. „Calentar la plaza“ nennt man das auf Spanisch. Den „Platz aufheizen“. Die Gewaltszenen wirken dabei wie aus Serien von Streamingdiensten entnommen: von Brücken hängende Polizistenleichen, zerstückelte Männer in Müllsäcken, Massaker an Partygästen, blutige Überfälle auf Bars und Kneipen.

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Mexikos Karussell des Terrors dreht sich immer schneller. Das organisierte Verbrechen umschlingt einer Krake gleich das ganze Land – man kennt diese grob vereinfachenden Karikaturen. Aber angesichts all der Gewalt scheinen Grobheiten manchmal die einzige – hilflose – Antwort. Das „Sinaloa-Kartell“, früher geführt von Joaquín „El Chapo“ Guzmán, der sich gerne als einfacher braver Bauer oder Kleinbürger inszenierte, muss sich an immer mehr Orten der Konkurrenz des „Cártel de Jalisco Nueva Generación“ erwehren. Diese äußerst blutrünstige Truppe macht dem Sinaloa-Syndikat Routen, Reviere und Reichweiten streitig. Es gibt kaum noch Gebiete, kaum noch Geschäftszweige, die frei von Kriminellen sind.

Die Regierungen der früheren Jahre ließen die Kartelle lange gewähren oder waren mit ihnen sogar verbündet. Die Staatschefs Felipe Calderón (2006 bis 2012) und Enrique Peña Nieto (2012 bis 2018) erklärten ihnen dann den Krieg. Es wurde nur schlimmer statt besser.

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Präsident Obrador hat in Mexiko nichts erreicht

Nachfolger López Obrador wollte dann von 2018 an alles anders und besser machen, hat aber nichts erreicht. Er wollte mit „Abrazos, no balazos“, mit Umarmungen statt mit Kugeln die Kartelle besiegen. Das war geradezu töricht naiv – auf jeden Fall extrem gefährlich. Die organisierten Banden sind immer mehr geworden und zusammen immer stärker. Das sind die Dimensionen, in denen Mexiko sich heute bewegt, und die nichts Gutes ahnen lassen. (Klaus Ehringfeld)

Rubriklistenbild: © GUILLERMO ARIAS/afp

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