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Verletzte im Ukraine-Krieg: „Das größte Problem ist die Menge an Amputationen“

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Von: Viktor Funk

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Ein Mann im ukrainischen Irpin versorgt seinen Stumpf.
Ein Mann im ukrainischen Irpin versorgt seinen Stumpf. © afp

Täglich Hunderte Verletzte, viele mit Amputationen: Im FR-Interview berichtet Ottobock-Manager Oliver Jakobi über die schwierige Hilfe für Betroffene in der Ukraine.

Herr Jakobi, seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sieht man mehr und mehr Fotos von Menschen, denen Gliedmaßen fehlen. Die ukrainische NGO „Stopkor“ berichtete im Juni von rund 500 Verletzten täglich, rund die Hälfte von ihnen würde demnach Prothesen brauchen. Sie waren im Sommer mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in der Ukraine, was haben Sie dort gesehen?

Wir waren in vier Krankenhäusern, im ersten haben wir rund 20 Menschen mit amputierten Gliedmaßen gesehen. Die meisten Betroffenen trugen kugelsichere Westen oder andere Schutzanzüge, ihr Torso ist oft unverletzt, aber die Gliedmaßen sind betroffen. Das Schlimme war die Komplexität der Verletzungen. Wenn wir zum Beispiel in Deutschland über Amputationsgründe sprechen, dann können das eine Gefäßerkrankung sein, ein Tumor oder ein Unfall. Die Amputation ist am Körper lokal begrenzt. Was mich in der Ukraine schockiert hat, waren die Patienten mit Verbrennungen. Ihre Verletzungen kommen oft von Explosionen und Feuer und das erhöht die Komplexität der Verletzungen erheblich.

Wie wirkt sich das auf die Behandlung aus?

Wenn wir Menschen mit Prothesen versorgen, dann brauchen wir einen direkten Hautkontakt. Verbrennungen müssen aber erst einmal abheilen. Das dauert. Fachleute sagen, es kann bis zu neun Monate dauern, bis man die betroffene Haut wieder berühren kann. Bis man eine Prothese anlegen kann, dauert es noch einmal länger. Doch je länger ich mit einer prothetischen Versorgung warte, desto schwieriger wird die Rehabilitation.

Weil der Körper abbaut?

Der Muskelapparat ist nach sechs Monaten stark geschwächt, das Gleichgewichtsgefühl leidet, und das psychologische Trauma wird mit der Zeit schlimmer. Wenn zum Beispiel ein Traumapatient bei einem Unfall ein Bein verliert, kann er günstigenfalls nach vier Wochen auf einer provisorischen Prothese stehen. Klar, er muss sich jetzt an einiges gewöhnen, aber psychologisch ist so jemand in der Regel stabil genug. Die ukrainischen Betroffenen liegen aber monatelang und sind auf Hilfe angewiesen. Sie werden unselbstständiger und verlieren schlimmstenfalls die Hoffnung, dass sie sich selbst versorgen können. Das ist natürlich nicht bei allen so, aber solche Fälle gibt es in Kriegsregionen mehr als bei uns, wo ruhig gearbeitet werden kann.

Hat der Krieg, der in der Ost-Ukraine schon 2014 begann, den Bedarf an Prothesen erhöht?

Es gab nach 2014 Hilfe vor allem für Militärangehörige, aber diese Hilfe wurde eher von Exil-Ukrainern in den USA und Kanada organisiert, wo die Betroffenen auch behandelt wurden. Wer im Land versorgt wurde, bekam Hilfe innerhalb des Gesundheitssystems des Landes. Ottobock selbst hat dort kein eigenes Versorgungszentrum, aber Partner vor Ort. Wir haben Techniker unserer Partner ausgebildet. Jetzt können diese nach dem heutigen Stand der Technik arbeiten, so wie bei uns in Deutschland. Sie sind jetzt unsere Multiplikatoren und bilden ihrerseits vor Ort aus.

Zur Sache

Es gibt keine verlässlichen Zahlen zu ukrainischen Opfern des Krieges. Schätzungen und Hochrechnungen von Fachleuten gingen bis zur Offensive der ukrainischen Armee Mitte September von 500 Verletzten täglich aus.

