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Das Duell der Präsidenten

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Von: Stefan Scholl

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Ein beherzter Veteran der Medien.
Ein beherzter Veteran der Medien. carolyn Kaster/AP/dpa © dpa

Zum Jahresende zeigt Selenskyj Format. Dagegen macht Putin eine ärmliche Figur. Der eine brilliert in Washington, der andere mimt den Feldherrn. Fern der Front offenbar.

Selenskyj war im Weißen Haus, Putin in der Nähe der Front. Die Staatschefs der Ukraine und Russlands liefern sich zum Jahresende ein Propaganda-Duell eigener Art.

Wladimir Putin stieg als erster in den Ring. Gegen 14 Uhr MEZ am Mittwoch trat er in Moskau vor das Kollegium des Verteidigungsministeriums: Jetzt sei ja praktisch das gesamte Militärpotential der Nato gegen Russland im Einsatz. „Trotzdem kämpfen unsere Soldaten, Sergeanten und Offiziere tapfer und standhaft für das Vaterland und erfüllen Schritt für Schritt die gestellten Aufgaben.“ Es folgten eine knappe Viertelstunde technischer Vorschläge zur Stärkung der Kampfkraft, Putin gebrauchte Worte wie „verbessern“ und „vervollkommnen“. Er bleibt seiner Hauptbotschaft weiter treu: Alles läuft nach Plan! Am Ende gibt es etwa sieben Sekunden Applaus.

Der Auftritt seines Gegners begann fast 13 Stunden später, vor dem US-Kongress in Washington. Mit Verzögerung, weil es schon vorher stehende Ovationen gab. „Die Ukraine ist nicht gefallen, sie lebt noch und kämpft“, verkündete Wolodymyr Selenskyj. Wieder heftiger Beifall. „Wir haben schon gesiegt, weil wir keine Angst mehr haben.“

Selenskyj trug auch in Washington ein langärmliges T-Shirt in Tarnoliv, das Image verlangt es. Doch ein anderes Publikum und ein anderes Pathos, aber Selenskyj hielt an seiner Kriegsbotschaft fest: Wir verteidigen auch den Westen und seine Werte gegen die russische Tyrannei, aber wir brauchen mehr Waffen.

Außer mit Präsident Joe Biden traf sich Selenskyj auch mit gewichtigen Republikanern, Putin besuchte am Montag zumindest den weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko in Minsk. Auch die übrigen GUS-Staatschefs lud er zu einem „informellen“ Gipfel am 26. Dezember in St. Petersburg ein.

Noch demonstrativer suchte er die Nähe seiner Krieger. Vergangenen Freitag verbrachte er laut Kreml „den gesamten Tag“ im Stab der Streitkräfte, die in der Ukraine kämpfen, am Dienstag verkündete der Duma-Abgeordnete Andrej Guruljow, Putin sei gar in der „Zone der Spezialoperation“ gewesen. Was Kremlsprecher Dmitri Peskow denn auch bestätigte. Aber Bilder vom Frontbesuch sind Fehlanzeige. Und das oppositionelle Portal „agents.media“ schreibt, es handele sich um Putins Aufenthalt in jenem Stab, der sich im südrussischen Rostow am Don befindet.

Dafür war am Dienstag Selenskyj an der Front, in der umkämpften Stadt Bachmut, wo er vor laufenden Kameras Orden an vor Waffen starrende Verteidiger verteilte. Klarer Tagessieger in Public Relations.

Putin, der mal als Kampfflieger und Reiter mit nacktem Oberkörper posierte, ist in der Defensive. Dieses Jahr ließ er seinen Live-Talk mit dem Volk ausfallen, die Rede zur Lage der Nation und die übliche Weihnachts-Pressekonferenz. Als fürchte er größere Menschengruppen.

„Selenskyj war TV-Komiker und Geschäftsmann, er weiß, seine Sache zu verkaufen“, sagt der russische Politologe Juri Korgonjuk. „Putin dagegen überlässt das zusehends seinen Propagandisten. Und seine Umgebung tut alles, um seine Selbsteinschätzung zu bestätigen, auch die Illusion, das Volk vergöttere ihn weiter.“

Selenskyj ist 44, auf Twitter folgen ihm 6,9 Millionen Menschen. Handymuffel Putin ist 70. Selenskyj weiß, dass er jeden Tag neu um die Waffenhilfe des Westens kämpfen muss. Putin hat sich daran gewöhnt, dass Russlands Ressourcen unendlich sind.

Selenskyjs Rhetorik ist leiser, und er versucht, auch die Gegenseite zu überzeugen. Vor dem US-Kongress wandte er sich indirekt auch an Moskau. „Die Russen werden sich erst befreien, wenn sie die Narrative des Kreml in ihren eigenen Köpfen besiegen.“ Putin dagegen hat den Ukrainern schon lange nichts mehr zu sagen.

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