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Ukraine-Krieg: Israels Premier startet diplomatische Offensive

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Von: Maria Sterkl

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Bennett (links vorne) und aus der Ukraine Entkommene bei der Rückkehr nach Israel.
Bennett (links vorne) und aus der Ukraine Entkommene bei der Rückkehr nach Israel. © M. Alleruzzo/afp

Lange ignoriert Israels Premier Naftali Bennett den Ukraine-Krieg – jetzt aber startet er eine diplomatische Offensive, auch wenn er sich auf verlorenem Posten wähnt.

„Bennett, wach auf!“ schallt es aus dem Megafon, und die Menge klatscht. Ein paar Hundert Menschen haben sich Samstagabend im Norden Tel Avivs vor der russischen Botschaft versammelt. Sie schwenken blau-gelbe Fahnen und rufen Israels Premier dazu auf, endlich Russlands Kriegsverbrechen in der Ukraine auch als solche zu benennen.

Was die Demonstrierenden nicht wissen: Naftali Bennett ist zu dem Zeitpunkt gar nicht im Lande. Er ist in den Morgenstunden des Samstags in eine Maschine des Auslandsgeheimdienstes Mossad gestiegen, um das zu tun, was kein anderer Regierungschef der Welt seit dem Beginn von Russlands Invasion getan hat: Er fliegt nach Moskau, um Wladimir Putin zu treffen.

Ukraine-Krieg: Naftali Bennett trifft Wladimir Putin

Drei Stunden lang dauert ihr Gespräch, über den Inhalt wird geschwiegen. Man habe das Treffen aber Washington, Kiew, Berlin und Paris akkordiert, heißt es in Jerusalem. Rund um die Moskau-Reise telefonierte Bennett auch drei Mal mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Von Moskau aus flog Bennett dann direkt nach Berlin, um Bundeskanzler Olaf Scholz zu treffen. Später heißt es, Scholz und Bennett wollten gemeinsam alles versuchen, um den Krieg so schnell wie möglich zu beenden.

Wie wahrscheinlich sein Mediationsversuch ist, darüber möchte Israels Premier keine allzu große Hoffnung machen. „Die Erfolgschancen sind nicht groß“, gestand er. Es sei aber Israels „moralische Verpflichtung, jede Anstrengung zu unternehmen“, um den Krieg zu beenden, sagte Bennett bei der Regierungssitzung in Jerusalem am Sonntag.

Der Regierungschef eines Neun-Millionen-Einwohner-Staates als Vermittler zwischen Giganten, noch dazu in einem Konflikt, an dem sich zuvor schon größere Mächte die Zähne ausgebissen hatten? Zuhause wurde Bennett dafür mit Häme überschüttet: Es gehe ihm nur darum, sich aus dem Schatten seines diplomatisch erfahrenen Vorgängers Benjamin Netanjahu zu befreien, meinten manche kritische Stimmen.

Ukraine-Konflikt: Israel hat sich zaudernd gezeigt – jetzt will Bennett vermitteln

Dass es Bennett vor allem darum ging, ist aber unwahrscheinlich. Nicht zuletzt, weil der Besuch am jüdischen Ruhetag Schabbat stattfand. Bennett ist religiös, wie auch sein ukrainischstämmiger Bautenminister Zeev Elkin, der ihn begleitete. Das Brechen des Schabbes ist dann gerechtfertigt, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten – zur parteipolitischen Imagepflege eher nicht.

Israel hatte sich bislang äußerst zaudernd gezeigt. Man konzentrierte sich auf humanitäre Hilfen für die Ukraine. Zuletzt wurde die Errichtung eines großen Feldhospitals zugesagt, israelische Ärzte und Ärztinnen werden dort im Einsatz sein. Zudem werden Vertragsbedienstete des israelischen Außenamtes an diversen Grenzposten der Ukraine stationiert, um Geflüchteten mit Sachhilfen beizustehen.

An Sanktionen gegen Russland beteiligt sich Israel aber nicht, abgesehen von einem jüngst verhängten, eher irrelevanten Verbot für russische Oligarchen, ihre Privatjets in Israel zu parken. Auch militärische Hilfe für die Ukraine steht nicht zur Debatte, eine Belieferung des unter schwerem Beschuss stehenden Landes mit dem Raketenabwehrschutzschild „Eiserne Kuppel“ lehnt Jerusalem ab.

Israel im Ukraine-Konflikt: Gesprächsbasis mit Wladimir Putin?

In Moskau erntete Israel dafür Popularitätspunkte. Ob das schon ausreicht, um eine Gesprächsbasis mit Wladimir Putin aufzubauen und ihn zu Kompromissen zu bewegen, ist fraglich. Die Frage, inwiefern sich Israel mit seiner Zurückhaltung längerfristig mehr schadet als nutzt, wird auch zuhause heftig diskutiert. Bei Israels wichtigstem Verbündeten, den USA, macht sich Bennett mit der Haltung kaum Freunde.

Auch in der großen ukrainischstämmigen Community Israels, aber auch in Teilen der Eingewanderten aus anderen Teilen der ehemaligen Sowjetunion, wird Kritik laut. Selbst solche, die Putin sonst unterstützen, sehen den Angriffskrieg skeptisch.

Unter den ukrainischen Israelis schürt aber vor allem der Umgang mit ukrainischen Flüchtlingen Zorn. Wer Verwandte aus der alten Heimat nach Israel nachholen will, muss dafür eine Kaution von umgerechnet so 2800 Euro hinterlegen. Nicht alle schaffen das, einigen wurde deshalb die Einreise verwehrt. „Es ist abscheulich“, sagt eine Künstlerin aus Jerusalem, die darauf wartet, endlich ihre in Odessa lebende Cousine und deren Familie ins Land holen zu können.

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Der Kleinstparteichef Bennett, dem das Amt des Premiers 2021 eher überraschend zufiel, hat aber einen anspruchsvollen Spagat zu meistern: Washington nicht vergrämen, aber zugleich eine gewisse Gesprächsbasis mit Putin erhalten, da Russland infolge seiner Präsenz im Feindesland Syrien de facto zu einem Nachbarn Israels geworden ist.

Ob diese Gemengelage es Bennett erschwert, zwischen Moskau und Kiew zu vermitteln – oder ob sie ihn geradezu deshalb dafür prädestiniert? Aus dem Mund des tiefgläubigen Premiers klingt das so: „Solange die Kerze noch brennt, müssen wir uns bemühen.“ (Maria Sterkl)

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