Insbesondere zum Thema Amputationen gibt es gar keine Daten, das bestätigt auf Anfrage auch die Organisation Handicap International. In einem Bericht der französischen Zeitung Le Monde vermutet Andriy Ovcharenko, Leiter einer Hilfsorganisation für Menschen mit Amputationen, dass Kiew die Zahl nicht bekanntgeben will, um die Bevölkerung nicht zu „demoralisieren“. vf

Haben Sie kein eigenes Personal in der Ukraine?

Wir können aktuell aus Sicherheits- und Versicherungsgründen keine eigenen Mitarbeiter in die Ukraine entsenden. Wir engagieren uns anders. Über ein Projekt der Malteser International ist in diesen Tagen eine mobile Werkstatt von uns in die Ukraine gegangen. Für ihre Nutzung haben wir gerade drei Wochen lang zwei ukrainische Techniker ausgebildet und zwar sowohl traditionell, also wenn ein Gipsabdruck für den Schaft der Prothese angefertigt wird, als auch mit modernen digitalen Mitteln, um den größeren Bedarf überhaupt abdecken zu können. Der Stumpf eines Arms oder eines Beines wird gescannt, dann modellieren wir am Computer die Verbindung zwischen dem Stumpf und der Prothese, den Schaft. Der Schaft kann dann hier, in Polen oder vor Ort gefertigt und angepasst werden. So können wir schneller arbeiten und mehr Menschen versorgen.

Wie viele Spezialisten für Prothesen braucht die Ukraine?

Es fällt mir schwer, einen Faktor zu nennen, der den Bedarf richtig einschätzt. Sicherlich müssen derzeit ein Vielfaches der Amputationen in der Ukraine vorgenommen werden gegenüber Vorkriegszeiten. Die Infrastruktur für die Prothesenherstellung im Land ist dafür nicht ausgelegt. Damit meine ich nicht nur die Werkstätten, sondern auch die Spezialisten, die die Prothesen herstellen und sie anpassen können. Unsere Partner berichten, dass es schwierig ist, Leute zu finden, die sich schulen lassen wollen. Viele sind ja auch im Kampf. Wir versuchen deswegen jetzt auch mit Physiotherapeuten zusammenzuarbeiten, nicht nur mit Orthopädietechnikern. Es ist absehbar, dass der Bedarf an Spezialisten in diesem Beruf groß sein wird.

Was sind die wichtigsten Probleme für eine schnelle Hilfe für Menschen mit Amputationen in der Ukraine?

Schnell viel zu helfen, das kann auch die Leute vor Ort überfordern. Man muss sich mit dem Bedarf auseinandersetzen, es muss die richtige Hilfe in der richtigen Dosis sein. Das ist wichtig.

Wie würden Sie es denn besser machen?

Indem man vor Ort zum Beispiel den Bedarf besser versteht und kennt. Das Wissen fehlt uns. Denn jede Prothese ist sehr individuell. Es gibt unzählige Kombinationen, wie Prothesen aufgebaut werden können. Wir müssen wissen, was genau benötigt wird: Arm – Oberarm, Unterarm; Bein – Oberschenkel, Unterschenkel; ist die Person männlich oder weiblich. Welche besonderen Bedürfnisse gibt es? Wir haben zum Beispiel sehr viele verschiedene Lösungen für Kniegelenke. Brauche ich was Aktives, etwas mit viel Sicherheit, wie komfortabel muss es sein? Das müssen wir wissen. Diese Informationen fehlen uns in der aktuellen Situation noch.

Warum fehlen diese Informationen?

Da viele Soldaten unter den Patienten sind, werden uns diese Informationen nicht gegeben. Also liefern wir aktuell so, wie wir es einschätzen. Damit können wir schon vielen helfen. Mit dieser Einschätzung kann sicherlich in 60 bis 70 Prozent der Fälle bedarfsgerecht versorgt werden. Aber bei 30 bis 40 Prozent treffen wir den Bedarf nicht optimal. Das ist keine zielgerichtete Hilfe. Mir wäre es lieber, wenn wir jemanden vor Ort hätten, der uns genau sagen könnte, was für wen benötigt wird. Namen brauchen wir nicht, aber die wichtigsten medizinischen Informationen. Dann können wir es passgenau zusammenstellen.

