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An Kanadas Wahrheitstag 2021 waren sich viele nicht sicher, ob ihr Kampf fruchten würde.
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An Kanadas Wahrheitstag 2021 waren sich viele nicht sicher, ob ihr Kampf fruchten würde.

Kanada

Kanada bringt Milliarden-Entschädigung für First Nations auf den Weg

  • VonGerd Braune
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In Kanada wurden Indigene jahrzehntelang benachteiligt – jetzt hat die kanadische Regierung sich mit Organisationen der First Nations auf Entschädigungen und Investitionen von 40 Milliarden Dollar verständigt.

Kanada - Jahrzehntelang, bis in die jüngste Vergangenheit, wurden indigene Kinder und ihre Familien in Kanada benachteiligt. Statt den Kommunen zu helfen, wurden Kinder von dort fortgerissen und der staatlichen Fürsorge überlassen. Am 31. Dezember 2021 hat sich die kanadische Regierung mit den Obersten der First Nations auf Entschädigungszahlungen für indigene Kinder und deren Familien sowie auf Änderungen in der Jugendfürsorge verständigt. 40 Milliarden kanadische Dollar – umgerechnet sind das rund 28 Milliarden Euro – stehen dafür bereit.

„Zu lange hat die Regierung das Wohlergehen von Familien und Kindern der First Nations nicht angemessen finanziert und unterstützt“, gestand Patty Hajdu, die für Dienstleistungen für indigene Völker zuständige Ministerin, an diesem Dienstag. „Keine Entschädigung kann das Trauma gutmachen, das Menschen erlebten, aber die Vereinbarung anerkennt den Schmerz, der durch Diskriminierung verursachte wurde.“

Kanada: Übereinkunft schon jetzt als historisch eingestuft

Die jetzt schon als historisch eingestufte Übereinkunft ist wohl die umfänglichste Vereinbarung über Schadensersatz in der Geschichte Kanadas. Damit wird auch die seit Jahren laufende Sammelklage von Opfern ihr Ende finden. Die Vereinbarung berücksichtigt Klagen bis zurück nach 1991 und betrifft mindestens 200.000 Kinder. Die Hälfte der Entschädigung ist für die durch die diskriminierende Jugendwohlfahrt geschädigten Familien gedacht, die andere Hälfte soll in den nächsten fünf Jahren zur fundamentalen Reform der Jugendfürsorge in indigenen Gemeinden genutzt werden.

Das kanadische Menschenrechtstribunal hatte Anfang 2016 festgestellt, dass der Staat über Jahrzehnte für Indigene weniger Hilfen und Sozialleistungen in Notlagen wie Wohnungsmangel, Alkohol- und Drogenkrankheit bereitstellte als für andere Ethnien. Die zuständigen Sozialdienste erhielten auch weniger Geld als Dienste anderswo. Dieses systemische Versagen führte dazu, dass Kinder der First Nations ihren Familien weggenommen und Pflegeeltern übergeben wurden, meist außerhalb ihrer Gemeinden und überwiegend in nicht-indigene Familien.

Bereits 2007 hatte die „Assembly of First Nations“ (AFN) gegen die geringe Finanzierung ihrer Sozialdienste geklagt, unterstützt von der „First Nations Child and Family Caring Society“, die sich für Gleichheit und Gerechtigkeit in der Sozialhilfe für indigene Kinder einsetzt.

Kanada: Jahrelanger juristischer Streit

2007 dann beschloss das Parlament den Rechtsgrundsatz „Jordan’s Principle“ für die Gleichbehandlung aller Kinder; die Diskriminierung dauerte aber an. Erst die seit Ende 2015 regierenden Liberalen von Justin Trudeau versprachen konkrete Änderungen. Das brachte Jahre juristischen Streits ein, der aber dann endlich am Freitag vergangener Woche, dem Silvestertag, in die Unterschriften von Regierung und First Nations unter die Grundsatzeinigung mündete. Die damit festgelegte Entschädigungssumme geht nochmal deutlich über die vom Menschenrechtstribunal 2019 festgesetzten bis zu 28 000 Euro pro Kind und dessen Familie hinaus.

Maßgeblich an den Verhandlungen beteiligt war Cindy Woodhouse, die als „Regional Chief“ die Indigenen der Provinz Manitoba vertritt: „Jahrzehntelang wurden jeden Tag Kinder der First Nations, selbst Neugeborene, ihren Familien und Gemeinden entrissen“, erinnerte sie anlässlich der Einigung. In bewegenden Worten schilderte sie die in vielen Gemeinden so lange vorherrschende Armut – nichts zu essen, keine Kleidung, keine Unterkunft. Deshalb und nicht wegen vorgeblich mangelnder elterlicher Fürsorge mussten die Kinder unter Zwang in Pflegefamilien, um medizinische und andere Hilfe zu bekommen.

Folgen für First Nations: Verlust an Identität, Sprache und Kultur

Folge des Systems war für viele Kinder der Verlust an Identität, Sprache und Kultur, der Bindung an Familie und Gemeinden. Hinzu kommen Fälle von Missbrauch. Ein an der Sammelklage der First Nations beteiligter Anwalt schilderte den Fall eines Achtjährigen, der seiner Familie weggenommen wurde und in den darauffolgenden zehn Jahren 14 verschiedene Pflegefamilien durchstehen musste. Der Staat habe „monumentale Fehler“ begangen, die dazu geführt haben, dass selbst heute noch der Anteil indigener Kinder in staatlicher Fürsorge und in Pflegefamilien überdurchschnittlich hoch ist, wie die AFN kritisiert. Für den Dachverband der indianischen Nationen ist diese Diskriminierung in der Jugendfürsorge eine Fortsetzung des tragischen Systems der „Residential Schools“, der inzwischen abgeschafften staatlichen Internate, in denen indigene Identität systematisch zerstört wurden.

Cindy Blackstock von der „First Nations Child and Familie Caring Society“ gehört zu denen, die für die Interessen der Kinder stritten. Immer wieder forderte sie die Regierung auf, „jetzt und für immer alle Ungleichheiten“ bei den Sozialleistungen für indigene Kinder zu beenden.

Die jetzt erzielte Einigung ist noch nicht rechtlich bindend, sie muss von Gerichten noch abgesegnet werden. Auch muss noch das Verfahren der Auszahlung von Entschädigung geklärt werden. Dies soll jetzt aber nur noch wenige Monate in Anspruch nehmen, damit 2022 der Anfang gemacht wird. Für Kanada, das sich seit mehr als 20 Jahren kritisch mit seinem Verhalten gegenüber den indigenen Völkern und diesem schändlichen Teil seiner Geschichte auseinandersetzt, ist die Vereinbarung vom Silvestertag ein weiterer Schritt auf dem Weg der „Reconciliation“ – dem Versuch, das Leben indigener und nicht-indigener Bevölkerung auf eine neue, versöhnlichere Basis zu stellen. (Gerd Braune)

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