Oliver Jakobi kümmert sich als Mitglied der Geschäftsführung des Prothesenherstellers Ottobock um den weltweiten Vertrieb. Das 1919 gegründete Unternehmen gehört zu den weltweit führenden in seiner Branche.
Oliver Jakobi ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied (CEO) beim Prothesenhersteller Ottobock und unter anderem für den weltweiten Vertrieb verantwortlich. Das 1919 gegründete Unternehmen gehört zu den weltweit führenden in seiner Branche. © Ottobock

Wächst die Bereitschaft, diese Daten zur Verfügung zu stellen?

Nein, bislang nicht. In der Situation, in der sich die Ukraine befindet, müssen wir geduldig sein und immer wieder mit unseren Partnern sprechen. Gemeinsam suchen wir nach Lösungen, um unsere Hilfe unter den gegebenen Umständen bestmöglich zu den Patienten zu bringen. Wir müssen ja zum Beispiel für die mobile Werkstatt wissen, wie viele Techniker es braucht, um den Bedarf einigermaßen zu decken, und wie wir sie ausstatten müssen. Ein Techniker hat ja nur begrenzt Kapazität. Aktuell können wir da nur spekulieren. Zusammen mit Kollegen von der Charité, mit denen ich in der Ukraine war, haben wir an einem Abend versucht, anhand der offiziellen Opferzahlen abzuleiten, wie groß der Bedarf an Prothesen ist. Im Vergleich mit anderen Konflikten ist eine Größenordnung von rund 500 Verletzten täglich realistisch, aber wie viele von ihnen schwer verletzt sind – das wissen wir nicht.

Es gibt Bilder von Kindern mit Amputationen, wie können Sie ihnen helfen? Müssen die Prothesen regelmäßig erneuert werden?

Die Prothese muss ein bis zweimal im Jahr angepasst werden, je nach Wachstum. In der Ukraine selbst wissen wir auch nicht, wie viele Kinder betroffen sind. Einige sind ausgeflogen worden, unter anderem hierher nach Deutschland, sie wurden beispielsweise im bayerischen Traunstein oder in der Medizinischen Hochschule Hannover behandelt.

Was lernen Ihre Techniker aus diesem Krieg?

Es war ja auch sonst nicht wirklich ruhig, wir haben leider Konflikte in vielen Regionen, beispielsweise Syrien, Irak oder Libyen. Für den Irak zum Beispiel haben wir jetzt ein Programm, in dem wir Menschen im Land selbst schulen, damit die Betroffenen direkt im Land versorgt werden können. Die eigentlichen Komplexitäten bei der Versorgung ergeben sich aus dem medizinischen Bereich, wenn die Stümpfe sehr vernarbt sind oder Phantomschmerzen da sind, dafür gibt es im Prinzip Lösungen. Das größte Problem bei der Versorgung Betroffener in gewaltsamen Konflikten sind die Menge an Amputationen und die fehlende Infrastruktur für die Hilfe. Die ukrainische Seite hat mehrfach bestätigt, dass sie die Patienten im Land versorgen will. Wir hätten gerne ein Camp in Polen aufgebaut, zwei Stunden von Lwiw entfernt, wo unsere Orthopädietechniker viele Menschen versorgen könnten.

Aber?

Ich kann leider nicht sagen, warum die Ukraine das bislang nicht machen möchte. Aber man darf das auch nicht dramatisieren. Die Ukraine versorgt die Betroffenen ja. Aus meiner Sicht wäre es kurzfristig aber sicher hilfreich, die große Zahl der Patienten aufzufangen. Mittelfristig müssen Rehabilitationszentren aufgebaut werden, das steht für die Zukunft an. (Interview: Viktor Funk)

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